My Enso Genossen unter sich

Der Online-Supermarkt My Enso hat große Ambitionen: Die Gründer möchten die Branche mit einem alten Geschäftsmodell revolutionieren, bei dem der Kunde wirklich König ist.
17.02.2018, 06:32
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Genossen unter sich
Von Helge Hommers

Überall kleben bunte Post-its, die Wände sind mit Konzeptideen tapeziert und die Schreibtische haben die Länge eines Autos: Wer in den Büros von My Enso in der Überseestadt umherschlendert, merkt schnell, dass hier etwas Großes geplant wird. Die Gründer des Online-Supermarkts, Thorsten Bausch und Norbert Hegmann, wollen nicht nur einen neuen Anbieter auf dem Markt etablieren, sondern „den besten Supermarkt der Welt“ schaffen, wie Hegmann sagt.

Gegründet haben er und Bausch My Enso im Dezember 2016. Den beiden Bremern schwebt ein Online-Marktplatz für Lebensmittel vor, an dem erstmals Kunden und Hersteller gemeinsam wirken. My Enso stellt dabei die Plattform, die zwischen den Partnern vermittelt. Das Unternehmen sorgt für die Logistik.

Die Pakete sollen mit Zustelldiensten oder firmeneigenen Lastwagen direkt an der Haustür abgeliefert werden; Kunden können ihre Ware aber auch in Pop-up-Stores abholen oder bei einem Anwohner in der näheren Umgebung abholen, der die Bestellungen für My-Enso-Kunden annimmt und aufbewahrt.

Lesen Sie auch

Um den Markt zu verstehen, suchen die Gründer nach Pionieren, die sich auf ihrer Website anmelden, ihre Bedürfnisse und Wünsche mitteilen und sich an Ideen beteiligen. 1200 Nutzer aus ganz Deutschland gehören inzwischen dazu, ein Viertel kommt aus Bremen. Etwa 100 von ihnen nahm vor Kurzem am ersten Pioniertreffen teil, bei dem sie einen Einblick hinter die Kulissen des Unternehmens bekamen.

Die Pioniere sind es, die bei My Enso „die Macht in den Händen halten“, sagt Hegmann. „Ein Geschäft, das auf den Wünschen des Kunden basiert, muss automatisch zum Erfolg führen. Mit dabei ist die Fernsehredakteurin Christine Weiland aus Hamburg. Sie ist Pionierin der ersten Stunde, obwohl sie Onlinebestellungen eigentlich boykottiert. Das Konzept von My Enso hat sie jedoch überzeugt.

Die 54-Jährige findet es toll, dass sie als Konsumentin mit entscheiden kann, in welche Richtung das Unternehmen steuert. In die Gründer hat sie großes Vertrauen, auch weil sie sieht, wie die Ideen und Vorschläge der Pioniere umgesetzt werden. Bis zum Ende des Jahres sollen es 100.000 Pioniere sein, die zur My-Enso-Familie gehören. „Wir gehen davon aus, dass wir eine Bewegung werden“, sagt Hegmann.

Modernstes Logistikzentrum Deutschlands soll entstehen

Nach dem Empfang im Büro geht es mit Shuttlebussen zum fünf Autominuten entfernten Lager im Speicherhof. Wo sich früher auf 100.000 Quadratmetern Kakao- und Tabacksäcke stapelten, befindet sich heute My Ensos Logistikzentrum. Wenn die ersten Bestellungen ausgeliefert werden, sollen hier rund 25.000 Artikel lagern. „Unser Ziel ist es, an dieser Stelle das modernste Logistikzentrum Deutschlands entstehen zu lassen“, sagt Bausch.

Zusammengestellt werden die Pakete dann von Robotern, von denen schon einer – „Robi I“ genannt – in einem abgezäunten Bereich seine Bahnen zieht. „Wir wachsen jeden Tag ein bisschen mehr“, sagt Bausch. Robi I ähnelt einem übergroßen Rasenmähroboter und fährt unter ein Regal, das er anhebt und wenige Meter entfernt absetzt.

