Fachkräftemangel Firmen beklagen Bremer Pleite-Image

Immer wieder wollen Job-Kandidaten nicht in Bremen arbeiten, weil sie kein gutes Bild von der Hansestadt haben. Etliche Unternehmen klagen darüber – und geben dem Image der Stadt eine miserable Note.
25.01.2018, 19:18
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Firmen beklagen Bremer Pleite-Image
Von Stefan Lakeband

Die Wirtschaft in Deutschland wächst seit Jahren. Auch in Bremen freuen sich Unternehmen über zahlreiche Aufträge und gute Ergebnisse. Das hat allerdings auch andere Folgen: Es wird immer schwerer, Fachkräfte zu finden. Das Angebot ist begrenzt. Neben dem eigentlichen Job spielen daher bei der Entscheidung für eine Arbeitsstelle immer öfter weiche Faktoren eine Rolle. Zum Beispiel: Wie attraktiv ist eine Stadt, was bietet sie der Familie?

Vergangene Woche hatte das Bremer Raumfahrtunternehmen OHB kritisiert, dass das Image der Hansestadt nicht gut sei – und es daher manchmal schwerfalle, Fachkräfte an die Weser zu holen. „Bremen ist eine graue Maus“, sagte Personalvorstand Klaus Hofmann dem WESER-KURIER. Sein Vorwurf: Bremen sei zwar schön, doch das dringe zu vielen außerhalb der Hansestadt nicht durch. Mit dieser Wahrnehmung ist er nicht alleine. Auch andere Unternehmen stehen vor ähnlichen Schwierigkeiten.

„Viele nehmen Bremen als Schlusslicht wahr“

„Bremen ist nicht der Nabel der Welt“, sagt Roland Terbeck, der bei Thermo Fisher Scientific, einem Hersteller für wissenschaftliche Geräte, lange Zeit Mitarbeiter für Bremen gesucht hat. „Gerade wer schon in Städten wie Hamburg oder München wohnt, will nicht unbedingt nach Bremen ziehen.“ Er schiebt das auch auf den Ruf der Stadt: „Viele nehmen Bremen als Schlusslicht wahr.“ Zudem schrecke viele Leute das große Gefälle zwischen Arm und Reich ab.

Auch beim Brauereikonzern AB Inbev sieht man diese Probleme. „Bremen hat nachweisbar ein Imageproblem“, so eine Sprecherin. Die Stadt stehe bundesweit „vor allem für Armut und Kriminalität, ein schlechtes Bildungssystem und mangelnde Betreuungsplätze“. Da falle es äußerst schwer, den viel zitierten Ingenieur mit zwei kleinen Kindern aus Bayern oder Baden-Württemberg nach Bremen zu locken. Dies gelte sowohl für einen global agierenden Konzern wie AB Inbev als auch für kleine und mittlere Unternehmen.

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„Das Marketing der Stadt verdient eine Sechs minus“, sagt Stefan Messerknecht, Vorstand von Hmmh. Die Multimediaagentur mit 300 Mitarbeitern hat daher Dependancen in anderen Städten eröffnet. „Wir hören häufig: ‚Ich finde euch prima, aber für den Job ziehe ich nicht nach Bremen.‘“ Daher gebe es auch Büros in Hamburg, Berlin und München. Nicht, um näher beim Kunden, sondern bei den Mitarbeitern zu sein.

Nicht nur mit dem Image einer Pleitestadt, auch mit den Problemen im Bildungssystem wird der Vorstand häufig in Bewerbungsgesprächen konfrontiert. Die Kritik kann er sogar nachvollziehen. „Die Bildung ist eine Schlüsselfrage für Bremens Zukunft“, sagt Messerknecht. „Bis auf ein paar Bekenntnisse passiert aber viel zu wenig.“

Schlechte Betreuungssituation für Kinder

Schon vor etwas mehr als einem Jahr hatte AB Inbev die Probleme Bremens öffentlich angesprochen. Damals ging es um die schlechte Betreuungssituation für Kinder. Verbessert habe sich seitdem wenig. „Während auf Bundesebene über die Abschaffung von Betreuungskosten gesprochen wird, werden die Gebühren in Bremen angehoben“, sagt die Sprecherin. Das führe dazu, dass Menschen mit mittleren und höheren Einkommen, Bremen eher mieden und maximal ins niedersächsische Umland zögen. Dort sollen ab August Kita-Plätze kostenlos sein.

