Nachhaltigkeit

Elektroschrott ist mehr als Müll

Elektrogeräte werden immer effizienter und umweltschonender in ihrer Benutzung. Durch das Recyceln von alten Geräten, lässt sich auch ihre Herstellung umweltschonender gestalten.
06.09.2019, 20:36
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Niklas Johannson und Norbert Holst
Elektroschrott ist mehr als Müll

Elektroschrott ist im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert. Manche Fachleute sehen darin den "Rohstoff der Zukunft".

Julian Stratenschulte /dpa

Elektro- und Elektronikgeräte sind aus dem Alltag nicht wegzudenken. Doch vor allem die zunehmende Digitalisierung wirft Fragen auf: Wohin mit den ausgedienten Geräten? Woher nehmen wir den zusätzlich benötigten Strom für die fortschreitende Vernetzung? Eigentlich ist es logisch: Technologische Innovationen sollen es richten.

Die helfen nicht nur im Alltag, sondern können auch die Umwelt schonen. So unterstützt intelligente Haustechnik das Energiesparen. Via Smartphone oder Tablet kann beispielsweise der Stromverbrauch von smarten Kühlschränken kontrolliert werden. Auch E-Reader können anstelle von gedruckten Büchern Ressourcen einsparen. Doch ganz so einfach ist es eben doch nicht. Aus umwelttechnischer Sicht ist die Herstellung des Geräts der mit Abstand wichtigste Punkt. Rund 99 Prozent des Energieverbrauchs und der Treibhausgas-Emissionen eines E-Readers werden nämlich bei der Produktion verursacht. Andererseits: Auch die Produktion von Frischfaser-Papier hat aus ökologischer Sicht Nachteile.

Lesen Sie auch

Dass es auch anders geht, zeigte 2003 der Verlag Raincoast Books. Er druckte die Millionenauflage von „Harry Potter und der Orden des Phönix” auf 100-prozentigem Recyclingpapier. Das sparte rund 50 Millionen Liter Wasser und rettete 30 000 Bäume vor der Abholzung. Doch auch die Produktion von Recyclingpapier ist kein Wellness-Programm für die Umwelt. Ob also der Kauf konventioneller Bücher oder E-Reader ökologisch sinnvoller ist, hängt letztlich vom Benutzerverhalten ab. Eine Faustregel besagt: Wer mehr als zehn Bücher im Jahr liest, der lebt mit der digitalen Variante nachhaltiger.

E-Book in der Bibliothek

In Sachen Nachhaltigkeit können es E-Reader mit dem gedruckten Buch durchaus aufnehmen – sofern der Leser ihn häufig nutzt.

Foto: Axel Heimken /dpa

Recycling wird immer wichtiger

Der Weg zu einer wirklich umweltfreundlichen IT-Branche scheint noch weit zu sein. Das liegt insbesondere an der bahnbrechenden Innovation des vergangenen Jahrzehnts: dem Smartphone. Für den Bau der kleinen Geräte werden Edelmetalle wie Gold und Silber verwendet, aber auch Seltene Erden. Gold aus Smartphones zurückzugewinnen, ist zwar schwierig, aber möglich – und wird, wie das Recycling anderer Edelmetalle, immer wichtiger. Denn solche Rohstoffe abzubauen, ist ebenfalls aufwendig. Dabei kommen in größerem Umfang gesundheitsgefährdende Chemikalien zum Einsatz. Zudem werden Handys mit erheblichem Energieaufwand produziert, meistens in Ostasien – und dort kommt der Strom überwiegend aus Kohlekraftwerken, die große Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid ausstoßen.

Im Durchschnitt wird ein Handy nur 18 Monate genutzt. Nach Angaben von Germanwatch liegen in Deutschland derzeit etwa 83 Millionen alte oder kaputte Handys in den Haushalten herum. Und wenn die alten Geräte nicht in der Schublade landen, werden sie häufig einfach über den Hausmüll entsorgt. Das ist aber erstens verboten und zweitens gehen dadurch die Rohstoffe verloren. Allein 2018 wanderten weltweit 1,4 Milliarden Smartphones über die Ladentheke. Diese Mobiltelefone mussten neu produziert werden, während die Altgeräte oft auf den Müll kommen. Im Klartext: Der Metallbergbau schreitet voran, während die Rohstoffe weggeschmissen werden. Und der Berg aus Elektroschrott wächst: Mehr als 44 Millionen Tonnen sind nach einem UN-Bericht im Jahr 2017 weltweit angefallen. Selbst in Europa wird nur ein Drittel des E-Waste gesammelt.