Bei der Produktpalette, die My Enso plant – irgendwann soll das Angebot aus 100.000 Artikeln bestehen –, sind die Helfer unverzichtbar. Die Roboter, die selbstständig Fahrstühle bedienen können, bringen die Produkte zu den Kommissionierern, die so bis zu 40 Bestellungen gleichzeitig bearbeiten können.

Lesen Sie auch

Eine Etage höher gibt es Cheesepops, Kokusnusslimonade und Biowürstchen für die Pioniere. Hier befindet sich auch das Studio, in dem My Enso für seinen Youtube-Kanal Folgen der Serie „Foodpioniere“ produziert. Die Idee lieferte ein Pionier, der vorschlug, dass in den 15-minütigen Clips Hersteller ihre Ware bewerben könnten. Einer von ihnen ist Mark Diekmann, Geschäftsführer der Biofirma Schulzbrot aus Schleswig-Holstein.

Er stellte eine Biobackmischung vor, die je nach Wohlwollen der My-Enso-Pioniere bald im Sortiment stehen könnte. Die Firma Schulzbrot möchte sich im Onlinehandel versuchen und laut Dieckmann sei My Enso hierfür ein „toller Partner mit einem tollen Ansatz“. Listungsgespräche, die die Hersteller mit Supermärkten führen müssen, gibt es bei My Enso also nicht im klassischen Sinn; es ist der Kunde, den die Hersteller überzeugen müssen.

"Ein historischer Moment"

Um zu gewährleisten, dass My Enso in den Händen der Kunden und der Pioniere bleibt und nicht in die großer Gesellschafter übergeht, haben die Gründer für das Unternehmen das Prinzip der Genossenschaft aufgegriffen. Für ihr Vorhaben haben sie das traditionelle Geschäftsmodell modernisiert; die benötigten Dokumente für die offizielle Eintragung sind bereits eingereicht worden.

Die ersten Unterzeichner und somit Gründungsmitglieder sind 17 My-Enso-Mitarbeiter, die während des ersten Pioniertreffens nacheinander an einen Tisch treten und ihre Unterschrift unter den Genossenschaftsvertrag setzen. „Ein historischer Moment“, wie Hegmann sagt.

Sobald die Formalitäten erledigt sind, können sich weitere Teilhaber anschließen. Voraussetzung ist eine Einzahlung von mindestens 100 Euro, wofür es einen sogenannten Genussschein gibt. Rund 350 Personen haben sich hierfür schon angemeldet. Ein Teilhaber hat sich sogar die maximale Anzahl von 100 Genussscheinen reserviert, wird somit 10.000 Euro investieren.

Bisher werden vorwiegend Pflegeeinrichtungen beliefert

Die Summe, die aus den Reservierungen insgesamt resultiert, liegt bei mehr als 50.000 Euro. Wer Teilhaber von My Enso ist, wird am Jahresende bei der Ausschüttung der Gewinne beteiligt. Zudem erhält er ein Vorkaufsrecht bei limitierten Produkten, wird bei Rabattaktionen bevorzugt und hat auch bei den Versandkosten sowie dem Mindestbestellwert Vorteile.

Bisher beliefert My Enso vorwiegend Pflegeeinrichtungen. Im April soll das Unternehmen dann offiziell an den Start gehen. Erst in Bremen, einen Monat später in Hamburg und Hannover. Zu den Kunden wird dann auch die Gemeinde Blender im Landkreis Verden gehören. Fast 3000 Menschen leben in der Ortschaft, in der gerade der letzte Supermarkt geschlossen hat.

Ein neuer ist nicht geplant, was vor allem die älteren Einwohner vor Probleme stellt. Diese Leerstelle wird My Enso füllen und über einen Bäcker im Ort Bestellungen aufnehmen. Diese werden dann einmal wöchentlich per Laster nach Blender gebracht, wo sie in Empfang genommen und an die entsprechenden Haushalte verteilt werden.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+