Made in Niedersachsen: „Omas Gurken“

Saure-Gurken-Zeit

Vanessa Meier hat Arabistik studiert und in Kairo gelebt. Jetzt verkauft sie eingelegtes Gemüse nach Omas Rezept. „Ich habe mich sofort in die Gurken verliebt“, sagt sie.
19.04.2020, 05:00
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Saure-Gurken-Zeit
Von Stefan Lakeband
Saure-Gurken-Zeit

Mehr als 400.000 Gläser stellt die 36-Jährige jedes Jahr her. Ohne Handarbeit geht es dabei nicht – trotz vieler Maschinen in der Produktion in Niedersachsen.

Björn Hake

Zu Beginn eine Klarstellung: Die ältere Dame mit der Dauerwelle und der weißen Bluse auf dem Etikett des Gurkenglases ist nicht Vanessa Meier. Und sie ist auch nicht ihre Großmutter – auch wenn der Name von Meiers Produkt anderes vermuten lässt. Denn der lautet schließlich „Omas Gurken“. Aber wer ist dann diese Frau, die so nett vom Gurkenglas lächelt?

Vanessa Meier, 36 und noch weit vom Omasein entfernt, kennt die Antwort. „Es ist die ehemalige Nachbarin des Firmengründers. Eigentlich wollte er seine Mutter für das Gurkenglas fotografieren“, sagt sie. Die habe aber nicht gewollt. Zu alt sei sie, zu unfotogen. Also habe der Gründer die Nachbarin gefragt. Ein Glücksgriff – wie sich heute zeigt. Die Omi, wie Meier sie nennt, habe mittlerweile einen hohen Wiedererkennungswert. „Die darf nicht fehlen.“

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Meier ist 2013 dazugekommen: zur Omi, vor allem aber zu den Gurken. Damals ist die junge Frau bei der Schudeisky GmbH eingestiegen, der Firma hinter Omas Gurken. Gegründet wurde sie viele Jahre zuvor von Volker Schudeisky, einem Freund von Meier. Der habe einen kleinen Laden in der Bremer Wachmannstraße gehabt und dort Lebensmittel verkauft, darunter eingelegte Gurken. „Nach einem Rezept seiner Ururgroßmutter“, sagt Meier. Über die Zeit hätten die sich zum Verkaufsschlager entwickelt; Schudeisky habe immer mehr Gurken eingelegt, immer mehr verkauft. Erst 100 Gläser, dann 200.

2006 hat er die alte Molkerei in Emtinghausen im Landkreis Verden gekauft. Dort baute er eine professionelle Produktionslinie mit gebrauchten Maschinen auf, die in der ganz Deutschland zusammengesucht hat: mit Waschtrommel, einem Sortierband, einer Maschine, um die Gurken in die Gläser zu füllen, und einer, um Etiketten aufzukleben. Dass nun Meier die Gurken-Geschäfte führt, ist Zufall. Die zweifache Mutter hat Betriebswirtschaftslehre und Arabistik studiert, eine Zeit lang in Kairo gelebt und zuletzt das Marketing eines mittelständischen Unternehmens verantwortet. Eingelegtes Gemüse sei ihr da lange nie in den Sinn gekommen.

Vanessa Meier von der Firma Schudeisky Gurken in Emtinghausen

Die Omi darf nicht fehlen, sagt Vanessa Meier. Die ältere Dame mit der Dauerwelle ist auf jedem Produkt des Unternehmens vertreten.

Foto: Björn Hake

Lust auf etwas Neues

Eines Abends, Schudeisky und Meier saßen zusammen, ließ der Unternehmer aber durchblicken, dass er Lust auf etwas Neues habe. Die hatte Meier auch. Und so kam es zum Karrierewechsel. „Ich habe mich sofort in die Gurken verliebt“, sagt sie über ihren ersten Besuch in der Produktion. 2013 übernahm sie die Firma, die immer noch den Namen des Gründers trägt.