Sowohl die AB-Inbev-Sprecherin als auch Messerknecht sehen darin große Probleme: Bremen koppelt sich ab, Bremen wird Schwierigkeiten bekommen. Um etwas dagegen zu tun, habe Hmmh daher selbst Initiative ergriffen. Man arbeite mit Hochschulen und Universitäten zusammen, auch mit Schulen bestehe bereits ein Austausch. Denn IT-Fachkräfte, auf die Hmmh angewiesen ist, würden in Zukunft immer stärker gesucht – in ganz Deutschland.

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Vor einem anderen Problem warnt Thomas Meyer-Vierow. Der Direktor einer großen Bremer Bank sagt: „Ähnlich verhält es sich mit der Unternehmensansiedlung überregionaler Betriebe in Bremen.“ Wenn mehrere Standorte zur Auswahl stünden, verliere Bremen in der Regel. Denn Führungsebene und Belegschaft entschieden sich zum Wohle der Kinder gegen Bremen.

Für weniger dramatisch hält hingegen Reinhardt Hamann die Situation. „Ja“, sagt der Geschäftsführer des Hanseatischen Personalkontors in Bremen, „es ist schwerer, Fachkräfte für Bremen zu finden als für Frankfurt, Hamburg oder München.“ Die Hansestadt habe es aber auch nicht schwerer als etwa Hannover. Das Unternehmen, das bundesweit Standorte hat, sucht in Bremen vor allem Führungskräfte für den industriellen Mittelstand. Ihm sei dabei noch nicht das Argument begegnet, dass das Bremer Schulsystem zu schlecht sei und Bewerber deswegen nicht an die Weser ziehen wollten, sagt Hamann.

Bremer verdienen mehr als im Bundesschnitt

Hat das Personalproblem mancher Firmen in Bremen etwas mit zu geringen Löhnen zu tun? Laut Arbeitnehmerkammer verdienen Bremer mehr als im Bundesschnitt. Das sei auch bei OHB der Fall, teilt ein Sprecher mit. „OHB orientiert sich bei den Gehältern am Branchendurchschnitt, wobei dieser Durchschnitt für uns das untere Limit darstellt. In der Regel streben wir an, besser als der Durchschnitt zu sein.“ Nach einer Untersuchung des Portals Gehalt.de zahlt die Luft- und Raumfahrtbranche sogar am besten in Bremen – mit einem Durchschnittseinkommen von mehr als 77.000 Euro pro Jahr.

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Bei Bremens größtem privaten Arbeitgeber Daimler hat das Bremer Image nach eigenen Angaben keine Auswirkungen auf die Personalsituation. „Wir erhalten trotz des verstärkten Wettbewerbs um qualifizierte Kräfte allein in Deutschland jedes Jahr eine sechsstellige Zahl an Bewerbungen und können alle Stellen mit hoch qualifizierten Kandidaten besetzen“, so ein Konzernsprecher.

Beim Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation (Zarm) sieht man auf jeden Fall Bemühungen, Bremen attraktiver zu machen. „Ich denke, dass sich Bremen zurzeit stark dafür engagiert, die Stadt als Wissenschafts- und Raumfahrtstandort bekannter zu machen“, sagt Zarm-Direktor Marc Avila. Er selbst ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich Fachkräfte manchmal bewusst für Bremen entscheiden. Erst vor wenigen Jahren ist er mit seiner Familie aus Bayern an die Weser gezogen.

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