Bremen Eine Entwarnung, die keine ist

Was gab es nicht alles für Schreckensbilder: „Deutschland in der Demografie-Falle“, „Leben in der Leere“, „Deutschland schrumpft und vergreist“, „Die Deutschen sterben aus“. Der Bevölkerungsrückgang und seine dramatischen Folgen für die Gesellschaft schienen unabwendbar.
06.02.2017, 00:00
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Eine Entwarnung, die keine ist
Von Norbert Holst

Was gab es nicht alles für Schreckensbilder: „Deutschland in der Demografie-Falle“, „Leben in der Leere“, „Deutschland schrumpft und vergreist“, „Die Deutschen sterben aus“. Der Bevölkerungsrückgang und seine dramatischen Folgen für die Gesellschaft schienen unabwendbar. Nichts da, sagt nun die Bundesregierung in einer Bilanz zum Ende der Legislaturperiode, die sie am vergangenen Mittwoch in der Kabinettsrunde vorgelegt hat. Die Prognose: Viele Zuwanderer, eine höhere Lebenserwartung und mehr Geburten machen es möglich, dass die Bevölkerungszahl der Bundesrepublik langfristig „deutlich stabiler“ ausfallen könnte als bislang angenommen.

Eine Entwarnung ist diese Prognose aber nur teilweise: Der demografische Wandel wird eine große Herausforderung bleiben. Bereits eine Zahl in der vergangenen Woche ließ aufhorchen: Mit 82,8 Millionen lebten Ende 2016 nach einer Schätzung des Statistischen Bundesamtes so viele Menschen wie noch nie seit der Wiedervereinigung in Deutschland. Eine bemerkenswerte Trendumkehr: Von 2003 bis 2011 war die Bevölkerung noch von Jahr zu Jahr geschrumpft.

Fragezeichen bei der Zuwanderung

Anders als in den noch vor der veränderten Migrationsentwicklung angestellten Prognosen geht nun auch die Bundesregierung nicht mehr von einem dramatischen Sinken der Bevölkerungszahl aus. Zwei unterschiedliche Szenarien bis 2060 – ein jährlicher Wanderungsüberschuss von 100 000 beziehungsweise 200 000 Menschen – ließen die Bevölkerung auf 73 oder gar 67 Millionen fallen. Unter den veränderten Bedingungen könne „die Einwohnerzahl in Deutschland bis 2060 ungefähr auf dem heutigen Stand stabil bleiben“, lautet nun die Voraussage in der Bilanz der Bundesregierung.

Ein wesentlicher Faktor für diese Annahme ist die Zuwanderung aus dem Ausland. Allein 2015 sind 2,14 Millionen Menschen nach Deutschland gekommen. Viele von ihnen waren Flüchtlinge. Aber auch wirtschaftlich motivierte Migrationsbewegungen aus EU-Ländern – etwa Erzieherinnen aus Griechenland oder Schlachter aus Rumänien – haben zu der hohen Zahl beigetragen. Annähernd eine Millionen Menschen haben 2015 die Bundesrepublik verlassen. Das macht ein Plus von 1,14 Millionen für die Bevölkerungsentwicklung. Doch 2015, das Jahr der großen Flüchtlingsbewegung, war ein spezieller Fall. Er zeigt: Die Höhe der Zuwanderung in den kommenden Jahren lässt sich in den Modellen für die Bevölkerungsentwicklung nur simulieren. So schreibt der Bevölkerungswissenschaftler Pilipp Deschermeier vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) in einem Fachaufsatz: „Die Nettoimmigration bildet die größte Quelle für Unsicherheit bei der Ermittlung der zukünftigen Bevölkerung.“

Mehr Geburten

Am Ende hängt die künftige Entwicklung der Zuwanderung stark von Kriegen, von politischen und wirtschaftlichen Krisen, aber auch von Klimaveränderungen ab. Beispielsweise könnte die brisante innenpolitische Lage in der Türkei, die Wirtschaftskrise auf dem Balkan oder die zunehmende Trockenheit im Südwesten Afrikas zu neuen Flüchtlingsbewegungen führen. Diese Unsicherheit erklärt auch zum Teil die erhebliche Kluft in den Prognosen für das Jahr 2035: So werden nach gleichlautenden Berechnungen des Statistischen Bundesamtes und der Bertelsmann-Stiftung dann rund 80 Millionen Menschen in Deutschland leben. Das IW legt eine andere Zahl vor: Nach seinem Modell wird die Bevölkerung im Jahr 2035 mit rund 83 Millionen Menschen immer noch höher sein als gegenwärtig. Erst ab 2028 setze ein leichter Trend zur Abnahme ein.

