Karl-Thomas Neumann, Vorstandsvorsitzender der Adam Opel AG, wird Festredner beim Kapitänstag „Eine spannende Zeit für die Autoindustrie“

Herr Neumann, vor drei Jahren haben Sie den Vorstandsposten bei Opel übernommen – in einer Zeit, als das Unternehmen am Boden lag. Von den Verkaufszahlen her ist die Traditionsmarke wieder auf Erfolgskurs.
02.09.2016, 00:00
Lesedauer: 7 Min
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„Eine spannende Zeit für die Autoindustrie“
Von Peter Hanuschke

Herr Neumann, vor drei Jahren haben Sie den Vorstandsposten bei Opel übernommen – in einer Zeit, als das Unternehmen am Boden lag. Von den Verkaufszahlen her ist die Traditionsmarke wieder auf Erfolgskurs. Wie sieht es auf der Gewinnseite aus?

Karl-Thomas Neumann: Das Comeback von Opel ist auf einem guten Weg. Im ersten Halbjahr haben wir einen Gewinn von 131 Millionen US-Dollar verbuchen können– das beste Halbjahresergebnis seit fast zehn Jahren. Es ist schon ein Meilenstein für Opel, dass sich nun neben dem Vertriebserfolg auch der wirtschaftliche Erfolg einstellt.

Und bis zum Jahresende wird sich das fortsetzen?

Das ist unser Ziel. Unsere hervorragende Modellpalette macht mich zuversichtlich. Man muss allerdings abwarten, inwieweit sich der Brexit auswirken wird. Wir sind im Vereinigten Königreich sehr stark vertreten. Unsere Schwestermarke Vauxhall ist dort mit einem Marktanteil von mehr als zehn Prozent die zweitstärkste Pkw-Marke. Und wir sind natürlich davon betroffen, dass das britische Pfund mittlerweile um fast 20 Prozent an Wert verloren hat. Da müssen wir sehen, wie das im zweiten Halbjahr den Geschäftsverlauf beeinflusst. Es besteht ein Risiko von rund 400 Millionen Dollar.

Waren Sie eigentlich überrascht, als Sie die Einladung als Festredner für den Kapitänstag bekamen – immerhin ist Bremen Mercedes-Land?

(Lacht). Nein – ich war nicht überrascht, weil ich ja in Bremen auch ein bisschen verwurzelt bin. Meine Familie, also meine Eltern, wohnen inzwischen dort, meine Schwester und mein Bruder ebenfalls. Mein Bruder ist ja vielen als Moderator bei „Buten un Binnen“ bekannt. Ich komme immer gerne nach Bremen. Ich war auch schon mal auf der Schaffermahlzeit, und als leidenschaftlicher Segler freue ich mich immer, zumindest in der Nähe des Meeres zu sein.

Worauf werden Sie in ihrer Rede eingehen? Mehr auf Bremen als Logistikstandort oder mehr darauf, was Opel inzwischen anderen Autoherstellern voraus hat?

Ich glaube, im Moment ist das eine ganz spannende Zeit für die Autoindustrie insgesamt. Es gibt enorm viele Veränderungen, über die ich sprechen möchte. Die Branche wird sich in den kommenden fünf Jahren stärker verändern als in den 50 Jahren davor. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Zulieferindustrie und die Logistik. Es gibt es also einiges zu erzählen.

Mehr verraten Sie nicht?

Doch. Neben logistischen Abläufen, die in Bremen und Bremerhaven gerade für die Autoindustrie in vielfältiger Form hervorragend gemanagt werden, möchte ich auch auf gesellschaftliche Veränderungen eingehen und wie Opel darauf reagieren wird. Es geht um CO2-freie Mobilität, sprich um Elektromobilität, um vernetze Fahrzeuge und generell um Mobilität in der Zukunft. Werden wir Autos künftig besitzen, werden wir sie teilen oder bei Bedarf mieten?

Apropos Elektromobilität. Nächstes Jahr startet Opel in diesem Segment richtig durch?

