Mögliches Wirtschaftswunder

Flüchtlinge als Chance gegen demografischen Wandel

Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer spricht im Interview über Flüchtlinge am Arbeitsmarkt und ein mögliches Wirtschaftswunder.
03.03.2016, 00:00
Lesedauer: 7 Min
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Flüchtlinge als Chance gegen demografischen Wandel

Ein Mitarbeiter (rechts) in einem Mercedes-Werk erklärt einem Flüchtling im Rahmen eines Brückenpraktikums Arbeitsschritte. Die Integration werde nur über den Arbeitsmarkt gelingen, sagt Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer.

dpa

Seit 2013 ist Ingo Kramer Arbeitgeberpräsident. Im Interview spricht der 63-Jährige, der ein Schiffsbauunternehmen in Bremerhaven leitet, über Flüchtlinge am Arbeitsmarkt und ein mögliches Wirtschaftswunder.

Brennende Flüchtlingsheime, davor zahlreiche Protestler, die fremdenfeindliche Parolen skandieren. Was geht Ihnen bei solchen Bildern durch den Kopf?

Ingo Kramer: Das sind grauenhafte Bilder. Und ich frage mich jedes Mal aufs Neue, wie solche Bewegungen entstehen können in einem Land, das erst vor wenigen Jahrzehnten mit eigenen großen Flüchtlingsproblemen zu kämpfen hatte. Das ist schwer erklärbar, das will mir nicht in den Kopf.

Experten sagen, dass sich am Arbeitsmarkt entscheiden wird, ob die Integration der Flüchtlinge gelingt oder nicht. Wie sehen Sie das?

Ich sehe das genauso. Denn sich in ein jedwedes gesellschaftliches, soziales Leben zu integrieren, daran teilzuhaben, setzt voraus, dass man sein Leben selbstverantwortlich gestalten kann. Und das wiederum setzt Arbeit und Einkommen voraus – nicht Mildtätigkeit des Staates. Die Integration von Flüchtlingen setzt aber auch voraus, dass die Betriebe von der Politik nicht mit neuer und überflüssiger Bürokratie sowie zusätzlichen Kosten belastet werden. Auch die Tarifpartner stehen in der Verantwortung: So hatten wir in der Metall- und Elektroindustrie seit der Finanzkrise einen Lohnzuwachs von 20 Prozent, aber nur einen Produktivitätsfortschritt von zwei Prozent – was einen schleichenden Verlust an Wettbewerbsfähigkeit bedeutet. Unsere konjunkturelle Lage fußt derzeit vor allem auf Sonderfaktoren wie einem niedrigen Wechselkurs, dem niedrigen Ölpreis und niedrigen Zinsen.

Sie haben auf dem Arbeitgebertag im November erklärt, die Unternehmen seien bereit, Flüchtlinge in großer Zahl auszubilden und zu beschäftigen – aus purem Eigennutz, wie Sie hinzufügten. Wenn man sich aber die Großunternehmen anschaut, dann haben laut einer aktuellen Umfrage bisher nur zwei der 30 Dax-Konzerne Flüchtlinge fest eingestellt oder in Ausbildung gebracht. Woran liegt’s?

Mahnt zu Geduld in der Flüchtlingsfrage: Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer.

Mahnt zu Geduld in der Flüchtlingsfrage: Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer.

Foto: Frank Thomas Koch

Ich habe die Statistik nicht gemacht und kann die Zahlen nicht beurteilen. Aber wir wissen ja alle, dass die Flüchtlingswelle erst letztes Jahr im Juli begonnen hat. Man kann davon ausgehen, dass Menschen ohne Vorkenntnisse schon für den Spracherwerb mindestens ein Jahr benötigen. Das heißt, die meisten werden frühestens im Herbst so weit sein, einen Job oder eine Ausbildung antreten zu können. Das gilt für den Gastronomiebetrieb genauso wie für ein Dax-Unternehmen.

Wollen Sie denn in Ihrem Unternehmen Flüchtlinge beschäftigen?

Einen Flüchtling habe ich bereits eingestellt. Der ist schon vor drei Jahren aus Westafrika gekommen und macht jetzt bei uns eine Ausbildung zum Elektriker. Aktuell haben wir bei gut 300 Mitarbeitern in unserem Unternehmen etwa 50 Mitarbeiter mit Migrationshintergrund, die früher irgendwann nach Deutschland gekommen sind. Und das ist nicht ungewöhnlich in deutschen Unternehmen. Im Gegenteil, es ist die Norm, dass wir ganz viele Menschen beschäftigen, deren Herkunftsland nicht Deutschland ist. Mit dem Zuzug der neuen Flüchtlinge müssen wir jetzt erst nur wieder die Zeit investieren und die Geduld mitbringen, bis die nötigen Vorkenntnisse vorhanden sind. Da darf man nicht die Nerven verlieren.