Lesen Sie auch

Rund 30 verschiedene Metalle stecken in einem Handy. Um die zu gewinnen, müssen viele Menschen in Entwicklungsländern unter häufig unwürdigen Bedingungen arbeiten. Auch Kinder müssen in den Minen schuften. Pausen und Schutzkleidung gibt es kaum, Überstunden sind an der Tagesordnung. Damit dieses Elend ein Ende findet, fordert Germanwatch-Mitarbeiterin Johanna Sydow, dass Mobilfunkgeräte nicht einfach als „Wegwerfgegenstände“ benutzt werden dürfen: „Wenn sie kaputt gehen, sollten wir versuchen, sie zu reparieren. Zudem empfehle ich, in gute Qualität zu investieren. Doch allein über den Konsum lässt sich das Problem nicht regeln. Der Gesetzgeber müsste dafür sorgen, dass die Hersteller nachhaltiger arbeiten. Aktuell sind Reparaturen nämlich zumeist schwierig, weil die Ersatzteile zu teuer verkauft werden.“ Auf den Nenner gebracht: reparieren geht vor produzieren.

Kinderarbeit in Goldminen in Ghana

Giftig: Ein Junge arbeitet in einer Goldmine in Ghana.

Foto: Kristin Palitza /dpa

Erdüberlastungstag kommt immer früher

Der Verbrauch von Ressourcen ist weltweit in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen. Der „Erdüberlastungstag“ fiel in diesem Jahr auf den 29. Juli – drei Tage früher als im Vorjahr. Der Tag markiert den Zeitpunkt, an dem der Mensch mehr erneuerbare Ressourcen verbraucht hat, als im Verlauf des Jahres nachwachsen können. Im Jahr 2000 ist dieser Tag noch auf den 23. September gefallen. Der zunehmende Rohstoffverbrauch gibt auch Sydow zu denken: „In Deutschland muss man sich Sorgen machen, denn wir verbrauchen zu viele Rohstoffe.“ Um diesen Trend zu stoppen, gibt das Umweltbundesamt verschiedene Tipps, wie man nachhaltiger mit Waschmaschine, Dampfbügeleisen, Kühlschrank oder Computer umgehen kann. So sollte beim Kauf einer Waschmaschine unbedingt auf die höchste Energieeffizienzklasse (A+++) geachtet werden. Ein Bügeleisen sollte einen stufenlosen Temperaturregler und eine automatische Abschaltfunktion haben, so lässt sich der Energieverbrauch senken. Generell gilt bei der Nutzung eines Dampfbügeleisens: Man sollte mit so wenig Dampf wie möglich bügeln, denn der allein verbraucht rund 90 Prozent des Stroms.

Den größten ökologischen Fußabdruck hinterlassen die meisten Elektro- und Elektronikgeräte bei ihrer Herstellung. Umweltexperten empfehlen daher: Man sollte die Produkte möglichst lange nutzen. Wenn sie sich nicht mehr reparieren lassen, kann man vielleicht auch einen gebrauchten Ersatz anschaffen, anstatt immer gleich ein neues Gerät zu kaufen. Auch durch verändertes Verhalten lassen sich Ressourcen sparen.

Lesen Sie auch

Sind Elektro- und Elektronikgeräte am Ende ihrer Lebensdauer angekommen, müssen sie fachgerecht entsorgt werden – so will es das Gesetz. Übrigens: Darunter fallen neuerdings auch Möbel- oder Kleidungsstücke mit elektronischen Bestandteilen, etwa blinkende Kinderturnschuhe. Ausrangierte Geräte können bei Sammelstellen oder beim Fachhandel abgegeben werden. Ausgediente Handys können via Internet gespendet werden: Verschiedene Naturschutz- und Entwicklungshilfeorganisationen freuen sich über jedes Gerät. Insgesamt geht es beim Elektroschrott um riesige Mengen: In Deutschland fallen jedes Jahr 1,7 Millionen Tonnen an.

Info

Zur Sache

Kinderarbeit

Laut Definition ist Kinderarbeit gekennzeichnet durch Arbeiten, für die Kinder zu jung sind oder die für sie zu gefährlich sind. Die körperliche oder seelische Entwicklung der Betroffenen kann dadurch dauerhaft geschädigt werden. Kinderarbeit raubt jungen Menschen die Kindheit, verhindert einen Schulbesuch und verstößt gegen die weltweit gültigen Kinderrechte. Zu den „schlimmsten Formen“ zählen die Vereinten Nationen die Sklaverei, Kinderprostitution und Zwangsarbeit.

Nach UN-Angaben arbeiten weltweit rund 168 Millionen Kinder, viele von ihnen in Afrika. Besonders schlimm ist die Situation im Süden des Kongo, wo laut Unicef mehr als 40.000 Kinder in Minen arbeiten müssen. Auf der Jagd nach Kobalt – ein Rohstoff, der für Smartphone-Akkus benötigt wird – harren sie mitunter 24 Stunden unter Tage aus. Trotzdem liegt ihr Verdienst nur bei einem bis zwei US-Dollar pro Tag. Kinderarbeit ist auch in Ländern wie Kolumbien, Äthiopien, Ghana, Guinea, Indonesien, Nicaragua, Nordkorea, Peru, Tansania, Mali, Niger und der Mongolei verbreitet.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+