Riesige Schäden in Norwegens Aquakultur

Ein Parasit macht den Lachs so teuer

Lachsläuse richten in den Aquakulturen riesige Schäden an. Da Chemikalien nicht ausreichen, setzen die Züchter auf Fischarten, die die Läuse fressen. Der Aufwand ist allerdings groß und kostspielig.
27.12.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Joris Hielscher
Ein Parasit macht den Lachs so teuer

Ein von Lachsläusen befallener Lachs. In Norwegens Aquakulturen richtet der Parasit riesigen Schaden an.

Norges Miljøvernforbund

Mit ihren Antennen heftet sich die Laus an den Lachs und ernährt sich dort von Haut, Blut und Körperschleim. Bevorzugt leben die Parasiten auf dem Kopf, wo sie Löcher in die Haut fressen. Das ist nicht nur äußerst schmerzhaft, sondern auch gefährlich. Durch die offenen Wunden sind die Fische anfällig für Infektionen und Bakterien – viele Tiere verenden qualvoll. Und so ist der Kleinkrebs, der maximal zwölf Millimeter groß wird, zu einem Riesenproblem für die Fischindustrie und zu einem Ärgernis für Konsumenten geworden.

Denn die Lachslaus ist ein Grund dafür, dass die Lachsproduktion 2016 weltweit eingebrochen ist und sich auch dieses Jahr noch nicht vollständig erholt hat. Weil gleichzeitig die Nachfrage wächst, sind die Preise in den vergangenen zwei Jahren gestiegen. Zudem ist die Bekämpfung des Schädlings überaus aufwendig und teuer. Die Folge: Verbraucher müssen für Lachs, den am meisten gegessenen Fisch in Deutschland, deutlich mehr zahlen.

So sind die Preise für Räucherfisch – Lachs hat hier einen Marktanteil von 90 Prozent – laut dem Statischen Bundesamt seit Ende 2012 um mehr als 30 Prozent gestiegen, besonders stark in diesem Jahr. Ein Beispiel: Ende 2016 kostete die 200-Gramm-Packung beim Discounter 3,29 Euro, momentan sind es 4,29 Euro.

Deutlich teurer sind Markenprodukte, hier zahlt der Kunde meist zwischen vier und fünf Euro pro 100 Gramm. „Seit etwa zwei Jahren merken wir bei der Beschaffung von Lachs, dass die Preise stark angezogen haben. Dies betrifft natürlich auch den Räucherfisch“, erklärt Einkaufsleitern Susanne Prangen beim Großhändler Frischeparadies.

Zucht in Aquafarmen

Der Lachs, den es hierzulande zu kaufen gibt, stammt größtenteils aus Norwegen. Dort wird er in Aquafarmen gezüchtet. Eine Farm besteht aus mehreren großen Netzgehegen, die am Meeresboden verankert sind und in denen Hunderttausende Lachse gleichzeitig leben. Mehr als 400 Millionen Zuchtlachse schwimmen in den norwegischen Fjorden in Käfigen – das Land ist mit Abstand der größte Produzent weltweit.

„Lachsläuse kommen auch bei wild lebenden Lachsen vor, ein paar schädigen den Wirt nicht“, sagt Harry Palm, Professor für Aquakultur und Sea-Ranching an der Universität Rostock. Doch in den dichtgedrängten Netzgehegen finden sie leicht und viel Beute und können sich dort sehr gut vermehren. Bei starkem Parasitenbefall wachsen die Lachse deutlich langsamer und sind anfälliger für Krankheiten. 2016 verendeten 53 Millionen Tiere in den norwegischen Aquakulturen – ein Grund dafür: die Lachslaus.

Weil gleichzeitig eine Algenpest in Chile, dem zweitgrößten Lachsproduzenten, erhebliche Schäden in den Farmen anrichtete, ging die Menge an verfügbarem Lachs deutlich zurück. Auch 2017 hat sich laut Welternährungsorganisation die Produktion von dem Einbruch nicht erholt.