Mittlerweile verlassen jedes Jahr bis zu 450.000 Gläser die Fertigung in Emtinghausen. Das Sortiment, das anfangs nur aus eingelegten Gurken süß-sauer bestand, wurde über die Jahre erweitert. Mittlerweile gibt es weitere Würzvarianten, Gurkensalat und eingelegte Zwiebeln.

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Wenn die Firma produziere, verarbeiteten die Mitarbeiter täglich rund sechs Tonnen Gurken. Und trotz Maschinen, sagt Meier, geschehe immer noch vieles in Handarbeit. Dafür wächst die Zahl der Mitarbeiter in Hochzeiten auf 25. Denn bei der Herstellung sei man an die Erntezeiten des Gemüses gebunden, sagt die Geschäftsführerin. Alle Gurken kämen frisch aus Bayern, der Dill vom Großmarkt in Bremen. Deswegen ist es im Sommer in der alten Molkerei in Emtinghausen besonders betriebsam, wenn Rentner, Schüler, Studenten und Hausfrauen bei der Produktion helfen.

Doch auch im Rest des Jahres lassen Meier die Gurken nicht los. Dann arbeitet sie an neuen Rezepturen und am Vertrieb, denn die Konkurrenz ist groß. Meterlange Regale im Supermarkt nur mit eingelegtem Gemüse – „als kleines Unternehmen müssen wir da um unseren Platz kämpfen“, sagt sie. Das funktioniere mittlerweile aber recht gut. In vielen Läden in Norddeutschland, von Edeka über Rewe bis hin zu Real, gebe es mittlerweile Omas Gurken.

Die Gurken selbst sind das beste Argument

Meiers bestes Argument sind die Gurken selbst. „Wer eines unserer Gläser öffnet und probiert, ist schnell überzeugt.“ Das muss es auch gewesen sein, was den Sternekoch Tim Raue beeindruckt hat. Eines Tages, so erzählt es die 36-Jährige, habe er angerufen und von den Gurken geschwärmt. Er wolle sie auch in seinem Restaurant in Berlin nutzen. „Das macht uns stolz.“

Dass die Gurken ankommen, zeigt sich auch in der Bilanz der Firma. „Wir wachsen von Jahr zu Jahr“, sagt Meier. Für 2020 geht die Unternehmerin von mehr als 500.000 Euro Umsatz aus. Einen kleinen Schub dürfte die Corona-Pandemie geben. Wie viele andere Lebensmittelproduzenten stellt auch die Firma aus Emtinghausen fest, dass lang haltbare Nahrung gefragt sei. Saure-Gurken-Zeit gewissermaßen.

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In den Jahren als Geschäftsführerin ist Meier zur Allrounderin geworden. Im Büro hat sie zwar zwei Mitarbeiterinnen, dennoch habe sie auch ein Auge auf den Einkauf und den Vertrieb, auf das Marketing sowieso. Am meisten Spaß mache ihr jedoch die Arbeit in der Produktion, wenn man am Ende des Tages sehe, was man geschafft habe. Auch das Herumprobieren in der Küche sei wichtig. Wenn es neue Produkte geben soll, müssen die schließlich irgendwo herkommen. Meier testet dann verschiedene Ideen, probiert, schmeckt ab und verwirft. Erst wenn sie zufrieden ist, haben die Gläser eine Chance darauf, irgendwann im Supermarktregal zu stehen. „Wenn man dann sieht, dass die Kunden die eigenen Kreationen kaufen, ist das toll.“

Meier selbst lässt die Gurken mittlerweile aber häufiger im Kühlschrank. „Ich habe einfach zu viel davon gegessen.“ Auch wenn es ums frische Gemüse geht, ist die Gurke oft nur zweite Wahl – hinter der Zucchini. Wobei man die, sagt Meier, sicher auch einlegen könne.

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