Im vergangenen Herbst war die Euphorie noch groß. Daimler-Chef Dieter Zetsche hatte gar die Vision, die Flüchtlingswelle werde ein neues Wirtschaftswunder auslösen. Halten Sie das für realistisch?

Wir wissen, dass wir in 15 Jahren – also um 2030 herum – gut sechs Millionen Menschen weniger als heute im erwerbsfähigen Alter haben werden. Und diese Lücke müssen wir schließen, wenn wir auf dem derzeitigen volkswirtschaftlichen Leistungsniveau bleiben wollen. Das wird passieren, indem wir die Beschäftigung von Frauen in den nächsten Jahren steigern – und auch noch mehr darauf achten, dass nicht so viele Jugendliche ohne Ausbildung ins Erwachsenenleben starten. Aber dadurch allein wird die Lücke nicht geschlossen werden können. Das kann nur durch Zuwanderung geschehen.

Aber es kommen ja nicht nur die dringend benötigten Ingenieure und Ärzte. Was macht Sie zuversichtlich, dass die Integration so vieler Menschen auch wirklich gelingen kann?

50 Prozent der zu uns kommenden Flüchtlinge sind unter 25 Jahre, also in einem Alter, in dem es möglich ist, sie in die Ausbildungssysteme, die wir ohnehin haben, zu integrieren. Meine Erfahrung mit Jüngeren zwischen 15 und 20 Jahren ist: Die sind so was von motiviert, so engagiert, die wollen Deutsch lernen, eine Ausbildung machen oder ihre Schulausbildung beenden. Der Wille ist da, wir müssen es nur richtig organisieren. Und am Ende, wenn sie Schule und Ausbildung durchlaufen haben, sind sie dann in einer Struktur, wie sie unsere Wirtschaft braucht.

Es gab jüngst die Armutskonferenz in Bremen. Und da wurde kritisiert, dass nur jeder vierte Betrieb im Land Bremen überhaupt ausbildet, die große Mehrheit also nicht. Da stellt sich schon die Frage, wie glaubhaft sind die Integrationsversprechen der Wirtschaft, wenn es schon bei der Ausbildung der Jugendlichen vor Ort hapert?

Aus meiner Sicht funktioniert die Berufsausbildung gut. Dass nicht jedes Unternehmen ausbildet, liegt zum Teil schlicht daran, dass es zu klein ist. Ein durchschnittlicher Handwerksbetrieb hat gerade einmal fünf Mitarbeiter. Das ist der Durchschnitt, das heißt, es gibt viele Firmen, die haben nur ein oder zwei Mitarbeiter. Dass das nicht immer geeignete Ausbildungsbetriebe sind, ist klar. Außerdem ist in Deutschland nur jeder zweite Betrieb zur Ausbildung zugelassen. Fakt ist aber: Es gibt deutschlandweit mehrere Zehntausend unbesetzte Ausbildungsplätze allein im Handwerk. Die könnte man auch mit Flüchtlingen besetzen.

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In welchen Branchen und Bereichen würden Sie denn die größten Chancen für Flüchtlinge sehen?

Neben dem Handwerk vor allem in der Industrie und auch in der Gastronomie, wo man einfach reinfinden kann. Auch alles, was mit Landwirtschaft oder Gartenbau zu tun hat, halte ich für relativ leicht umsetzbar, weil es da um Dinge geht, die vielleicht gar nicht so anders sind als in der Heimat der Flüchtlinge. Einzelhandel ist dagegen vielleicht ein bisschen schwierig, weil man dort vermutlich etwas bessere Deutschkenntnisse braucht als nur Radebrechen. Und Verwaltung scheidet wohl anfangs eher aus, da muss man dann wirklich perfekt Deutsch sprechen können.

Wo sehen Sie denn die größten Hürden für die Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt?

Die größte Hürde, das betone ich immer wieder, ist das Deutschlernen. Integration geht nur über die Sprache.

Was könnte die Politik aus Sicht der Wirtschaft tun, um hier bessere Voraussetzungen zu schaffen?