Das ist richtig! Wir bringen 2017 den Ampera-e auf den Markt, den wir im September auf der Automesse in Paris der Weltöffentlichkeit vorstellen werden. Mit dem Auto werden wir die Nachteile der Technologie – den hohen Preis und die geringe Reichweite – ad acta legen. Schon 2011 hatte Opel mit dem Ampera das erste alltagstägliche Elektroauto überhaupt auf den Markt gebracht. Das war eigentlich ein tolles Auto, aber es war noch relativ teuer. Der Start in Richtung Elektromobilität war recht holprig.

Die nächste Generation Elektroauto ist also mehr etwas für den Massenmarkt?

Wir sind zuversichtlich, dass wir mit dem Ampera-e eine echte Alternative zum Verbrennungsmotor liefern. Es ist ein Auto, das sehr gut für städtische Umgebungen geeignet ist. Und es wird ein Fünfsitzer mit fünf Türen sein, der speziell als Elektroauto entwickelt worden ist. Das heißt, die Batterie ist unten im Fahrzeug – und das hat Vorteile. Von außen ist das Auto zwar kleiner als ein Astra, aber von innen größer und bietet damit einen großen Nutzwert. Das Wichtigste ist aber, dass wir eine Batterie haben, die eine größere Reichweite ermöglicht, als es andere Elektroautos tun.

Das heißt, Opel will im Bereich Elektromobilität ganz weit vorne sein?

Ja, das ist unser Ziel. E-Autos mit größerer Reichweite sind heute nur in ganz anderen Preisregionen zu finden. Mit dem Ampera-e machen wir die Technologie massentauglich.

Mobilität verändert sich. Gerade jüngere Leute wollen zwar mobil sein, aber sie wollen nicht unbedingt ein eigenes Auto. Wie reagiert Opel auf solche Nachfrageveränderungen?

Sicherlich trifft das nicht auf alle jungen Leute zu, aber gerade in städtischen Regionen ist so eine Entwicklung zu beobachten. Damit richtig umzugehen, ist eine der ganz großen Herausforderungen. Dieser stellen wir uns, und wir sehen darin auch große Chancen. Deshalb haben wir zusammen mit unserer Konzernmutter General Motors in den Fahrdienstvermittler Lyft investiert, um zu lernen und zu verstehen, wie dieses Geschäft funktioniert und wie wir davon profitieren können. Wir müssen uns verstärkt in Richtung eines Mobilitätsdienstleisters entwickeln – und sind auf einem guten Weg.

Gibt es bereits konkrete Beispiele, wie Opel mit solchen Veränderungen umgeht?

Wir haben vor rund einem Jahr ein innovatives, onlinebasiertes Carsharing-Konzept mit dem Namen CarUnity gegründet, das erfolgreich läuft. Über unsere Plattform können Privatleute ihre Autos an Dritte vermietet – ob es ein Opel ist oder nicht. Das ist auch besonders für junge Leute interessant, die vielleicht gerne einen Opel Adam fahren würden, das Auto aber nur am Wochenende benötigen. An anderen Tagen kann das Auto vermietet und so leichter finanziert werden.

Was bedeutet für Sie eigentlich die Auszeichnung „Auto des Jahres 2016“ für den Astra? Hat das mehr als nur symbolischen Wert?

Das bedeutet unglaublich viel. Einerseits, weil so ein Preis im Markt wahrgenommen wird und im Vertrieb genutzt werden kann. Andererseits, und das ist für uns noch wichtiger, weil er der ganzen Mannschaft Selbstbewusstsein gibt und bestätigt, dass wir das beste Auto entwickelt haben. Zudem gab es ja auch noch das „Goldene Lenkrad“. Opel ging es lange Jahre nicht besonders gut – da kann man sich leider auch ans Verlieren gewöhnen. Solche Preise zeigen, dass wir die Wende erfolgreich eingeleitet haben und wieder gewinnen können. Und sie sind verdient: Der Astra ist der beste Opel, den wir je gebaut haben. Das ist ein tolles Gefühl.

Was zeichnet den Astra aus?

Es ist ein völlig neues Auto entstanden. Es ist von außen kleiner, aber von innen geräumiger geworden. Und er ist viel leichter, was ihn deutlich agiler macht. Der Astra hat außerdem Features, mit denen wir sogar etablierte Oberklassen-Hersteller ärgern – zum Beispiel unser LED-Matrix-Licht. Und da gibt es auch noch unseren Online- und Service-Assistenten OnStar, der den Astra und unsere anderen Pkw-Modelle mit seinem WLAN-Hotspot zum rollenden Internetcafé macht.

