Sinkende Erlöse bremsen Öl- und Gasproduktion in Niedersachsen / Kurzarbeit und Entlassungen Förderpläne auf Eis gelegt

Seit dem Sommer hat sich der Ölpreis mehr als halbiert. In der Folge sind auch die Erlöse der Ölförderer in Niedersachsen gesunken. Hinzu kommt, dass immer weniger Genehmigungen für die heimische Erdgasförderung erteilt werden. Und auch hier sinken die Preise. Der Energiekonzern RWE Dea, einer der größten Erdgas- und Erdölproduzenten in Deutschland, zieht jetzt erste Konsequenzen. Zum Nachteil auch der Servicefirmen. Die reagieren mit Entlassungen und Kurzarbeit.
30.01.2015, 00:00
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Förderpläne auf Eis gelegt
Von Petra Sigge

Seit dem Sommer hat sich der Ölpreis mehr als halbiert. In der Folge sind auch die Erlöse der Ölförderer in Niedersachsen gesunken. Hinzu kommt, dass immer weniger Genehmigungen für die heimische Erdgasförderung erteilt werden. Und auch hier sinken die Preise. Der Energiekonzern RWE Dea, einer der größten Erdgas- und Erdölproduzenten in Deutschland, zieht jetzt erste Konsequenzen. Zum Nachteil auch der Servicefirmen. Die reagieren mit Entlassungen und Kurzarbeit.

Die Ausmaße von T-160 sind imposant. Die Bohranlage gehört zu den leistungsstärksten Europas, erklärt ihr Eigentümer RWE Dea. Bohrungen bis zu sechs Kilometern Länge in die Tiefe oder horizontal – für T-160 kein Problem. Demnächst sollte der 62 Meter hohe Förderturm auf dem Erdgasfeld Völkersen in Grasdorf (Gemeinde Posthausen) aufgebaut werden. Doch daraus wird vorerst nichts, sagt Unternehmenssprecher Derek Mösche auf Nachfrage. „Wir haben die Vorbereitungen abgebrochen und den Bohrturm kurzfristig stillgelegt.“

Es wird womöglich nicht das einzige Vorhaben bleiben, das auf Eis gelegt wird: „Auch andere Projekte werden auf mögliche Einsparungen geprüft“, fügt Mösche hinzu. Grund seien die gesunkenen Öl- und Gaspreise. Nicht gesunken seien dagegen die Kosten für Ausrüstung, Material und Serviceleistungen. Vor diesem Hintergrund werde die Entwicklung und Erschließung neuer Förderstätten immer unwirtschaftlicher. Die stählernen Gerüstteile für die Bohranlage T-160 wurden laut dem RWE-Sprecher zwar nach Grasdorf transportiert, aber der Aufbau und die Inbetriebnahme sollen „gegebenenfalls zu einem späteren Zeitpunkt erfolgen“. Mit anderen Worten: vielleicht auch gar nicht.

Jährlich werden in Deutschland annähernd zehn Milliarden Kubikmeter Erdgas aus der Tiefe geholt, fast ausschließlich in Niedersachsen. Mehr als die Hälfte davon stammt aus der Förderregion Weser-Ems. Auch beim Erdöl spielt Niedersachsen die dominierende Rolle. Von den 2,5 Millionen Tonnen, die jährlich deutschlandweit gefördert werden, kommt ein Drittel aus dieser Gegend – das meiste aus dem Emsland, sagt Hartmut Pick vom Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung (WEG) in Hannover. Das Fördergeschäft teilen sich die Unternehmen Wintershall, GDF Suez, Exxon Mobil mit RWE Dea.

RWE Dea besitzt auch die Förderrechte für Deutschlands größtes Ölfeld, die Mittelplate im Wattenmeer vor der schleswig-holsteinischen Westküste. Mehr als 27 Millionen Tonnen des schwarzen Goldes hat RWE Dea von einer Plattform in der Nordsee aus seit deren Bau 1987 gefördert. „Die Erlössituation hat sich deutlich verschlechtert“, heißt es nun von Unternehmensseite.

