Raumfahrt in Norddeutschland

Flughafen in Nordholz: Ein Platz für Träume

Zu groß, zu teuer, zu abgelegen: Der Flughafen in Nordholz ist umstritten. Dennoch könnte er Deutschlands erster Weltraumbahnhof werden. Besuch an einem Ort, an dem vieles möglich ist.
10.02.2020, 20:58
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Flughafen in Nordholz: Ein Platz für Träume
Von Stefan Lakeband
Flughafen in Nordholz: Ein Platz für Träume

Nur eine Airline steuert regelmäßig Nordholz an: Sie verbindet den Flughafen mit Helgoland. Ansonsten starten und landen hier noch einige Privatjets – und natürlich die Bundeswehr. Sie betreibt den Airport.

Michael Matthey

Draußen ist es ruhig und Thomas Lötsch in seinem Büro ratlos. Eigentlich müsste sie längst da sein, sagt er, nur um sich direkt selbst eine Antwort zu geben: wahrscheinlich das Wetter, zu schlecht als dass sie hätte starten können. Sie kommt schon noch; wenn sie erst mal unterwegs ist, braucht sie nicht lange. 20 Minuten.

Sie, das ist eine Maschine aus Helgoland, die laut Lötsch schon längst am Flughafen in Nordholz hätte landen sollen. An seinem Flughafen. Lötsch, 43 Jahre alt, Dreitagebart und kurze Haare, dunkelgrauer Wollpullover, ist Chef des Sea-Airports Nordholz, gleichzeitig Wirtschaftsförderer für den Landkreis Cuxhaven. Eine Region am Rande Deutschlands, dort, wo die A27 endet und das Wattenmeer anfängt. Die Arbeitslosigkeit ist hier höher als in den benachbarten Landkreisen, Studien warnen vor Überalterung und mangelnder Innovationskraft. Hier also, inmitten von Wiesen und Feldern, steht ein Flughafen, der für so eine Region eigentlich überdimensioniert ist: zu groß, zu teuer, zu weit weg von allem. Aber es gibt ihn trotzdem. Und er bietet für Platz für Träume: von Deutschlands erstem Weltraumbahnhof etwa.

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In Nordholz, zwischen Bremerhaven und Cuxhaven, keine zehn Kilometer von der Nordseeküste entfernt, wird seit mehr als 100 Jahren geflogen. Vor dem Ersten Weltkrieg habe es mit Zeppelinen angefangen, erzählt Lötsch. Später kamen Flugzeuge und Hubschrauber, vor allem aber die Bundeswehr. Sie betreibt noch immer den Flughafen, die 2,4 Kilometer lange Start- und Landebahn, die Flugsicherung, die Feuerwehr. Der Sea-Airport ist eigentlich nur ein Anhängsel: ein kleines Hauptgebäude und ein paar Hangars für Privatflieger und die einzige Airline, die den Flughafen bedient.

Trotzdem steht Lötsch – nach Zeppelinen, Flugzeugen und Helikoptern – nun vor der nächsten Stufe: Raketen. Dieter Kempf, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), hatte einen deutschen Weltraumbahnhof vor einigen Wochen ins Spiel gebracht. Deutschland müsse in einen Startplatz für Raketen investieren, in einen Zugang zum Weltraum. „Den werden wir brauchen“, sagte er, „da bin ich sicher.“

Ein kleiner Wartebereich, ein kurzes Gepäckband, aber große Träume: Flughafen-Chef Thomas Lötsch kann sich vorstellen, dass in Nordholz bald Raketen starten. Raumfahrt, sagt er, sei eine Option von vielen.

Ein kleiner Wartebereich, ein kurzes Gepäckband, aber große Träume: Flughafen-Chef Thomas Lötsch kann sich vorstellen, dass in Nordholz bald Raketen starten. Raumfahrt, sagt er, sei eine Option von vielen.

