Kommentar zur Wirtschaft in der Krise

Das Gespenst der Corona-Inflation

Die Preise werden in den kommenden Monaten wohl kaum noch steigen, sogar zur Deflation könnte es kommen. Doch langfristig drohen ganz andere Gefahren, meint Philipp Jaklin.
13.07.2020, 05:00
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Das Gespenst der Corona-Inflation
Von Philipp Jaklin
Das Gespenst der Corona-Inflation

Bares als Kiloware im Jahr 1923: Die Angst vor Geldentwertung ist ein nationales Trauma.

dpa

Dass das Geld nichts mehr wert sein könnte, gehört zu den wirtschaftlichen Urängsten der Deutschen. Die traumatische Erfahrung von Hyperinflation, Massenarbeitslosigkeit und politischer Radikalisierung zwischen den Weltkriegen hat sich tief ins nationale Gedächtnis gebrannt. Jahrzehntelang prägte das den Kurs der Bundesbank. Die Europäische Zentralbank muss sich daher an einem Inflationsziel orientieren.

Die Corona-Krise hat alte Befürchtungen wieder aufleben lassen. Schließlich haben Zentralbanken nie zuvor so schnell derart viel Geld geschaffen. Gigantische Summen haben sie in die Hand genommen, um Anleihen aufzukaufen, von Firmen und von Staaten – was eine Form des „Gelddruckens“ ist. So verdoppelte die EZB im Kampf gegen die Rezession ihr Notprogramm zum Anleihekauf: von 750 Milliarden auf 1,35 Billionen Euro. Viele Regierungen überweisen ihren Bürgern direkt Geld aufs Konto, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen.

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Umso mehr Geld ist im Umlauf. Inflation droht, wenn eine Geldschwemme auf zu wenige Güter und Dienstleistungen trifft. Tatsächlich bedeutete die Pandemie zumindest teilweise eine Verknappung des Warenangebots; schließlich konnten Betriebe nicht mehr produzieren, Lieferanten fielen aus, Geschäfte waren wochenlang geschlossen.

Trotzdem kann von Inflation gerade keine Rede sein. Um ein knappes Prozent sind die Preise in Deutschland vergangenen Monat gestiegen. In den kommenden Monaten, so glauben viele Experten, wird sich die Rate Richtung Null bewegen. Auch wenn viele Einzelhändler die abgesenkte Mehrwertsteuer nicht an ihre Kunden weitergeben können oder wollen – die Preise sind unter Druck.

Ausgaben zurückgefahren

Denn auch die Nachfrage ist eingebrochen. Überall in den Industriestaaten haben private Haushalte ebenso wie Unternehmen ihre Ausgaben zurückgefahren. Das schmälert den Spielraum für Preiserhöhungen enorm. Ob aus Angst vor einer Ansteckung beim Shoppen, wegen knapperen Einkommen, der Angst vor Jobverlust oder tatsächlich Arbeitslosigkeit – die Kauflaune der Deutschen kehrt nur langsam zurück. Vom Vorkrisenniveau ist der Einzelhandel immer noch ziemlich weit entfernt.

Ob die Senkung der Mehrwertsteuer daran etwas ändert, werden die kommenden Monate zeigen. In jedem Fall bremst es die Inflation, wenn Händler um jeden einzelnen Kunden kämpfen müssen. Und so halten Ökonomen kurzfristig die Gefahr der Deflation derzeit für größer: also einer Preisspirale nach unten. Doch was aus Verbrauchersicht zunächst sympathisch klingt – es wird billiger –, kann verheerende Wirkung entfalten.

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Das zeigt das Beispiel Japan. Nachdem 1989 dort eine Immobilienblase platzte, kämpfte das Land jahrzehntelang mit Deflation und Rezession. Manche Firmen konnten erst nach einem Vierteljahrhundert die Preise wieder erhöhen. Das Fatale daran sind die Erwartungen: Liegen Preissenkungen in der Luft, zögern Verbraucher Anschaffungen hinaus, Firmen warten mit Investitionen – die ganze Wirtschaft gerät in Schockstarre.

Das Risiko einer solch gefährlichen Spirale auch in Deutschland gilt als überschaubar – auch wenn die Wirtschaft an der Deflation vorbeischrammen dürfte. Die Absenkung der Mehrwertsteuer kann sie nicht auslösen, schließlich ist sie befristet und somit eher ein Anreiz, jetzt die Geldbörse zu zücken. Die Energiepreise sind zuletzt wieder spürbar gestiegen.

Produktion vor Ort

Langfristig dürfte eher die Inflationsgefahr wieder in den Blick geraten. Auch wenn die Wirtschaft anzieht, werden die Notenbanken unter Druck stehen, die Zinsen niedrig zu lassen, weil die öffentlichen Schulden so stark angewachsen sind. Wenn dann globale Lieferketten unterbrochen bleiben und zunehmend vor Ort produziert wird statt etwa in Asien, wären höhere Kosten die Folge.

Das Schreckensszenario hieße dann Stagflation: die toxische Mischung aus Inflation, stagnierender Produktion und hoher Arbeitslosigkeit – das Rezept für die Dauerkrise. Wirtschaftspolitiker werden sehr wachsam bleiben müssen, um das zu verhindern. Noch so manche Konjunkturpakete könnten nötig werden.

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