Mark Zuckerbergs 45-Milliarden-Dollar-Spende

Die Idee des Gebens

Der aktuell reichste und der drittreichste Mann der Welt riefen 2010 den „The Giving Pledge“ ins Leben: ein Versprechen, mit dem sich Milliardäre verpflichten, mindestens die Hälfte ihres Vermögens zu spenden.
03.12.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Die Idee des Gebens
Von Thomas Spang
Die Idee des Gebens

Anlässlich der Geburt ihrer Tochter Max haben Priscilla Chan und Mark Zuckerberg angekündigt, 99 Prozent ihres Vermögens von rund 45 Milliarden Dollar zu spenden.

Courtesy of Mark Zuckerberg und Ha, dpa

Mark Zuckerberg und seine Ehefrau Priscilla Chan haben ihrer Tochter Max zur Geburt ein Generationengeschenk gemacht. „Wie alle Eltern wollen wir, dass Du in einer besseren Welt aufwächst, als es unsere heute ist”, erklären sie in einem weltweit veröffentlichten Brief, warum sie Max’ Erbe sozialisiert haben. Die mit Facebook verdienten Milliarden sollen helfen, „das humane Potenzial zu erschließen und Gleichheit für alle Kinder der nächsten Generation fördern”.

Die Zuckerbergs stellen sich damit in eine lange Tradition reicher Wohltäter in den USA, die bis in die Tage des frühen Geldadels zurückgeht. Namen wie Rockefeller und Ford stehen dafür ebenso wie Carnegie-Mellon oder Pew. Während diese Pioniere der amerikanischen Philanthropie ihre Vermögen nach dem Tod guten Zwecken zukommen ließen, stellten Microsoft-Gründer Bill Gates und der Investor Warren Buffet einen neuen Standard auf.

Der aktuell reichste und der drittreichste Mann der Welt riefen 2010 den „The Giving Pledge“ ins Leben: ein Versprechen, mit dem sich Milliardäre verpflichten, mindestens die Hälfte ihres Vermögens bis zu oder bei ihrem Tod wegzugeben. Wenn Buffett und Gates ihr Ziel erreichen, die 400 wohlhabendsten Amerikaner für ihr Projekt zu gewinnen, haben sie 600 Milliarden US-Dollar zusammenbekommen.

Sie befinden sich auf gutem Weg: Schon 138 Milliardäre haben sich bisher dazu verpflichtet, mit warmer Hand zu geben. Zuckerberg gehörte von Anfang an dazu – ohne zuvor die Schlagzeilen zu generieren, die nun die ungewöhnliche Geburtsanzeige seiner Tochter Max begleiteten.

Das mag damit zu tun haben, dass der Facebook-Gründer und seine Frau mit einer eigenen Stiftung unter dem Namen „Chan Zuckerberg Initiative” an den Start gehen. Wie Zuckerberg der Börsenaufsicht SEC mitteilte, erhält diese keine Einmalzahlung, sondern wird über die Zeit mit Zuflüssen aus dem Verkauf von Aktien gespeist. In den nächsten drei Jahren sollen zunächst Aktien für nicht mehr als jeweils eine Milliarde Dollar veräußert werden.

Auch das ist nicht wirklich neu. Bill und Melinda Gates haben mit der nach ihnen benannten Stiftung die Blaupause geliefert. Mit einer Stiftungssumme von heute 44 Milliarden Dollar führt Die Stiftung der Gates’ die Liste dieser steuerbegünstigten Körperschaften in den USA an.

Es gibt auch historische Vorbilder wie etwa die „Smithsonian Institution”. Deren weltberühmte Museen in Washington sind der großzügigen Spende eines Briten zu verdanken, der selber niemals einen Fuß auf amerikanischen Boden gesetzt hat. Der Wissenschaftler James Smithson hinterließ der US-Regierung 1838 ein Erbe von rund einer halben Million Dollar, um eine Institution zu schaffen, „die zur Mehrung und Verbreitung des Wissens beiträgt”.

„Die Idee des Gebens ist ein langer Strang, der sich durch die Geschichte zieht”, meint David Allison, der für das „Smithsonian“ gerade eine Ausstellung über Philanthropie in den USA vorbereitet, die im November 2016 eröffnet wird.

