Made in Bremen: Engel-Netze

Wie ein Familienbetrieb in langer Tradition Fischernetze herstellt

Der Familienbetrieb Engel-Netze hat das Zubehör für Profifischern und Freizeitanglern. Geführt wird das Unternehmen von den Brüdern Markus und Michael Engel – in dritter Generation.
15.11.2020, 05:01
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Wie ein Familienbetrieb in langer Tradition Fischernetze herstellt
Von Lisa Boekhoff
Wie ein Familienbetrieb in langer Tradition Fischernetze herstellt

Klaus Ranft an der Nähmaschine. Die Netze sind meist Auftragsarbeiten.

Fabian Wilking

Wie die Schleppe eines Brautkleids wirft sich das Netz über den ­Boden der Halle. Das Hochzeitsgewand einer Meerjungfrau. Grüne Maschen und ­rotbraune Schwimmer. An der Näh­maschine arbeitet Klaus Ranft mit konzentriertem Blick daran. „Der Kunde soll glücklich sein“, sagt er, unter seinen Händen das Netz. Ranft ist selbst zwar kein Angler, doch als Mitarbeiter von Engel-Netze in Bre­merhaven ist er Experte für die Fischfangkunst.

Das Prinzip klingt simpel. Doch so einfach gehen Aal, Hecht oder Krabbe nicht ins Netz. Es kommt bei dessen Gestaltung auf das Gewässer an, je nach Bundesland gibt es zudem Vorgaben zu beachten. „Darum müssen wir für jeden Fleck in Deutschland das richtige Material da haben“, sagt der Geschäftsführer des Unternehmens Michael Engel. Und die Jahreszeit spiele eine Rolle. Wie schnell bewegt sich der Fisch bei welcher Wassertemperatur? Wie dünn muss dann das Garn sein?

Engel-Netze GmbH & Co.

Markus (links) und Michael Engel in ihrem Betrieb. Gegründet hat ihn ihr Großvater.

Foto: Fabian Wilking

In dritter Generation

Zusammen mit seinem Bruder Markus führt Engel den 1951 gegründeten Traditionsbetrieb in dritter Generation. Ob Reusen oder Netze – hier setzt man auf eigene Verarbeitung. „Das Produkt ist hochwertiger, das hält länger, und das fängt besser“, sagt Michael Engel. Im Grunde sei es wie bei einem Schneider, der Reißverschlüsse, Nähgarn, Stoff und Knöpfe kaufe und daraus einen Anzug mache, sagt er über die Arbeit: „Genauso machen wir das auch.“

Netz ist nicht gleich Netz. Im Katalog finden sich unzählige Varianten von Garnen, Maschen und Farben. In der Regel setzt das Unternehmen Auftragsarbeiten um, erstellt die Netze und Reusen passend nach den Wünschen der Fischer. „Wir leben permanent vom Austausch mit den Kunden“, sagt Michael Engel. Die Qualität sei ganz wichtig, zuverlässig und schnell zu sein. Denn die Preise der Konkurrenz seien teils nicht zu schlagen.

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Schlachtmesser, Friesennerz, Tauwerk, Kescher oder Gummistiefel: Ausrüstung und Kleidung gehören ebenfalls ins Angebot – ganz

Freund. Engel soll ein „One-Stop-Shop für die Fischerei“ sein. In Bremerhaven gibt es ein kleines Geschäft. Doch die meisten Kunden bestellen – immer mehr online, andere gerne per Telefon. Engel beliefert vor allem Binnenfischer, stellt Netze für Flüsse, Seen und Teiche her. „Von Kiel bis in die Alpen haben wir unsere Kunden“, sagt Michael Engel.

Auch ins europäische Ausland gehen die Netze der Firma. In Büsum gibt es zudem einen Standort mit dem Fokus auf die Küsten- und ­Krabbenfischerei. Die Hochseefischerei, von der es nur noch wenig gebe, liege dagegen fast ganz in den Händen des Wettbewerbers, der wie die größte Reederei in Cuxhaven ­ansässig sei. Von diesem Geschäft hat das Unternehmen sich ein Stück verabschiedet.