Foto: Michael Matthey

Wer bislang einen Satelliten ins All bringen will, der lässt seine Raketen von den wenigen Weltraumbahnhöfen starten, die es schon gibt: Kourou in Französisch-Guayana etwa, Cape Canaveral in Florida oder Baikonur in Kasachstan. Wenn es nach Kempf geht, könnte die Aufzählung erweitert werden: Nordholz im Landkreis Cuxhaven.

Es ist ein Thema, das zum Träumen einlädt, die Fantasie beflügelt. „Von Nordholz ins All“ – was wäre das für eine Schlagzeile für das kleine Örtchen an der Nordsee! Es ist eine Frage, die spaltet. Es gibt die, die das für Unsinn halten, von Spinnerei sprechen, Größenwahn. Und es gibt die, die es kaum erwarten können, wie BDI-Chef Kempf. Er kann sich nicht nur den niedersächsischen Airport als möglichen Raketenstartplatz vorstellen, sondern auch den Flughafen Rostock-Laage. Für Lötsch kam der Vorschlag überraschend. Niemand hatte ihn vorher gefragt, niemand darüber informiert, dass der BDI so einen Vorstoß machen wird. Einen, der Nordholz ins Zentrum von Weltraum-Deutschland rückt.

Wichtiger Teil der Infrastruktur

Lötsch ist jemand, der Herausforderungen mag. Er macht Triathlon, fliegt privat einen Doppeldecker, war bei der Bundeswehr; studierte BWL, gründete eine Firma für Stadtentwicklung. „Ich weiß, wie es ist, irgendwo von null anzufangen“, sagt der gebürtige Sachse. Als er vor zehn Jahren nach Cuxhaven kam, sei es nicht anders gewesen. „Als kleiner Ossi ohne viel Vorerfahrung habe ich die Wirtschaftsförderung für einen Landkreis übernommen, der so groß ist wie das Saarland.“ Als seine Vorgängerin abdankte, kam der Job als Flughafenchef dann noch obendrauf.

Er macht ihn nebenbei, ist meist nur freitags im Büro, kümmert sich sonst um die Wirtschaftsförderung. Wobei, sagt Lötsch, eigentlich gehöre beides zusammen. Der Airport sei ein wichtiger Teil der Infrastruktur und der Wirtschaftsleistung – und er schaffe Jobs im Landkreis. „Das geht runter bis zum Taxifahrer.“ Er beschere der Region jährlich rund 700.000 Euro an Einnahmen, selbst nachdem man die öffentlichen Zuschüsse von rund 300.000 Euro abgezogen habe. Einigen reicht das aber nicht. Erst im vergangenen Jahr haben die Grünen im Kreistag einen Vorstoß gewagt; sie wollten die Zahlungen an den Flughafen einstellen. Der Antrag wurde zwar abgelehnt, die Zweifel aber bleiben.

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Als Lötsch 2010 am Flughafen anfing, fragte er: Was will der Markt? Und was können wir anbieten? Der Versuch, den Sea-Airport zur Drehscheibe für Frachtflieger zu machen, war da eigentlich schon gescheitert. Lötsch überlegte gemeinsam mit seinen Kollegen. Am Ende blieben die Inselfliegerei, die Touristen und Handwerker nach Helgoland bringt, die Versorgung von Offshore-Plattformen, Forschungsluftfahrt und die klassische Geschäftsfliegerei – etwa kleine Privatjets, die Firmenchefs zu ihren Terminen bringen.

Dass seitdem etwas passiert ist, zeigt sich in den Zahlen: 2010 gab es in Nordholz gerade einmal 270 Starts und Landungen von nicht-militärischen Flugzeugen. 2016 waren es schon mehr als 2000. Als im selben Jahr der Flugplatz Luneort im Süden Bremerhavens schloss, brachte das einen zusätzlichen Schub. „Jetzt liegen wir zwischen 4000 und 5000 Flugbewegungen im Jahr“, sagt Lötsch. Eine Herausforderung sei das, eigentlich nur mit mehr Personal zu bewältigen. Zum Kernteam gehörten aktuell nur sechs Mitarbeiter. Die seien aber hoch motiviert.