Auch wenn eine demografische Vorhersage immer ein wenig wie der Blick in die Glaskugel ist – eine Entwicklung ist in der Fachwelt unstrittig: In Deutschland sterben auch künftig mehr Menschen als Kinder geboren werden. Das ist bereits seit 1972 so. Die Zahl der Gestorbenen hat in den vergangenen Jahren auf jährlich 925 000 zugenommen. Gleichzeitig hat sich die Zahl der Lebendgeborenen auf 738 000 ebenfalls erhöht. Dennoch: Die Zahlen von Geburten und Todesfällen klaffen zunehmend auseinander. Lediglich die Stadtstaaten Hamburg und Berlin zählen mehr Geburten als Todesfälle – eine Folge der hohen Zuwanderung in den beiden Metropolen. In Bremen überwiegen noch die Todesfälle. Doch das Zwei-Städte-Land hat in der Geburtenrate, die die statistische Kinderzahl je Frau benennt, den stärksten Sprung nach vorn gemacht: Von 2011 bis 2015 schoss sie von 1,29 auf 1,51 in die Höhe.

Bundesweit ist eine Trendumkehr bei der Geburtenrate zu beobachten: Viele Jahre lang war diese Ziffer gesunken. Seit 2012 beobachten die Statistiker eine positive Entwicklung. 2015 lag die Geburtenrate bei 1,5 – ein ähnlich hoher Wert wurde zuletzt 1982 nachgewiesen.

Auch beim Kinderkriegen gibt es einen Zusammenhang mit der Migration: Nach Angaben des Statistischen Bundesamts hat mittlerweile jedes fünfte Baby eine ausländische Mutter. Einige Demografen rechnen sogar damit, dass die Geburtenrate demnächst auf 1,6 Kinder pro Frau ansteigen könnte. Das wäre allerdings immer noch meilenweit von einem Wert von 2,1 entfernt – der wäre nötig, damit sich Geburten und Todesfälle die Waage halten.

Das heißt: Selbst wenn die Einwohnerzahl Deutschlands langfristig ungefähr stabil bleiben sollte, wird sich die Bevölkerungspyramide deutlich verschieben. So heißt es denn auch in der Bilanz der Bundesregierung: „Die Alterung der Bevölkerung wird sich bis 2035 nicht wesentlich verlangsamen.“ Oder anders gesagt: Auch Flüchtlinge und Wirtschaftsmigranten, selbst wenn viele unter ihnen 20- bis 30-Jährige sind, machen die Gesellschaft nicht wesentlich jünger.

Überalterung fordert heraus

Umstritten ist allerdings unter Forschern, wie dramatisch die Folgen der Überalterung sein werden. Laut IW Köln werden im Jahr 2035 fast 26 Prozent der Bevölkerung älter als 67 Jahre sein, heute sind es lediglich knapp 19 Prozent. Das wiederum hat Auswirkungen auf den sogenannten Altenquotienten. Er meint das Verhältnis von Menschen im Rentenalter zur Population im erwerbsfähigen Alter. 2015 lag dieser Wert bei 34 Prozent. Nach verschiedenen Modellrechnungen könnte der Altenquotient im Jahr 2035 bei 45 bis 47 Prozent liegen. Auf jeden Erwerbsfähigen käme dann ein Rentner.

„Die demografischen Herausforderungen, beispielsweise am Arbeitsmarkt und in den sozialen Sicherungssystemen, bleiben somit hochrelevant“, betont denn auch IW-Experte Deschermeier. Ähnlich sieht das die Bundesregierung. In ihrer 54-seitigen „Demografiestrategie“ von 2012 hat sie 13 Politikfelder benannt, die im Zuge der Veränderungen eine besondere Beachtung finden sollen. Dabei geht es unter anderem um lebenslange Bildung, verstärkte Integration von Zugewanderten, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Wandel von Strukturen in Gesundheit und Pflege, eine stärkere Förderung strukturschwacher Regionen.

Hat die Politik also die Herausforderung erkannt? „Diese Demografiestrategie verdient den Namen nicht“, erklärte der Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg nach der Veröffentlichung des Papiers. Auch andere Forscher sprachen von einem „kleinteiligen Sammelsurium aus Programmen und Initiativen, die ohnehin schon existieren“. Beispiel Wohnen: Die Bundesregierung befasst sich in ihrer Strategie bislang fast ausschließlich mit der Frage, wie Senioren altersgerecht wohnen können.

Forscher kritisieren Regierung

Doch der demografische Wandel hat weitaus größere Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt: Vitale Senioren ziehen in die Ballungsräume, die höhere Lebenserwartung führt zu mehr Ein-Personen-Haushalten, ein jährlicher Wanderungssaldo von möglicherweise 200 000 bis 300 000 Menschen braucht Wohnungen. Doch das Problem der verstärkten Nachfrage in den Ballungsräumen ist im Papier nur am Rande erwähnt. Von „Strategie“ keine Spur.

Auch beim Thema Wohnen lagen übrigens manche Prognosen gründlich daneben. „Mangelware Mieter“ hieß noch vor elf Jahren eine Überschrift zu den Folgen des demografischen Wandels.

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