Frankfurt/Main Günstig heizen und tanken

Frankfurt/Main. Der Preisauftrieb in Deutschland hat im Oktober etwas angezogen – allerdings auf sehr niedrigem Niveau. Obwohl die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen im Euroraum quasi abgeschafft hat und unfassbar viel Geld in die Märkte pumpt, bleibt die Inflation im Keller.
13.11.2015, 00:00
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Von Harald Schmidt

Der Preisauftrieb in Deutschland hat im Oktober etwas angezogen – allerdings auf sehr niedrigem Niveau. Obwohl die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen im Euroraum quasi abgeschafft hat und unfassbar viel Geld in die Märkte pumpt, bleibt die Inflation im Keller. Und das seit Jahren. Im Oktober stiegen die Preise auf Jahressicht nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes um 0,3 Prozent, nachdem sie im September stagniert hatten. Zwar waren Haushaltsenergie und Kraftstoffe noch immer wesentlich günstiger als ein Jahr zuvor, der Preisrückgang schwächte sich aber etwas ab. Und: Für Nahrungsmittel mussten Verbraucher 1,6 Prozent mehr bezahlen als vor Jahresfrist, im Vormonat hatte dieser Wert noch niedriger bei 1,1 Prozent gelegen. Autofahrer können deshalb günstiger tanken, auch die eigenen vier Wände zu heizen, ist billiger geworden. „Der Rückgang der Rohstoffpreise führt zu erheblichen Kaufkraftgewinnen“, sagt Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise. Denn so bleibt mehr Geld für andere Dinge übrig: Das stärkt den privaten Konsum, der im Moment die wichtigste Stütze der deutschen Konjunktur ist. Und: Bei Arbeitnehmern bleibt von der Gehaltserhöhung unter dem Strich mehr übrig, auch Rentner haben real mehr vom Rentenplus zur Jahresmitte.

Zu geringe Preissteigerungen oder gar sinkende Preise können die Konjunktur allerdings auch abwürgen, weil Verbraucher und Unternehmen Anschaffungen und Investitionen aufschieben – schließlich könnte es ja bald noch billiger werden. Daher hat die EZB ihr Inflationsziel auf knapp unter zwei Prozent gesetzt. Ein solcher Wert ist aus Sicht der Währungshüter weit genug von der Nulllinie entfernt – und baut der Gefahr einer Deflation vor, also einem Preisverfall über einen längeren Zeitraum quer durch alle Warengruppen. Auch Schuldner leiden unter einer geringen Inflation, wie EZB-Vize Vítor Constâncio betont. Denn so steige die reale Last des Schuldendienstes.

Ein weiterer Nachteil: Wer sein Geld aufs Sparbuch legt, nimmt Tiefstzinsen in Kauf. Denn um den Preisauftrieb zu stärken, hat die EZB hat den Leitzins fast auf null gesenkt. Nach Berechnungen mehrerer Banken haben die deutschen Privathaushalte so seit 2010 Milliarden verloren – selbst wenn die Vorteile geringerer Kreditzinsen etwa beim Hauskauf gegengerechnet werden. Die Bundesbank hält dagegen: Die realen Renditeeinbußen seien dank der mickrigen Inflation gar nicht so groß, wie man angesichts der niedrigen Zinsen denken könnte. Und: Da die Menschen auch renditestärkere Aktien, Investmentfonds oder Lebensversicherungen hielten, falle die Bilanz insgesamt sogar positiv aus: Über alle Anlageformen der Haushalte hinweg lag die durchschnittliche Rendite laut Bundesbank zwischen 2008 und 2015 bei 1,5 Prozent.

Gegen die Mini-Inflation pumpt die EZB seit März monatlich 60 Milliarden Euro in Staatsanleihen und andere Wertpapiere, das Billionenprogramm läuft mindestens bis September 2016. Das frische Geld soll über Banken als Kredite bei Unternehmen und Verbrauchern ankommen und Konsum sowie Investitionen beflügeln. Im Idealfall treibt das Konjunktur und Inflation an. Allerdings zeigt das viele Geld eher wenig Wirkung: Im Oktober stagnierten die Verbraucherpreise im Euroraum auf Jahressicht. Und auch die Inflationserwartungen seien gesunken, obwohl sie durch das in Umlauf gebrachte Zentralbankgeld eigentlich steigen müssten, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer: „Das ist eine desaströse Bilanz.“ Ein unvoreingenommener Beobachter würde daher erwarten, dass die EZB die „kontraproduktiven Anleihekäufe“ einstellt. Stattdessen hat EZB-Präsident Mario Draghi die Märkte auf eine Aufstockung des Kaufprogramms vorbereitet.

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