Die ersten Fördergebiete in der Nordsee waren in den 70er-Jahren nach dem ersten Ölpreis-Schock als Alternative zum OPEC-Öl erschlossen worden. Zu den besten Zeiten, Ende der 90er-Jahre, wurden insgesamt mehr als 250 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr in der Nordsee gefördert. Dann allerdings war der Zenit überschritten und die Produktion ging allmählich zurück. Mittlerweile ist die Förderung nicht einmal mehr halb so hoch wie vor 20 Jahren. Inzwischen reicht der aktuelle Ölpreis kaum noch aus, um die Kosten zu decken.

Auch die Ölförderung an Land ist nach den Worten von Verbandssprecher Pick deutschlandweit rückläufig. Für die Onshore-Förderung brauche man zwar keine teuren Plattformen, dafür aber eine immer aufwendigere Technik, um an das Öl heranzukommen. „Das Öl klebt in den Gesteinsporen der Lagerstätte fest. Um es herauszulösen, gibt es verschiedene Verfahren.“ In der Regel werde Wasser in die Lagerstätte hineingepresst und beim Absaugen das Öl abgeschöpft. Inzwischen versuche man auch, das Öl mit Dampf aus dem Gestein zu lösen. Andere experimentieren mit Pilzen, die das Öl verflüssigen sollen.

Die sinkenden Öl- und Gaspreise sind für die Förderunternehmen nicht das einzige Problem, sagt WEG-Sprecher Pick. Hinzu komme, dass die Behörden angesichts der Diskussion um das umstrittene Fracking-Verfahren zur Förderung von Schiefergas bei den Genehmigungen von Projekten in der Erdgasförderung zunehmend auf die Bremse treten. Das treffe nicht nur die großen Unternehmen selbst, sondern auch die Serviceunternehmen, die im Auftrag der Produzenten arbeiten. Sie kümmern sich um die Software, stellen die Messteams und oftmals auch die komplette Bohrmannschaft samt technischer Ausrüstung und Anlagen. Allein in Niedersachsen leben insgesamt mehr als 20 000 Mitarbeiter mit ihren Familien von der Erdöl- und Erdgasproduktion, sagt Pick. Wegen des „wirtschaftlich schwierigen Umfeldes“ hätten bereits einige Servicefirmen Entlassungen angekündigt oder Kurzarbeit angemeldet, so der Verbandssprecher.

So auch die auf Messtechnik und geologische Untersuchungen spezialisierte Firma Geo Data in Garbsen bei Hannover. Bei ihrer Gesellschaft für Logging Services mbH mit insgesamt 76 Beschäftigten werde es einen „einschneidenden Personalabbau“ geben, bestätigte jetzt die Geschäftsleitung. Die betroffenen Mitarbeiter würden „in den nächsten Tagen“ ihre Kündigung erhalten. Die genaue Zahl der wegfallenden Stellen wollte das Unternehmen noch nicht nennen.

Mit Kurzarbeit haben dagegen Bohrfirmen wie die ITAG-Gruppe in Celle auf die schlechte Auftragslage reagiert. Deren Bohrmannschaften sind schon seit Monaten nicht mehr ausgelastet. Das Unternehmen hat daraufhin im vergangenen August die Reißleine gezogen und für den gesamten Tiefbohrbetrieb mit seinen 250 Beschäftigten Kurzarbeit angemeldet. Je nach Auftragslage seien in der Spitze bis zur Hälfte der Mitarbeiter gleichzeitig in Kurzarbeit, sagt ITAG-Personalleiter Detlev Doering. „Wir versuchen das gerecht zu verteilen.“

Um über die Runden zu kommen, bemüht sich das Unternehmen nun verstärkt um Aufträge aus dem Ausland – und hofft auf die Bundesregierung. Ohne eine zügige bundesweite Legalisierung der viel diskutierten Fracking-Methode, so lässt Doering durchblicken, sehe es bitter aus für die Branche.

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