UBS-Chefanlagestratege Gerit Heinz im Gespräch über die Entscheidung der Europäischen Zentralbank Erwartungen übertroffen

Die Europäische Zentralbank (EZB) will mit dem Anleihekaufprogramm „Quantitative Easing“ (QE) die Wirtschaft im Euroraum in Schwung bringen. Mindestens 1,14 Billionen Euro sollen dazu bereitgestellt werden.
23.01.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Die Europäische Zentralbank (EZB) will mit dem Anleihekaufprogramm „Quantitative Easing“ (QE) die Wirtschaft im Euroraum in Schwung bringen. Mindestens 1,14 Billionen Euro sollen dazu bereitgestellt werden. Über die Erfolgsaussichten sprach Andreas Holling mit Gerit Heinz, Leiter des Investment-Office bei der UBS Deutschland AG.

Bislang war von Anleihekäufen in der Region 500 bis 1000 Milliarden die Rede. Nun fällt der EZB-Einkauf deutlich größer aus. Überrascht Sie das?

Gerit Heinz: Die Entscheidung selbst war durch die negativen Inflationsraten im Dezember im Euroraum zu erwarten. Mario Draghi hatte sich im Vorfeld entsprechend geäußert. Überrascht bin ich von der Größenordnung. Mit 1,14 Billionen Euro hat die EZB die Erwartung mehr als übertroffen und eine deutliche Maßnahme ergriffen.

Gab es denn Alternativen? Schließlich geistert schon seit einiger Zeit das Gespenst einer Deflation durch die Diskussionen.

Wenn sich die EZB im Vorfeld nicht so stark auf die Inflationsrate fokussiert hätte, wären möglicherweise mehr Spielräume geblieben. Die aktuelle Deflation wird vor allem durch den niedrigen Ölpreis ausgelöst, der aber dem Konsum hilft. Das ist nicht das, was man üblicherweise als deflatorische Abwärtsspirale versteht. Vor allem geht es der EZB darum, dass die langfristigen Inflationserwartungen nicht zu stark nach unten tendieren.

Eine Inflation um die zwei Prozent – so lautet das Ziel der EZB. Ist das erreichbar?

Mario Draghi bleibt sich mit seiner Entscheidung, notfalls auch über den September 2016 hinaus Anleihen zu kaufen, im Prinzip treu. Das Programm ist groß genug, um die wirtschaftlichen Aussichten etwas zu verbessern. Die direkteste Wirkung liegt dabei sicherlich im Wechselkurs. Eine Abwertung des Euro lässt die Inflation durch höhere Importpreise steigen. Zudem soll durch das günstige Geld die Kreditvergabe stimuliert werden.

Bislang gelang die Ankurbelung der Wirtschaft durch Kredite nicht so recht.

Effekte sind möglich – wenn auch durch die zeitverzögerte Wirkung der Geldpolitik vermutlich erst 2016. Die Geldpolitik der EZB wirkt nicht so direkt, wie es wünschenswert wäre. Das hängt unter anderem mit den Eigenkapitalanforderungen an die Banken und der Qualität der Kreditnehmer zusammen. So ist in Südeuropa die Arbeitslosigkeit hoch und die Verbraucher tragen zum Teil noch an den Folgen der Immobilienblase. Da ist die Bereitschaft für neue Kredite nicht sonderlich hoch.

In den USA war ein ähnlicher Anleihekauf erfolgreich. Kann die EZB an die guten Erfahrungen anknüpfen?

Das ist eine spannende Frage. In den USA hat QE gut funktioniert, weil die Banken frühzeitig rekapitalisiert wurden. Außerdem finanzieren sich die Unternehmen dort stärker auf dem Kapitalmarkt als in Europa. Daher ist die Wirkung direkter als hierzulande.

Was kann die EZB denn noch tun, wenn das QE-Programm nicht erfolgreich ist?

Die EZB kann ohnehin nur Zeit verschaffen, aber sie kann fehlende Reformen der Politik nicht ausgleichen. Ihre Geldpolitik kann eine wachstumsfreundliche Wirtschaftspolitik nicht ersetzen.

Zur Person

Gerit Heinz ist Chefanlagestratege der UBS Deutschland. Zur UBS kam Heinz 2002, zuvor arbeitete der Diplom-Kaufmann unter anderem als Portfolio Manager für die Commerzbank in Frankfurt am Main.

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