Bremen „Großbritannien wird ohne EU im Wettbewerb nicht bestehen“

Herr Fratzscher, was bedeutet ein harter ­Brexit für die EU und für Großbritannien selbst?Marcel Fratzscher: Lassen Sie uns mit Großbritannien beginnen. Premierministerin Theresa May hat große Versprechen abgegeben, die sie nicht wird halten können.
19.01.2017, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Volkmar Friedrichs

Herr Fratzscher, was bedeutet ein harter ­Brexit für die EU und für Großbritannien selbst?

Marcel Fratzscher: Lassen Sie uns mit Großbritannien beginnen. Premierministerin Theresa May hat große Versprechen abgegeben, die sie nicht wird halten können. Großbritannien soll wieder eine große, globale Handelsnation werden, hat sie ihrem Volk zugesichert. Doch das klingt nach dem 18. Jahrhundert. Die Zeiten sind vorbei. May hat Enttäuschung vorprogrammiert.

Großbritannien will zwar nicht mehr am europäischen Binnenmarkt teilnehmen, strebt aber zumindest ein Freihandelsabkommen mit der EU an. Hilft das, die Versprechen zu halten?

Nein. Großbritannien ist viel zu klein und unwichtig, um eine globale Handelsnation sein zu können. Es geht ja heute nicht nur darum, wer die besten Güter produziert. Es geht hier doch immer mehr um politische Fragen. Die Europäische Union als größte Volkswirtschaft der Welt hat den großen Vorteil, eine gemeinsame und damit schlagkräftige Handelspolitik zu betreiben. Wenn beispielsweise China versucht, die Rechte eines deutschen Unternehmens zu verletzen, dann steht nicht nur Deutschland für dieses Unternehmen gerade, sondern die gesamte EU. Selbst Deutschland wäre allein zu klein, sich im weltweiten Handel behaupten zu können. Großbritannien als kleinere Volkswirtschaft wird ohne die EU im Rücken im globalen Wettbewerb nicht bestehen können, zumal die britische Wirtschaft abgesehen vom Londoner Finanzzentrum sich in den vergangenen Jahren nun wirklich nicht übermäßig wettbewerbsfähig gezeigt hat. Aber auch der Finanzsektor wird große Schwierigkeiten haben, seine Stellung zu verteidigen.

Welche Folgen hat der harte Brexit für die EU und insbesondere für Deutschland?

Er wird keinen dramatischen Schaden anrichten, aber er hat natürlich einen wirtschaftlichen Preis. Acht Prozent unserer Exporte gehen nach Großbritannien, im Automobilsektor sind es sogar zwölf. Das sind unterm Strich vier Prozent unserer Wirtschaftsleistung. Das ist schon eine Hausnummer. Die deutschen Exporteure sind gut aufgestellt und hinreichend global diversifiziert, aber natürlich wird da einiges an Geschäft wegbrechen. Dadurch sind aber nicht massenhaft Arbeitsplätze in Gefahr. In unserem Alltag werden wir das wohl kaum merken.

Großbritannien droht mit einem Steuerwettbewerb. Könnte das Europa schaden?

Das ist eine klare Kampfansage. Umso ­wichtiger ist, dass die EU und idealerweise die G20 sich auf ein Vorgehen einigen, um so ein Verhalten zumindest zu erschweren. Es wäre vor allem ein Fehler, in die Falle zu tappen und einen Unterbietungswettbe­werb mitzumachen. Bei einem Steuerwettbewerb nach unten kann es nur Verlierer geben. Aber erst einmal ist es ja nur eine Drohung für den Fall, dass Europa die Briten abstraft. Dazu darf es natürlich nicht kommen. Aber wir werden sie auch nicht bevorzugen ­müssen. Europa hat eine starke Ver­handlungsposition. Das sollten wir ausspielen.

Das Gespräch führte Timot Szent-Ivanyi.

Zur Person

Marcel Fratzscher leitet seit 1. Februar 2013 das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Der 45-Jährige ist Professor für Makroökonomie an der ­Berliner Humboldt-Uni­­ver­sität­
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