Engel-Netze GmbH & Co.

Neben den Netzen verkauft Engel-Netze allerlei Ausrüstung – auch sogenannte Fender.

Foto: Fabian Wilking

Ein melancholischer Blick zurück

Fishtown Bremerhaven? Michael Engel blickt eher melancholisch zurück. Bremerhaven habe in der Vergangenheit zu den größten Fischereihäfen Europas gezählt. Nun seien von den vielen Fischereifahrzeugen vielleicht noch zwei übrig. „Wenn man hier eine Hafenrundfahrt macht, wird einem viel erzählt, was mal wo war und nicht mehr, was wo ist.“

Für sein Unternehmen gibt es heute aber neue Kundschaft neben Berufsfischern und Hobbyanglern. „Wir verkaufen mittlerweile viele Netze an Leute, die Hühner haben. Damit der Habicht die Hühner nicht holt“, sagt Michael Engel. Andere wollen eine Abdeckung für den Teich als Schutz vor Kormoranen oder Laub, wieder andere suchen Vogelnetze fürs Beet. Engel-Netze produziert daneben für Forschungsinstitute. „Dadurch sind wir ganz eng am Geschehen und können das Feedback der Fischer weitergeben“, sagt Markus Engel. Die Wissenschaftler beschäftigten sich im Schwerpunkt mit der Problematik Beifang. An dem hätten die Fischer natürlich kein Interesse – im Gegenteil.

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Abgucken konnten sich Michael und Markus Engel alles von ihrem Vater Manfred und ihrem Onkel Hans-Hermann, die beiden Brüder führten zuvor die Geschäfte. Ihr Vater habe ihnen eigentlich wenig Hoffnung gemacht, sagt Markus Engel, weil die Zeiten schwer gewesen seien. Irgendwann aber sei er auf sie zugekommen, ob sie den Betrieb übernehmen wollen, weil er für jenen doch eine Zukunft sah. Michael arbeitete damals im Controlling eines Lebensmittelkonzerns, Markus in einer Bank. Die Brüder stellten sich die Frage: Wollen wir das? „Wir konnten uns gar nicht ausmalen, was da auf uns zukommt“, sagt Michael Engel und lacht. Ihre Entscheidung bereuen sie nicht.

Für Michael Engel geht es um mehr, als die Firma mit fast 70 Jahren Geschichte einfach weiterzuführen. „Ich erfülle die moralische Verantwortung meinem Großvater gegenüber, der den Betrieb gegründet hat“, sagt er. Leider habe er ihn nicht kennengelernt. Doch wer weiß? Vielleicht komme es irgendwann zu einem Treffen. „Und dann möchte ich mit einem Schulterklopfer begrüßt werden und nicht mit einer Backpfeife. Das ist ein Stück weit meine tägliche Motivation, hier das Beste zu geben.“ Jeden Morgen sieht er seinen Großvater: Das Porträt des Gründers hängt im Büro.

Engel spaziert durch die Hallen. 100 Meter misst eine von ihnen. Die Länge sei für die Schleppnetze damals nötig gewesen. 80 Menschen waren früher hier tätig. Heute sind es zehn Mitarbeiter.

Zu ihnen gehören Frank Niklas und Nico Dehne. Die beiden arbeiten an einem Eingangsbereich für eine Reuse – Handarbeit und Genauigkeit sind wieder gefragt. Die Fanggeräte müssen große Belastungen aushalten: Gewicht und Strömung. Hechte, Zander oder Aale könnten in dieses Netz gehen.

Engel-Netze GmbH & Co.

Das Lager ist mit unzähligen Komponenten gefüllt für jeden Kundenwunsch.