Thomas Lötsch, Geschäftsführer des Flughafens in Nordholz und Wirtschaftsförderer für den Landkreis Cuxhaven.

Thomas Lötsch, Geschäftsführer des Flughafens in Nordholz und Wirtschaftsförderer für den Landkreis Cuxhaven.

Foto: Michael Matthey

Der Bundespräsident war wirklich schon hier

Wer Lötsch am Flughafen besucht, dem unscheinbaren blau-weißen Gebäude, der ahnt schnell, wie familiär es hier zugeht. Jeden seiner Mitarbeiter stellt er mit Namen vor, die Flure und Büros sind mit Collagen aus Luftfahrtbildern dekoriert. Wenn Lötsch erzählt, steht er immer wieder auf, sucht aus dem Wirrwarr dieses oder jenes Foto – ganz so, als müsse er beweisen, was er gerade gesagt hat: Der Bundespräsident war wirklich schon hier, die Antonow 124, dieser Riesenfrachtflieger, der bis zu 150 Tonnen transportieren kann, kann echt hier landen.

Während andere Flughäfen in ähnlichen Regionen als Landratspisten verspottet werden, weil sie von Kommunalpolitikern mit Fördermitteln am Leben erhalten werden, weil es Eindruck macht, einen Flughafen zu haben, soll es in Nordholz anders sein. „Wir backen kleine Brötchen“, sagt der 43-Jährige. „Die versuchen wir aber, ordentlich hinzubekommen.“

Durch den Weltraumbahnhof könnten sie etwas größer werden. Auch wenn Lötsch vom BDI-Vorstoß überrascht wurde, überfordert fühlt er sich nicht: Das Kapitel Raumfahrt in Nordholz ist länger, als man vielleicht denken mag. „Wir waren sogar Ausweichlandeplatz für das amerikanische Spaceshuttle“, erzählt er fast beiläufig, als wäre es nichts Besonderes. Tatsächlich war der Sea-Airport einer von mehreren Flughäfen weltweit, auf denen der Raumtransporter im Notfall hätte landen können – sei es bei schlechtem Wetter am eigentlichen Landeplatz oder technischen Problemen. Lötsch sieht das als Indikator dafür, wie leistungsfähig der Flughafen ist.

Das dürfte auch die Firma Xcor beeindruckt haben. Sie wollte den Flughafen schon 2012 in einen Weltraumbahnhof verwandeln. Damals war das Unternehmen dabei, den Weltraumgleiter Lynx zu entwickeln – starten und landen sollte er an der niedersächsischen Küste. Kommerzielle Raumfahrt stand damals allerdings nicht auf der To-do-Liste von Lötsch. „Warum auch? Als Regionalflughafen hatten wir durchaus andere Sorgen“, sagt er. Als klar wird, dass Xcor wirklich Interesse am Flughafen hat, schaut Lötsch sich das Thema genauer an. Er kommt zu dem Schluss: Das können wir.

Zum zivilen Bereich gehören nur ein paar Gebäude. Die 2,4 Kilometer lange Start- und Landebahn, die Feuerwehr, die Flugüberwachung und der Rest der Infrastruktur wird von der Bundeswehr gestellt.

Zum zivilen Bereich gehören nur ein paar Gebäude. Die 2,4 Kilometer lange Start- und Landebahn, die Feuerwehr, die Flugüberwachung und der Rest der Infrastruktur wird von der Bundeswehr gestellt.

Foto: Michael Matthey

Damals wie heute bietet der Airport gute Voraussetzungen: Im Luftraum ist relativ wenig los, die Region gering bevölkert, die Nordsee sowieso. Hinzu kommt, worauf Lötsch so stolz ist: die exzellente Infrastruktur, die zwar der Bundeswehr gehöre, aber trotzdem ein Teil des Flughafens sei.