Die Lachslaus sorgt also für hohe Preise. Gefährlich für den Verbraucher ist sie allerdings nicht. Denn die Lachse würden in der Verarbeitung sortiert und automatische Entschuppungsanlagen durchlaufen, erklärt Palm. „Da verschwinden dann auch alle Lachsläuse. Und es ist nahezu ausgeschlossen, dass der Verbraucher eine Lachslaus auf dem Teller hat.“

Nach dem Erdöl ist die Lachszucht der zweitwichtigste Wirtschaftszweig Norwegens. Über 1,2 Millionen Tonnen Lachs wird dort jedes Jahr hergestellt, die Fischindustrie macht Milliardenumsätze. Wegen dieser immensen Bedeutung drängt der Staat die Züchter, das Problem mit der Lachslaus in den Griff zu bekommen. Jede Woche werden die Fische in den Farmen auf den Befall mit Läusen untersucht. Diese Daten müssen an die Behörde gemeldet werden und sind öffentlich im Internet einsehbar. Sobald durchschnittlich mehr als 0,5 weibliche Lachsläuse auf einem Fisch leben, müssen die Betreiber handeln.

Erlaubt ist auch der Einsatz von Arzneimitteln und Chemikalien. So mischen die Züchter dem Futter Anti-Laus-Medikamente bei. Und in speziellen Tanks werden die Läuse mit Wasserstoffperoxid entlaust. Dabei gibt es strenge Vorgaben. „Der Staat achtet extrem stark darauf, was dort mit den Lachsen und der Lachsindustrie passiert“, erläutert der Experte. Die Betreiber der Anlagen müssen sicherstellen, dass keine nennenswerten Rückstände im Fisch sind, der verkauft wird. Regelmäßig wird das kontrolliert.

Biologische Methoden

Doch sei der Medikamenteneinsatz häufig nicht ausreichend, da die Läuse sehr schnell Resistenzen entwickeln würden, erklärt Palm. Daher setzen mehr als die Hälfte der Lachs produzierenden Betriebe in Norwegen mittlerweile auf biologische Methoden.

Die Fische werden zum Beispiel in Tanks mit Süßwasser oder Warmwasser gesetzt, in denen der Parasit nicht überleben kann. In speziellen Anlagen werden die Läuse mit harten Wasserstrahlen von der Oberfläche gespritzt. Eine andere Möglichkeit: Spezielle Netze sollen den Schädling fernhalten.

Zudem setzen die Betreiber auf den natürlichen Feind der Lachslaus, auf sogenannte Putzerfische. Diese Fische leben in den Aquakulturen und fressen die Läuse von der Oberfläche ab. Bis zu 200 Läuse am Tag schafft ein Putzerfisch. Im Süden Norwegens werden Lippfische eingesetzt, im kälteren Norden Seehasen. Weil von diesen nicht genügend gefangen werden, gibt es mittlerweile extra Zuchtstationen. Rund 20 Millionen Lippfische werden für die Lachsfarmen benötigt.

All diese Maßnahmen sind teuer und aufwendig. „Zwischen zehn und zwanzig Prozent der Produktionskosten vom Lachs sind auf die Kontrolle dieses Parasiten zurückzuführen“, erklärt Palm. Das habe im vergangenen Jahr eine Summe von ungefähr 500 Millionen Euro ausgemacht. Doch die Anstrengungen zeigen mittlerweile Erfolge. Laut der norwegischen Lachsindustrie geht der Befall mit Lachsläusen zurück, obwohl weniger Medikamente und Chemikalien eingesetzt werden.

Norwegen rechnet 2018 mit einer höheren Produktion, auch Chile erwartet steigende Zahlen. Das sind gute Nachrichten für die Verbraucher. „Wir erwarten für das Jahr 2018, nach der Hochpreis-Phase 2017, leichte Preisreduzierungen für den Lachs“, sagt Einkaufsleitern Susanne Prangen.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+