Spanische und deutsche Experten debattieren, warum es noch immer keine europäische Energieunion gibt Die Sache mit dem gemeinsamen Markt

Bremen. Personen, Kapital, Waren und Dienstleistungen: Der Austausch auf dem europäischen Binnenmarkt ist rege. Ganz anders sieht es bei Strom und Gas aus.
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Die Sache mit dem gemeinsamen Markt
Von Carolin Henkenberens

Bremen. Personen, Kapital, Waren und Dienstleistungen: Der Austausch auf dem europäischen Binnenmarkt ist rege. Ganz anders sieht es bei Strom und Gas aus. „Jedes Land kocht energiepolitisch sein eigenes Süppchen“, kritisierte die Energieökonomin Claudia Kemfert. „Vor sieben Jahren leitete ich als Präsident des Rates der Europäischen Union die Gespräche in der Energiepolitik und sieben Jahre später lässt sich sagen, dass kaum etwas passiert ist“, klagte auch Miguel Sebastián Gascón, spanischer Wirtschaftsminister von 2008 bis 2011.

In der Bestandsaufnahme waren sich die spanischen und deutschen Diskutanten im Haus Schütting am Donnerstagabend einig: Von einer Energieunion, in der Strom und Gas über Ländergrenzen hinweg ausgetauscht werden, ist Europa noch weit entfernt. Eingeladen zu dem Nord-Süd-Dialog hatten das spanische Kulturinstitut Instituto Cervantes Bremen sowie die Industrie- und Handelskammer. „Es geht uns darum, einander die Mentalitäten und Ansichten ­näher zu bringen“, schilderte der Direktor des Instituts, Ignacio Martínez-Castignani.

Vertreter aus Wissenschaft und Politik diskutierten im Haus Schütting über die ­Frage, wie die Energiemärkte der 28 ­Mitgliedstaaten der EU zusammengefügt werden könnten. Mit einer Energieunion soll die Stromproduktion effizienter werden, weil Überkapazitäten aus der Wind- und Sonnenenergie besser genutzt werden können. Letztlich soll die Energieunion also auch Klimazielen dienen, die sich die Europäische Union bis 2030 gesetzt hat.

„Es darf nicht sein, dass Länder sich energiepolitisch abschotten“, forderte Maria ­Teresa Costa-Campi, Professorin an der Universität Barcelona und ehemalige Direktorin der spanischen Energiekommission. Sie spielte damit auf Frankreich an, das weiter auf Atomenergie setzt statt auf erneuerbare Energien, und bislang wenig Interesse an sogenannten Interkonnektoren hat. So werden Energieleitungen genannt, die Netze über Ländergrenzen hinweg verbinden.

„Unter Energieaspekten sind wir Spanier eine Insel, es gibt weder Anschlüsse im Strom- noch im Gasbereich“, berichtete Sebastián. Spanien produziert seinen Strom überwiegend in Gaskraftwerken, aber auch über Wind- und Sonnenenergie. Wenn es grenzübergreifenden Austausch gäbe, sagt Sebastián, könnte der Strom für Verbraucher günstiger sein. Infrastrukturinvestitionen machten nur fünf Prozent des Strompreises aus, sagt der Sozialist. Dass sich ­Spanien mehr Unterstützung von ­Nordeuropa erhofft, ließ der Politiker ebenfalls durchblicken: „Ich glaube, dass Deutschland nicht genügend tut, um auf einen europäischen Energiemarkt hinzuarbeiten.“ Es sei wichtig, in Europa mit einer Stimme zu sprechen.

„Es gibt ein dickes Problem zwischen Frankreich und Spanien“, erläuterte Uwe Beckmeyer, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium. Deutschland habe dieses Problem zum Glück nicht mit seinen Nachbarn. „Wir als Deutschland müssen ein gutes Beispiel sein.“ Dass die Energieunion noch nicht umgesetzt ist, schreibt Beckmeyer den unterschiedlichen nationalen Ansätzen beim Strommix zu: Frankreich konzentriere sich auf Atomenergie, Polen hingegen setze auf Kohle, wiederum andere auf Gas.

Kemfert erinnerte daran, dass eine Energieunion auch ein Instrument der Friedens- und Sicherheitspolitik sei. „Wir können uns unabhängig machen von Energie aus politisch instabilen Ländern“, sagte die Expertin, die in Berlin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und an der Hertie School of Governance forscht. Bis heute importiert die EU ihr Gas zum Großteil aus Russland. Außerdem sei eine Energieunion auch eine Sache der Solidarität.

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