Aus Xcor wurde dann doch nichts. Die Gespräche waren zwar schon recht weit, aber das Unternehmen änderte seine Strategie, Lynx wurde erst mal nicht weiter verfolgt. Mittlerweile ist die Firma pleite. Lötsch beobachtet seither das Thema Raumfahrt trotzdem weiter. Nebenbei. „Die Kontakte sind geblieben.“

Der 43-Jährige will nicht in Euphorie verfallen. Er weiß, was der Flughafen kann, aber auch, dass das nicht alleine ausschlaggebend ist. Schon 2012 gab es viele offene Fragen, auf die bis heute keine Antworten gefunden sind. Sind Raumgleiter Raketen oder noch Flugzeuge? Wer haftet, wenn so ein Ding in der Luft explodiert und Menschen verletzt? Hinzu kommen Ängste aus der Bevölkerung.

Privat fliegt Lötsch einen den Nachbau eines Doppeldeckers. Er steht – natürlich – in einem Hangar am Sea-Airport in Nordholz.

Privat fliegt Lötsch einen den Nachbau eines Doppeldeckers. Er steht – natürlich – in einem Hangar am Sea-Airport in Nordholz.

Foto: Michael Matthey

Das Thema Raumfahrt im Blick

Lötsch nimmt das ernst, ist deswegen vorsichtig, versucht zu erklären. Weltraumbahnhof sei ja gar nicht der richtige Begriff, sagt er. Riesige Raketen, Feuerbälle, tosender Lärm, so wie beim Start einer Ariane-Rakete oder wie beim Spaceshuttle – das sei gar nicht geplant in Nordholz. Stattdessen gehe es um Micro-Launcher, Raketen im Kleinstformat. Die könnte man an ein Flugzeug hängen, das ganz normal abhebt. Mit ihm könnten die ­Mini-Raketen in die Höhe fliegen und von dort aus starten. Am Boden würde man davon kaum etwas mitbekommen.

Wann es in Nordholz soweit sein könnte, dazu kann und will Lötsch nichts sagen. „Am Ende sind wir auch nur Dienstleister“, die Entscheidungen müssten woanders getroffen werden. Bei Wirtschaftsminister Altmaier, der versprach, einen deutschen Weltraumbahnhof zu prüfen; bei den Raumfahrtfirmen, die die Raketenträger bauen müssten; bei möglichen Kunden. „Aber natürlich führen wir auch Gespräche.“ Raumfahrt sei eine Option. Aber eine von vielen.

Der Flieger aus Helgoland ist immer noch nicht da. „Schlechtes Wetter, oder?“, fragt Lötsch eine der Airline-Mitarbeiterinnen, als er durch den kleinen Ankunftsbereich des Flughafens geht. Nein, sagt die, die Maschine komme erst am Nachmittag, ganz planmäßig, wie immer. Lötsch hat sich einfach vertan. Er war seiner Zeit voraus.

Info

Zur Sache

Auf dem Weg ins All

Von einem Weltraumbahnhof können Raketen starten, die etwa Satelliten, Raumsonden oder Raumschiffe ins All bringen. Der bislang einzige europäische Weltraumbahnhof ist in Kourou in Französisch-Guayana, einem französischen Überseegebiet in Südamerika. Dennoch gibt es Raketen, die vom europäischen Kontinent aus abheben – hier spricht man allerdings von sogenannten Raketenstartplätzen. Die gibt es unter anderem in Schweden, Frankreich oder Spanien. Diese Flüge sind in der Regel suborbital, das heißt, sie gehen in einen Bereich, in dem die Raketen noch von der Schwerkraft der Erde beeinflusst werden. Ab einer Höhe von 100 Kilometern spricht man davon, dass der Weltraum erreicht ist.

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