Bremen Gewerkschaften können bei Jüngeren punkten

Berlin. Noch vor wenigen Jahren galten Gewerkschaften als Auslaufmodell. Ihre Mitgliedschaft alterte und schrumpfte.
08.11.2016, 00:00
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Gewerkschaften können bei Jüngeren punkten
Von Stefan Sauer

Berlin. Noch vor wenigen Jahren galten Gewerkschaften als Auslaufmodell. Ihre Mitgliedschaft alterte und schrumpfte. Viele junge Leute begriffen die Arbeitnehmerorganisationen nicht mehr als ihre Interessenvertretung, sondern als rückwärtsgewandte Bedenkenträger. Mittlerweile hat sich dieses Bild gewandelt.

In einer aktuellen Umfrage, die Verdi beim Meinungsforschungsinstitut TND Infratest in Auftrag gegeben hat, maßen fast zwei Drittel der 16 bis 27 Jahre alten Beschäftigten den Gewerkschaften als „unverzichtbarer Bestandteil unserer Wirtschafts-und Gesellschaftsordnung“ zentrale Bedeutung bei. Nur ein Fünftel der 534 Befragten bezeichnete Gewerkschaften als überholt und überflüssig. Auch der nachlassende Organisationsgrad, der Verdi zwischen 2006 und 2011 noch gut 200 000 Mitglieder gekostet hatte, ist mittlerweile zum Stillstand gekommen. Die IG Metall verzeichnet seit 2010 sogar leichte Zuwächse.

Wie die jüngste Infratest-Erhebung zeigt, hat die Renaissance der Gewerkschaften handfeste Gründe: „Beschäftigten in tarifgebundenen Unternehmen mit Personal- und Betriebsräten geht es hinsichtlich der Bezahlung, Arbeitsbedingungen und Qualität der Ausbildung einfach besser“, sagt der Verdi-Vorsitzende Frank Bsirske. Demzufolge seien Auszubildende und junge Beschäftigte in Unternehmen mit starken Gewerkschaften deutlich zufriedener als ihre Altersgenossen in Firmen ohne: Während 87 Prozent der 16- bis 27-Jährigen in Unternehmen mit Personal- oder Betriebsrat ihre Ausbildung als gut oder sehr gut bezeichnen, sind es bei Arbeitgebern ohne Arbeitnehmervertretung lediglich 72 Prozent.

Ähnliche Werte ergeben sich bezüglich der Tarifbindung: In Unternehmen mit Tarifvertrag liegt die Zufriedenheit bei 85 Prozent gegenüber 76 Prozent in ungebundenen Betrieben. Eine identische Verteilung ergibt die Frage nach der Qualität der betrieblichen Ausbildung als Vorbereitung auf den künftigen Beruf. Sind Betriebsrat und Tarifvertrag vorhanden, nähert sich der Zufriedenheitsanteil der 90-Prozent-Marke, in den übrigen Unternehmen erreicht er nur knapp 75 Prozent.

Auch Übernahmegarantien nach Ausbildungsende werden von Unternehmen „mit“ deutlich häufiger gegeben werden als von Arbeitgebern „ohne“: Hier liegt das Verhältnis bei etwa 63 zu 47 Prozent. Mit entscheidend für die Beurteilung der Ausbildung ist zudem die Qualität der täglich zu verrichtenden Tätigkeiten: In Firmen ohne Tarifvertrag und Betriebsrat haben knapp zwei Drittel der Azubis den Eindruck, als billige Arbeitskraft herhalten zu müssen. In den übrigen Unternehmen sind es nur gut 45 Prozent. Als Beispiel nennt Bsirske das Friseurhandwerk: Dort sei der gewerkschaftliche Organisationsgrad der Beschäftigten extrem gering, die Lehrlings-Vergütungen lägen mit durchschnittlich 269 Euro im Osten und 494 Euro im Westen pro Monat weit unter dem bundesweiten Mittelwert der Azubi-Vergütungen von 826 Euro. Zudem würden Friseur-Azubis in aller Regel schon recht bald nach Ausbildungsbeginn wie ausgelernte Arbeitskräfte eingesetzt.

Mit einer Aktionswoche „Gute Ausbildung – gute Arbeit“ will Verdi noch bis zum Freitag in bundesweit 800 Betrieben und Berufsschulen um neue Mitglieder werben. Allein im Friseurhandwerk sollen 3000 der derzeit 23 000 Auszubildenden für die Gewerkschaft gewonnen werden.

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