Noch einmal zurück zu Bremen. Was halten sie von der Idee, dass sich die Stadt als Standort für Borgward beworben hat? Ist noch Platz für eine weitere Automarke?

Bitte haben Sie Verständnis, dass ich mich nicht zu anderen Automobilherstellern äußern kann. Aber ich wünsche Bremen natürlich, dass sich hier möglichst viele erfolgreiche Unternehmen ansiedeln.

Ist es einfacher, eine Marke wie Opel, die vor ein paar Jahren richtig gekriselt hat, wieder in die Spur oder eine ganz neue Marke zum Erfolg zu bringen?

Als ich bei Opel angefangen habe, haben mir einige geraten, eine andere Marke aus dem Konzern zu nehmen. Ich habe das als völlig falsch empfunden, weil die über 150-jährige Historie von Opel enorm stark ist. Opel hat es letztlich aus der Krise geschafft, weil die Autos wieder überzeugen – so wie das jahrzehntelang vor der Krise war. Und das bringen Kunden mit der Marke auch in Verbindung.

Wie viel hat Jürgen Klopp als Werbeträger dazu beigetragen?

Jürgen Klopp war und ist wichtig, weil er vieles von dem verkörpert, was wir uns für die Marke vorstellen und gewünscht haben. Als Jürgen Klopp als Trainer nach Dortmund kam, hatte der Verein Probleme. Er hat es trotzdem geschafft, eine Spitzenmannschaft zu formen. Er ist nahbar und ein totaler Arbeiter mit Hang zur Perfektion. Diese Tugenden passen zu Opel, und darauf haben wir uns in den vergangenen Jahren auch wieder besonnen. Jürgen Klopp hat uns beim „Umparken“ geholfen.

Herr Neumann, mit welchem Modell kommen Sie zum Kapitänstag, oder nutzen Sie den ÖPNV?

Ich nehme schon das Auto und komme dann – dem Anlass angemessen – mit einem hellblauen Opel Kapitän aus dem Jahr 1969.

Das Gespräch führte Peter Hanuschke.

Zur Person

Karl-Thomas Neumann wurde am 1. April 1961 in Twistringen geboren. Er studierte Elektrotechnik an den Universitäten Dortmund und Duisburg, wo er auch promovierte. Seine berufliche Karriere begann er beim Fraunhofer-Institut als Forschungsingenieur und dann bei Motorola Semiconductor, wo er als Ingenieur für die Automobilindustrie zuständig war. Der Vater dreier Kinder ist leidenschaftlicher Marathonläufer.
52. Kapitänstag Zum 52. Mal treffen sich an diesem Freitag rund 350 Kapitäne zu Wasser und Luft, Vertreter der maritimen Wirtschaft und Politiker in der Oberen Rathaushalle zum Kapitänstag. Mit der Veranstaltung werden die Bremer Kapitäne und Chefingenieure der Flugzeuge und Schiffe dafür geehrt, dass sie Bremen mit allen Teilen der Welt verbinden. Traditionell wird den Gästen ein Curry serviert. Gastredner werden in diesem Jahr der Vorstandsvorsitzende der Adam Opel AG, Karl-Thomas Neumann, und der Vorsitzende von SOS Mediterranee, Kapitän Klaus Vogel, sein. Des Weiteren werden der Senator für Wirtschaft, Arbeit und Häfen, Martin Günthner (SPD), und der Präsident der Bremischen Hafenvertretung, Hans-Joachim Schnitger, das Wort zu aktuellen wirtschaftlichen und politischen Fragen der deutschen und vor allem der bremischen Häfen ergreifen. Traditionell wird an diesem Abend zu Spenden zugunsten der Bremer Seemannsmission und anderen sozialen Einrichtungen aufgerufen. Zudem kommt das Hilfsgeld der Initiative SOS Mediterranee zur Rettung von Flüchtlingen in Seenot auf dem Mittelmeer zugute. 2015 kamen so 22 500 Euro zusammen.
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