Dass Wohltätigkeit zu den USA gehört wie Hamburger und Football, dafür sprechen die rund 350 Milliarden Dollar, die Amerikaner jedes Jahr für gute Zwecke spenden. In den Staaten entstand auch die Idee des „Crowdfundings“, bei dem zahlreiche kleine und selbst kleinste Spender ein Projekt finanzieren. Dadurch blieb das Geben nicht bloß ein Instrument der Superreichen, bestimmte Anliegen voranzubringen. „Es hat die Spendenkultur demokratisiert”, meint Jacob Harold, Chef von „GuideStar”, einer Organisation, die Interessierten hilft, durch den Dschungel an wohltätigen Organisationen zu navigieren.

>> Hendrik Werner über Mark Zuckerberg <<

Zuckerberg ragt heraus, weil er den Prototyp einer neuen Generation von Großspendern verkörpert. Sein langjähriger Wegbegleiter Sean Parker, der Mitbegründer des Musikdienstes „Napster”, hat dafür den prägnanten Begriff der „Hacker-Philanthropen“ geschaffen. Deren besondere Kennzeichen: Sie haben in jungen Jahren als Pioniere des Internets, der Telekommunikation, der sozialen Netzwerke und der Software-Industrie mit Kreativität und Unternehmergeist riesige Vermögen aufgehäuft. Mit demselben Talent, wie sie komplexe technologische Probleme angingen – oder wie Parker sagt „hackten” – versuchen sie nun, die großen Herausforderungen der Menschheit – Armut, Bildung, Gesundheit und Umwelt – zu lösen.

Statt mit Algorithmen arbeiten die „Hacker-Philanthropen“ dabei mit Geld. Viel Geld. Im Fall aktuellen Fall Zuckerberg mehr Geld, als der Staatshaushalt so manches armen Landes umfasst.

Und genau hier setzt die Kritik an dem „Philanthropie-Kapitalismus“ in Amerika an. Die rund 100 000 Stiftungen in den USA nehmen öffentliche Aufgaben wahr – ohne demokratische Rückbindung. Die Grenzen zwischen gesellschaftlichen Aufgaben und privaten Interessen verschwimmen. Dabei kommt die Frage auf, wer eigentlich die Prioritäten in wichtigen Bereichen setzt – gewählte Volksvertreter oder reiche Einzelpersonen, die eine Agenda verfolgen.

Experten halten es für keinen Zufall, dass die Philanthropie in Zeiten Hochkonjunktur hat, in denen die Kassen des Staates leer sind und die Einkommensschere weit auseinanderklafft. Das war schon zu den Zeiten der Eisenbahn- und Stahlbarone so, und es wiederholt sich jetzt in der Ära der Internet-Magnaten.

Aktuelle Zahlen des „Institutes for Policy Studies” illustrieren das. Demnach besitzen die hundert reichsten Amerikaner auf der Forbes-Liste heute soviel Vermögen wie alle 42 Millionen Afro-Amerikaner in den USA zusammengenommen.

Der Direktor des „Zentrums für effektive Philanthropie”, Aaron Dorfman, nimmt die Spender aber in Schutz: „Den Gebern geht es nicht um Kontrolle. Sie reagieren mit ihren Initiativen vielmehr auf die Untätigkeit der Politik. Die meisten Geber wissen, dass Philanthropie niemals Regierungs-Ausgaben ersetzen kann.“

Ein aktuelles Beispiel dafür ist die „Breakthrough Energy Coalition”, mit der Bill Gates und andere Mega-Spender den Übergang zu alternativen Energien im globalen Maßstab beschleunigen wollen. Auch hier ist Zuckerberg mit dabei. Genauso schwebt ihm und seiner Frau Priscilla vor, in personalisiertes Lernen, schnelles Internet für benachteiligte Regionen und Krankheits-Prävention zu investieren. Dabei will der „Hacker-Philanthrop“ von Erfahrungen anderer lernen. „Wir müssen die stärksten und unabhängigsten Führer in jedem Feld fördern”, schreibt das Paar in dem offenen Brief zur Geburt ihrer Tochter Max. „Partnerschaften mit Experten einzugehen, ist effektiver für unsere Mission als zu versuchen, alle Bemühungen selber zu gestalten.”

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