Foto: Fabian Wilking

Niklas ist seit 1986 im Betrieb. Zuvor sei er kurz arbeitslos gewesen. Irgendwann überlegte er, einfach direkt bei den Betrieben anzuklopfen und nach einer Stelle zu fragen. „Und bei Engel-Netze fängst du an“, war sein Gedanke. Niklas hatte Glück: In der Woche drauf sollte er anfangen. „Hier war der Teufel los, so viel Arbeit.“

Am anderen Ende der Reuse markiert Nico Dehne, in welchem Abstand Knoten gemacht werden müssen. Eigentlich sei er als Krabbenfischer angefangen. Doch die Seekrankheit machte ihn berufsunfähig. „Es ging einfach nicht, und dann muss man sich das eingestehen.“ Zu Engel-Netze sei er öfter privat gekommen und habe immer wieder gefragt, ob es hier nicht einen Job für ihn gebe. „Darüber habe ich dann erfahren, dass es den Ausbildungsberuf gibt.“ Im Sommer hat Dehne seine Lehre zum Seiler beendet. Mit der Krabbenfischerei habe er eine Familientradition fortführen wollen – ganz wie seine Chefs. „Jetzt habe ich einen Weg gefunden, um die Verbindung trotzdem zu behalten“, sagt er. Unter seiner Arbeit könnten sich viele zunächst nichts vorstellen. „Wenn ich erzähle, dass ich Seiler bin, kommt immer erst die Frage: Was bist du?“

Was nicht ersetzt werden muss, bleibt

In der Halle, weiter hinten, sind ein paar Raritäten zu finden, doch keineswegs ein Museum. Die alte Drahtseilpresse dort? „Funktioniert“, sagt Michael Engel. Die Maschinen seien in Betrieb. Überhaupt gilt hier: Was nicht ersetzt werden muss, bleibt. Schließlich verdiene man mit einer hübscheren Maschine oder einem hübscheren Teppich nicht einen Euro mehr. „Das ist eine Philosophie, die wir von unserem Vater und Onkel übernommen haben“, sagt Bruder Markus. Sparsamkeit trifft auf Understatement.

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Das gilt für das Büro von Michael Engel ebenso. Ungewöhnliche Wohnzimmeratmosphäre für die Schaltzentrale eines Chefs: die alte Couchgarnitur des Onkels, dessen alte Schrankwand und überall Erinnerungsstücke. Ein Bild an der Wand zeigt einen Fischer bis zum Bauch in seinem Fang. Auf der Schrankwand ein Wimpel: Engel stattete mal die komplette Fischereiflotte des Iran aus. Er zeigt Richtung Schreibtisch. „Der Computer ist neu!“, sagt Engel. An den Webshop hätten übrigens Vater und Onkel früh gedacht und investiert.

Um die Fischer mit Stolz auszustatten, haben auch die Brüder investiert und sich etwas überlegt: den Kapuzenpullover „Das sind wir“. Darauf ein Kutter, die Worte „Wind“, „Liebe“, „Krabben“, „Nordsee“, „Tradition“ – und natürlich „Netze“.

Info

Zur Sache

Einst ein Weltmarktführer

Das Unternehmen gehörte früher zu den Großen im Geschäft. Als die Deutschen noch in internationalen Gewässern unterwegs sein durften, erzählt Markus Engel, sei das die beste Werbung gewesen. Die Netze von Engel machten sich aufgrund der Qualität unter den Fischern einen Namen. Gründer Hermann Engel war selbst Fischer. Doch nach dem Krieg ging sein Betrieb verloren. Er begann, Netze zu reparieren, und gründete in Kiel eine Firma. Später zog er nach Bremerhaven und baute hier eine moderne Netzfabrik auf. Der größte Teil der Hochseeflotte fischte in der Nordsee.

„Er war immer sehr ehrgeizig und tüchtig“, sagt Markus Engel über seinen Großvater. 1971 übernahmen die Söhne des Gründers das Geschäft und bauten es weiter aus. In der Zeit sei das Unternehmen sehr schnell gewachsen und beschäftigte an die 100 Mitarbeiter. „Da ist hier jeden Tag ein großes Schleppnetz von Bremerhaven versandt worden“, sagt Markus Engel, in Containern verschifft gingen sie in den Export. Einen Einbruch habe später die Fischereikrise gebracht.

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