Meyer-Werft

Aufträge werden zeitlich gestreckt

Statt ihre Schiffe schnell zu bekommen, wollen die Reedereien die Fertigstellung ihrer bestellten Schiffe weit nach hinten strecken. Wie sich das auf die Papenburger Meyer-Werft auswirkt.
05.02.2021, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Aufträge werden zeitlich gestreckt
Von Peter Hanuschke
Aufträge werden zeitlich gestreckt

Mit der "Odyssey of the Seas", die im November ausgedockt wurde, stehen noch neun Kreuzfahrtschiffe im Orderbuch der Meyer-Werft.

Meyer-Werft

Die Papenburger Meyer-Werft hat in der Vergangenheit mehrere Ereignisse überstanden, die den Bau von Kreuzfahrtschiffen erheblich beeinflussten und die Nachfrage weltweit deutlich sinken ließen – etwa die Zeit nach dem Terrorangriff auf das World Trade Center am 11. September 2001 oder die Auswirkungen der Finanzkrise 2008. Nun befindet sich die Werft, die seit 226 Jahren existiert und sich in den vergangenen Jahrzehnten auf den Bau von Kreuzfahrtschiffen konzentriert und 51 dieser schwimmenden Hotels abgeliefert hat, erneut in einer Situation, die längerfristig eine Anpassung der Produktion erfordert.

Die Kreuzfahrtbranche ist wegen der Corona-Pandemie zum Stillstand gekommen. Der Wunsch der Reedereien, den bislang über Jahre steigenden Kreuzfahrtboom schnell mit neuen Schiffen zu bedienen, hat sich umgekehrt: Die Reedereien wollen die Fertigstellung ihrer bestellten Schiffe weit nach hinten strecken. Die Folge: Es gibt Kurzarbeit auf der Meyer-Werft, die sich im internationalen Kreuzfahrtschiffbau in den vergangenen Jahren ganz nach vorne geschoben hatte. Und es sind Jobs in Gefahr.

Auch wenn es noch nicht zu Stornierungen gekommen ist, hat das Unternehmen das Arbeitspensum nach eigenen Angaben im Durchschnitt um etwa 40 Prozent für die nächsten Jahre runtergefahren. Aufgrund dieser Reduzierung der Arbeitsleistung würden bei linearer Betrachtung bis zu 1800 von insgesamt 4500 Arbeitsplätzen am Standort Papenburg mittelfristig auf dem Spiel stehen. Im Orderbuch der Meyer-Werft stehen mit der „Odyssey of the Seas“, die im November das Baudock verließ, noch neun Kreuzfahrtschiffe.

„Wir müssen uns mit der neuen Realität auseinandersetzen und uns neu aufstellen“, sagt Unternehmenssprecher Peter Hackmann auf Nachfrage des WESER-KURIER. „Unser Ziel ist natürlich, so viel wie möglich an Arbeitsplätzen zu erhalten. Dafür benötigen wir intelligente Lösungen, die wir zusammen mit dem Betriebsrat und der Gewerkschaft erarbeiten wollen.“ Man wolle diese langjährige erfolgreiche Sozialpartnerschaft fortsetzen. „Wir sind jederzeit gesprächsbereit.“

Ganz harmonisch verliefen die Gespräche zuletzt nicht, auch wenn man sich in der vergangenen Woche auf eine Fortsetzung der Kurzarbeit bis Ende Juni verständigt hatte. Mitte Januar hatten Betriebsrat und die Gewerkschaft die Gespräche abgebrochen, nachdem die Geschäftsführung von Stellenabbau sprach.

Sich mit Stellenabbau auseinanderzusetzen, sei nie eine Aufgabe, die irgendeiner Seite Freude bereite, sagt Hackmann. Der Geschäftsführung gehe es vor allem darum, möglichst schnell die Weichen für eine langfristige Stabilisierung der Werft zu stellen.

Wie sich die Situation für die Werft verändern werde, das habe Michael Thamm vor ein paar Wochen aufgezeigt, sagt Hackmann. Der Chef der Costa-Gruppe, die zum US-Unternehmen Carnival gehört und in Europa die beiden Reedereien Costa Crociere und Aida Cruises vereint, hatte im Interview mit der Zeitung „Die Welt“ gesagt, dass man zwar alle Neubauten abnehmen werde – etwa in diesem Jahr die „Aida Cosma“ und „Costa Toscana“ sowie 2023 einen weiteren Neubau –, aber danach werde allerdings erst einmal Schluss sein. Die Costa-Gruppe sei dann groß genug und man werde in den kommenden zwei bis drei Jahren keine neuen Schiffe bestellen. Dadurch werde es bei Werften und Zulieferern sicherlich zu dramatischen Ausfällen kommen.

Auf ein erstes Paket hatten sich Geschäftsleitung, Gewerkschaft und Betriebsrat Ende November verständigt. Es enthielt unter anderem eine Beschäftigungsgarantie bis zum 30. Juni. Das wurde möglich durch den Verzicht auf Sonderzahlungen wie etwa Weihnachtsgeld. Verständigt hatten sich die Parteien auch darauf, in den nächsten Wochen über einen Zukunftstarifvertrag zu verhandeln, der sich auf den Zeitraum 2021 bis 2025 bezieht. Im Mittelpunkt sollen dabei Lösungen stehen, wie Werkverträge in der Fertigung und Konstruktion zu Gunsten der Stammbelegschaft abgebaut werden können – das allerdings zu gleichen Kosten. Wie die Mehrkosten durch die höheren Stundensätze ausgeglichen werden können, soll Teil der Verhandlungen sein. Zudem geht es um Verbesserungen in der Organisation, etwa bei der Logistik und beim Bau.

„Bevor wir über die Stammbelegschaft reden, müssen wir uns den Bereich Werkverträge genau angucken“, sagt Nico Bloem, Betriebsratsvorsitzender der Meyer-Werft. „Und damit meine ich nicht Bereiche außerhalb unserer Kernkompetenzen wie den Theaterbau oder Isoliertätigkeiten. Es darf nicht sein, dass unsere Arbeit von anderen Firmen ausgeübt wird und bei uns Stellen abgebaut werden, obwohl genügend Arbeit vorhanden ist.“ In diesem Zusammenhang erwartet Bloem von der Geschäftsleitung für die weiteren Verhandlungen im Hinblick auf die Auslastungsplanung auch noch genauere Zahlen. „Es ist klar, dass auf beiden Seiten Kompromisse gemacht werden müssen, aber unsere Mindestforderung ist eine Arbeitsplatzsicherung bis 2025 und kein Stellenabbau in der Stammbelegschaft.“

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