Sparkassen-Chefanalyst Björn Mahler im Gespräch über die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank „Draghi kann nicht mehr zurück“

Seit Jahren ringt die Europäische Zentralbank um die Stabilität in der Eurozone. In der kommenden Woche wird die Notenbank nun voraussichtlich den Ankauf von Staatsanleihen beschließen.
18.01.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Seit Jahren ringt die Europäische Zentralbank um die Stabilität in der Eurozone. In der kommenden Woche wird die Notenbank nun voraussichtlich den Ankauf von Staatsanleihen beschließen. Bis zu einer Billion Euro soll für das Programm mit Namen Quantitative Easing (QE) bereit stehen. Über das Krisenmanagement der Notenbank und die Perspektiven des Wirtschaftsraums spricht Andreas Holling mit dem Chefanalysten der Sparkasse Bremen und Ex-Bundesbanker, Björn Mahler.

Schon vor einiger Zeit hat Zentralbankchef Mario Draghi verkündet, zur Stärkung der europäischen Wirtschaft frisches Geld in Umlauf zu bringen. Damit das gelingt, sollen Staatsanleihen in Milliardenhöhe aufgekauft werden. Das klingt nach dem sprichwörtlichen Griff nach dem rettenden Strohhalm?

Björn Mahler: Mario Draghi hat sich mit seiner Ankündigung weit aus dem Fenster gelehnt. Ich denke, wir sind an einem Punkt, an dem er nicht mehr zurück kann. Wenn nun nichts passiert, wird es an den negativen Märkten zu Reaktionen kommen, und das ist nicht im Interesse der EZB.

Die Flucht nach vorn also?

Mit der Liquiditätsausweitung von zwei auf drei Billionen Euro ist Draghi ja bereits weit vorgeprescht. Ich sehe keine nennenswerten Stellschrauben mehr, deren er sich noch bedienen kann. In der Größenordnung bleibt nur der Markt für Staatsanleihen. Zum Vergleich: Für eine Billion Euro könnte man fast den gesamten europäischen Aktienmarkt aufkaufen. Dann hätten wir einen Dax von 20 000 Punkten und mehr. Nur der Markt für Staatsanleihen ist groß genug, um jetzt zu handeln.

Das bedeutet, dass die Rettung nun besser funktionieren sollte.

Dazu muss das Geld aber auch tatsächlich im Wirtschaftskreislauf ankommen. Bislang ist vor allem die Geldmenge, die die EZB den Banken gibt, stark gewachsen. In der Wirtschaft angekommen sind die Mittel nicht im gleichen Umfang. Man muss sich zudem fragen, wer soll eigentlich Staatsanleihen in dieser Größenordnung verkaufen.

Wer wird denn Ihrer Meinung nach Staatsanleihen an die EZB verkaufen?

Das ist eine spannende Frage. Vor allem Banken und Versicherungen besitzen Staatsanleihen. Jedoch haben zum Beispiel Versicherungen kaum Druck, ihre Papiere zu verkaufen, da sie laufende Zinserträge brauchen. Wenn sie Anleihen mit bis zu vier Prozent Zinsen aus der Hand geben, haben sie zwar liquide Mittel, können sie aber nirgendwo investieren. Am Tagesgeld verdient man nichts und neue Anleihen bringen nur bis zu zwei Prozent Zinsen. Ähnliches gilt für institutionelle Anleger wie Stiftungen. Sie halten eher Papiere mit hoher Bonität.

Und die Banken?

Sie halten zahlreiche Anleihen, können diese aber in großen Teilen kaum verkaufen. Um Liquiditätsvorschriften zu erfüllen, benötigen sie die Papiere.

Es könnte also schwer werden, die 1000 Milliarden Euro tatsächlich in Umlauf zu bringen, weil das Angebot zu gering ist?

Darin besteht ein großes Risiko des Programms QE. Bereits bei den längerfristigen Refinanzierungsgeschäften (LTRO) hatte die EZB den Banken 400 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt. Abgerufen wurde letztlich nur rund ein Drittel. Selbst wenn die Zentralbank nun also kommende Woche für 200, 500, 700, 1000 Milliarden Euro Staatsanleihen kaufen möchte, bleibt die Frage: Von wem? Von den Staaten direkt darf sie diese nicht kaufen. Auch gibt es nur wenige solide Anleihen. Die Bundesrepublik plant beispielsweise 2015 rund 150 Milliarden Euro neu aufzulegen.

Woher sollen die Staatsanleihen denn dann kommen?

Ich gehe davon aus, das Mario Draghi zunächst ankündigt, erst mal zum Beispiel 200 Milliarden zu investieren und die Summe im März auf 300 Milliarden Euro zu erhöhen. Damit würde er das Feuer am Lodern halten. Die Spekulationen sorgen für niedrige Zinsen – und das spielt der EZB in die Hände. Wenn Herr Draghi tatsächlich eine Billion Euro auf einmal auf den Markt wirft, dann ist das sprichwörtlich die letzte Patrone, die er hat.

Wie geht es denn überhaupt weiter mit dem Euro? Er soll ja nicht teurer werden, damit die Exportwirtschaft nicht leidet. Aber offenbar kommt das Geld nicht dort an, wo es stabiles Wachstum bringt.

Wir sind heute an dem Punkt, an dem wir vor drei Jahren im Rahmen der Euroschuldenkrise schon einmal waren. Alles was die EZB tun kann, ist Zeit zu kaufen, damit die Politik Maßnahmen ergreifen kann, um Wachstum und Beschäftigung zu stärken. Das betont der Zentralbankchef immer wieder.

Doch nicht jeder hört auf ihn . . .

Die Politik hat mit dem Rettungsschirm die Voraussetzungen geschaffen. Die Ergebnisse sind jedoch unterschiedlich: In Spanien und Portugal gab es schmerzhafte Reformen, aber man sieht positive Effekte. In Italien hält eine Regierung im Durchschnitt nur zwölf Monate, da fällt Reformpolitik schwer. Frankreich wird sogar von Experten als reformunwillig bezeichnet. Beide Länder haben ein Interesse daran, dass die EZB ihnen weiterhin Zeit kauft.

Die Schweiz hatte offenbar keine Zeit mehr. Mit der Freigabe des Franken hat sie sich diese Woche von der Kopplung an den Euro verabschiedet.

Es ist schon auffällig, dass die Franken-Freigabe erfolgt, einen Tag nachdem ein Gutachter grünes Licht für die Anleihekäufe gibt. Ich sehe den Schritt der Schweizerischen Nationalbank (SNB) als Vorgriff auf die EZB-Entscheidung am Donnerstag. Sie geht davon aus, dass Mario Draghi Anleihen kaufen und damit den Euro gegenüber anderen Währungen weiter unter Druck bringen wird. Da haben die Schweizer die Reißleine gezogen. Man darf nicht vergessen, dass die SNB ihre Währungsreserven zum Teil in Euro angelegt hat. Diese Rücklagen wurden nun auf einen Schlag um bis zu 15 Prozent abgewertet – das bedeutet Milliardenverluste.

Zur Person

Björn Mahler, Jahrgang 1974, ist Chefanalyst im

Private Banking der Sparkasse Bremen. Der gebürtige Bremer ist seit 2000 bei der Sparkasse. Zuvor arbeitete der Betriebswirt bei der Deutschen Bundesbank in Frankfurt.

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