Geschichten, die wir uns wünschen

Endstation in Falkenberg statt Bremen

Die Linie 4 bleibt das beherrschende Thema des Jahres 2016. Ist die Straßenbahn auf dem richtigen Weg? Oder fahren ihr die Regiobusse der Linien 630 und 670 den Rang ab? Monatelang streiten Gegner und Befürworter der Bahn über Fahrgastzahlen und Kosten. Ein Kompromiss soll die Linie 4 stärken.
02.01.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Michael Wilke

Die Linie 4 bleibt das beherrschende Thema des Jahres 2016. Ist die Straßenbahn auf dem richtigen Weg? Oder fahren ihr die Regiobusse der Linien 630 und 670 den Rang ab? Monatelang streiten Gegner und Befürworter der Bahn über Fahrgastzahlen und Kosten. Ein Kompromiss soll die Linie 4 stärken.

Die Straßenbahn-Freunde wollen die Regiobusse an der Endhaltestelle der Linie 4 enden lassen, um die Bahn zu stärken. Die Straßenbahn-Feinde würden am liebsten die Busse stärken – um ihre Überlegenheit gegenüber der Straßenbahn zu beweisen.

So wogt die Debatte hin und her.Im Rat werden Lösungsvorschläge beschlossen und nach heftigem Widerstand verworfen. Erst im letzten Quartal zeichnet sich eine überraschende Lösung ab.

Für die Kritiker ist der Fall klar: Die Straßenbahn bringt Lilienthal nichts. Sie kostet nur Geld – Geld, das die Bürger als Steuerzahler aufbringen müssen. Busse fahren günstiger, völlig klar. Woanders würden die Schienen schon wieder abgebaut und Bahnen durch Busse ersetzt, heißt es. Das war mal so, vor 40 Jahren. Doch in Großstädten geht der Trend längst wieder zur Schiene.

Bremen ist ein gutes Beispiel und beileibe kein Exot. 1972 stellte die Hansestadt den Betrieb der Linie 4 vom Domshof nach Horn-Lehe ein und ließ Busse fahren. Gut zwei Jahrzehnte später setzte Bremen wieder auf die Bahn und baute eine neue Linie 4. Die wurde 2002 von Horn bis Borgfeld verlängert. Seit August 2014 rollt sie 5,5 Kilometer weiter: durch Lilienthals Ortskern zum Falkenberger Kreuz.

Die Bahn ist wieder da. Zwar ist sie nicht so wendig und flexibel wie ein Bus, der Umleitungen locker umkurvt. Doch sie ist leiser und komfortabler geworden, sie schaukelt nicht wie der Bus, wenn er über marode Straßen rollt. Sie fährt elektrisch und belastet die Luft nicht durch Abgase. Nur: Um wirtschaftlich zu fahren, braucht eine Straßenbahn viel mehr Fahrgäste als ein Bus – und so kann der Vorteil, dass sie mehr als doppelt so viele Menschen aufnehmen kann, ganz schnell in einen Nachteil umschlagen.

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Darum dreht sich die Diskussion im ersten Halbjahr 2016 in Lilienthal. 2734 Fahrgäste an einem Werktag – das ist die erste solide Zahl, die die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) im Dezember vorgelegt hat. Es ist der Durchschnittswert der Zeitspanne vom November 2014 bis zum Oktober 2015 (wir berichteten). Dass das nicht reicht, ist allen klar, den Freunden und den Feinden der Straßenbahn. Nach Recherchen der Redaktion gilt in Deutschland die Faustregel, dass eine Bahn mit mehr als 4000 Fahrgästen pro Werktag wirtschaftlicher unterwegs ist als ein Bus. Lilienthal ist nicht Bremen, es hat nur wenig mehr als 18000 Einwohner.

„Das wird noch“, sagen Optimisten, die den Ort aufblühen sehen: durch neue Läden und neue Bürger, die in die Baugebiete entlang der Straßenbahntrasse ziehen. Pessimisten sehen die hoch verschuldete Gemeinde in den finanziellen Ruin fahren. Bus oder Bahn? Das ist nicht die Frage. Beide rollen schon durch Lilienthal, auf getrennten Wegen zwar, aber doch parallel zueinander. Die Bahn ist nicht wegzudiskutieren, ein Rückbau unvorstellbar – Lilienthal müsste über 50 Millionen Euro an Fördergeldern zurückzahlen. So konzentriert sich die Debatte bis zum Jahresende auf die Regiobusse, die aus dem Hinterland nach Bremen fahren.

Niederschmetternde Juli-Bilanz

Der Sommer 2016 ist sonnig und heiß. Pendler fahren mit dem Rad zur Arbeit. Es ist Urlaubszeit, auch ungünstig für die Linie 4. Die Juli-Bilanz ist niederschmetternd: 1900 Fahrgäste.

In einer Sondersitzung des Rates setzen sich SPD und Grüne mit ihren Anträgen durch, die Regiobuslinien in Falkenberg zu kappen. Im Umland löst der Beschluss ein Erdbeben aus. Worpsweder, Grasberger und Tarmstedter fordern die Weiterfahrt der Linien 630 und 670 nach Bremen, das Busunternehmen warnt vor gewaltigen Einbußen, die zur Aufgabe der Linien führen könnten. Die Bürgermeister beschweren sich beim Zweckverband des Verkehrsverbundes Bremen/Niedersachsen (ZVBN). In einer Sondersitzung wird der Lilienthaler Antrag abgeschmettert.

Was nun? Nach der Kommunalwahl im September wird über neue Routen der Regiobusse diskutiert. Sie sollen im Bogen über die Entlastungsstraße fahren, weiter weg vom Zentrum. Prompt hagelt es Beschwerden. Das Busunternehmen will keine Fahrgäste verlieren. Bisher können sie mit dem Bus die Klinik, das Gewerbegebiet und den Ortskern erreichen.

Lilienthals neu gewählter Rat verwirft die Routenänderung der Busse mit knapper Mehrheit. Die Politiker diskutieren wochenlang über Alternativen. Am Ende steht ein Kompromissvorschlag: Nur noch jeder zweite Regiobus fährt über die Universität nach Bremen. Die Route der anderen Busse endet am Falkenberger Straßenbahnkreisel. Prompt kommen Proteste aus dem Umland.

Tarmstedts Bürgermeister Frank Holle interveniert beim ZVBN, unterstützt von seinen Kollegen in Worpswede und Grasberg, Stefan Schwenke und Marion Schorfmann. Der angebliche Kompromiss gehe allein zu Lasten der Umlandgemeinden, die durchgehende Verbindung nach Bremen im Stundentakt müsse unbedingt erhalten bleiben.

Hinter den Kulissen werden viele Gespräche geführt. Im Dezember präsentieren die Lilienthaler einen zweiten Kompromissvorschlag: Es bleibt dabei, dass 50 Prozent aller Regiobusfahrten in Falkenberg enden. Doch dafür sollen die Regiobusse morgens, mittags und abends im 30-Minuten-Takt fahren. Darüber wird heftig diskutiert. Kurz vor dem Jahresende stehen die Signale auf Grün. Im Zweckverband des VBN einigen sich die Vertreter der Kommunen überraschend auf einen Versuch: Ein Jahr lang soll das Lilienthaler Modell erprobt werden.

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