Wir haben in Deutschland zum Beispiel eine Schulpflicht bis zum 18. Lebensjahr. Das heißt, wenn ein Flüchtling mit 18 Jahren und einem Monat hierherkommt und dem fehlen noch zwei Jahre Schule, dann hat er kaum eine Chance, seinen Schulabschluss hier zu machen. Wenn er mit 17 Jahren und elf Monaten kommt, dann darf er seinen Schulabschluss noch machen. Da merken wir, das System, das wir in Deutschland haben, funktioniert nicht für Flüchtlinge. Die müssen die Möglichkeit bekommen, auch über das 18. Lebensjahr hinaus ihren Schulabschluss nachzuholen. Das andere ist, dass jeder Jugendliche, dessen Asylverfahren läuft und der eine Ausbildung angefangen hat, die auch beenden kann und darüber hinaus noch zwei Jahre bleiben kann. Anders kriegen Sie keinen Handwerks- oder Industriebetrieb dazu, einen jungen Menschen einzustellen, wenn er jeden Monat damit rechnen muss, dass sein Lehrling abgeschoben wird.

Und wie sieht die Perspektive für ältere Flüchtlinge aus?

Für die müssen wir etwas haben, was in Deutschland noch in weiten Teilen verboten ist: Die müssen generell als Zeitarbeitnehmer tätig werden dürfen. Das ist etwas, was in Deutschland leider verteufelt wird. Aber die Zeitarbeit hat einen Effekt, den kein anderes Vermittlungssystem in Deutschland hat: Anders als die Arbeitsagenturen kann die Zeitarbeit Arbeitsplatzsuchende und Arbeitskraftsuchende über größere Distanzen und Regionen hinweg zusammenbringen. Sie wäre deshalb ein wichtiges Instrument, das es Flüchtlingen ermöglicht, wahrscheinlich viel schneller einen Arbeitsplatz zu finden. Momentan ist ihnen das noch untersagt, da müssen wir eine Veränderung haben.

Finden Sie da bei der Politik Gehör?

Das ist im Moment noch schwierig. Beim Thema Berufsausbildung sind wir da schon weiter.

Von Unternehmensseite wurde zuletzt auch immer wieder die Forderung laut, Flüchtlinge vom gesetzlichen Mindestlohn auszunehmen.

Ich bin da ganz gegenteiliger Meinung. Ich lehne es grundsätzlich ab, Flüchtlinge vom Mindestlohn auszunehmen und sie dadurch praktisch billiger zu machen als deutsche Arbeitnehmer. Das geht überhaupt nicht. Ich bin kein Freund des gesetzlichen Mindestlohns, bei dem alle Branchen und Regionen gleich behandelt werden. Das halte ich für falsch. Aber nun haben wir nun einmal den Mindestlohn, und da können wir nicht die ausländische Bevölkerung gegen Deutsche ausspielen oder umgekehrt. Deshalb bin ich überzeugt: Es darf keine Ausnahmen speziell für Flüchtlinge vom deutschen Mindestlohn geben. Deutsche und Ausländer müssen völlig gleich behandelt werden.

Aber Veränderungen beim Mindestlohn wollen Sie doch.

Das ja, aber die müssten dann auch für Deutsche und Flüchtlinge gleichermaßen gelten. So gibt es zum Beispiel Ausnahmen für Langzeitarbeitslose, die länger als ein Jahr arbeitslos sind – die dürfen die ersten sechs Monate auch unter Mindestlohn bezahlt werden. Dieses Angebot wird von Arbeitgebern bisher aber nur wenig genutzt. Unser Vorschlag ist, diesen Zeitraum auf ein Jahr zu verlängern und den Firmen damit mehr Zeit zu geben, Langzeitarbeitslose zu günstigeren Konditionen ins Unternehmen einzubinden. Das Gleiche müsste dann aus meiner Sicht aber auch für die Beschäftigung von Flüchtlingen gelten: Bis die so weit sind und Deutsch gelernt haben, sind sie auch länger als ein Jahr arbeitslos gewesen. Die müsste man gleich behandeln.

Das Interview führte Petra Sigge.

Ingo Kramer ist seit November 2013 Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). Der Wirtschaftsingenieur ist verheiratet, hat vier Kinder und leitet in Bremerhaven ein Unternehmen mit 300 Beschäftigten, das im Bereich Anlagenbau für Industrie und Schiffbau tätig ist. Gemeinsam mit seiner Frau kümmert sich der 63-Jährige derzeit als Pate um einen 19-jährigen Flüchtling aus Syrien.

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