Bremen Handel mit Kälte

So wie Fräulein Smilla ein Gespür für Schnee hat, so verfügt Frau Düring über enormes Wissen über Eis. Helga Düring ist Geschäftsführerin der Bremerhavener Eiswerk GmbH, seit 22 Jahren.
28.10.2016, 00:00
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Handel mit Kälte
Von Silke Hellwig

So wie Fräulein Smilla ein Gespür für Schnee hat, so verfügt Frau Düring über enormes Wissen über Eis. Helga Düring ist Geschäftsführerin der Bremerhavener Eiswerk GmbH, seit 22 Jahren. Sie klärt auf: Eis ist nicht gleich Eis, auch nicht, wenn es sich um Nutz-Eis handelt. Genau das macht sich das Bremerhavener Eiswerk zunutze. Es ist in seinem Geschäftsfeld bundesweit einzigartig. Grob gesagt: Wo Fisch auf Eis liegt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es in Bremerhaven gefroren ist.

Die Spezialität der Bremerhavener ist die Herstellung von Eis, das sich am Einsatzbereich in der Fischwirtschaft und der Beschaffenheit der Fischart orientiert. Für Edelfische und zarte Filets muss es fein und leicht sein, für ganze Fische so beschaffen, dass es sich um den Körper schmiegen kann. Das Eis aus Bremen ist zwischen drei und 14 Millimeter dick, rund 15 000 Tonnen verlassen das neue Werk pro Jahr – als Eiswürfel in zwei- und fünf-Kilo-Tüten, als Bruch- oder Scherbeneis in zehn- oder 20-Kilo-Plastikgebinden oder in großen Behältern mit einem Fassungsvermögen von 350 Kilo.

Die Zahl von Eisherstellern in der Bundesrepublik sei ohnehin überschaubar, sagt Geschäftsführerin Helga Düring. Aber Eis für den Fischtransport herstellen und bis vor die Haustür zu liefern, das macht kein zweiter so wie die Bremerhavener. Viele Kunden sitzen in Bremerhaven, der größte ist die Deutsche See GmbH. Das Eiswerk liefert jedoch auch an Firmen, die Hunderte von Kilometern weit entfernt sind. Abnehmer sei neben der Fisch- auch die Fleischindustrie, wo das Eis im Produktionsprozess verwendet werde.

Die Geschichte des Eiswerks reicht bis ins Jahr 1912 zurück. Über seine stolze Vergangenheit informiert das Eiswerk auf seiner Homepage: Friedrich Busse habe Ende des 19. Jahrhunderts ein Eishaus errichten und Eisteiche anlegen lassen. Damit versorgte er sich vor allem selbst – Busse sei seinerzeit nicht nur der größte Eisproduzent Deutschlands gewesen, sondern auch Inhaber der größten und ältesten Fischdampfer-Reederei. Als die natürliche Erzeugung von Eis in den Teichen samt der Lagerung in Eishäusern sowie der Import von Eis nicht mehr mit dem Fischfang mithalten konnte, begann in Bremerhaven die künstliche Eisproduktion. 1983 ging daraus die heutige Bremerhavener Eiswerk GmbH hervor.

Sechs Mitarbeiter hat das Eiswerk heute, sie versorgen ein rund 1300 Quadratmeter großes Unternehmen. Neben Helga Düring handelt es sich um einen Maschinisten und vier weitere Kollegen, die allesamt vielseitig tätig sind. In der großen, kühlen Halle stellen sie Lieferungen zusammen, palettieren, kennzeichnen, erfassen Lieferungen und verkaufen Eis an Privatpersonen. Den Rest erledigt moderne Herstellungstechnik. Kompressoren, Kondensatoren und Kältemittelpumpen sind im ersten Stock untergebracht, wo das Eis entsteht.

Der Zusammenhalt im kleinen Team sei groß, sagt die Chefin, umso schwerer sei es ihr gefallen, mit dem Umzug in den Neubau zwei Stellen und Jobs auf 450-Euro-Basis streichen zu müssen. Bei einem kleinen Betrieb wie dem Eiswerk sei das eine Katastrophe. „Aber es war nicht zu vermeiden“ – die Existenz des Werks war akut bedroht. „2011 bis 2013 wurde die Lage für uns dramatisch“, sagt Helga Düring. Die Energiekosten drohten den Betrieb zu ruinieren, vor allem die gestiegene EEG-Umlage (nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz), machte dem Betrieb zu schaffen. „Unsere Stromkosten stiegen um mehr als ein Drittel. Das war nicht tragbar für uns, es sei denn, wir hätten unsere Preise exorbitant erhöht.“ Damit wiederum hätte das Eiswerk seinen Kunden in der Fischwirtschaft die Existenz schwer gemacht. Gerade kleinere Betriebe könnten sich nicht selbst eine Eismaschine anschaffen, zumal auch bei der Eisherstellung strenge hygienische Vorschriften einzuhalten seien.

Helga Düring tat, was sie konnte, sie lief von Pontius zu Pilatus. Sie stellte Anträge, wandte sich an politische Akteure, schrieb den Bundeswirtschaftsminister an, die Bundeskanzlerin und den Petitionsausschuss und klagte vor dem Verwaltungsgericht – vergebens. Ohne einen effizienteren Neubau wäre das Eiswerk eine Episode in der Geschichte des Fischereihafens geblieben. Viele Betriebe hätte das vor ein enormes Problem gestellt und vielleicht sogar ihre Existenz gekostet. Die Besitzer des Eiswerks entschieden sich, einen Neuanfang zu wagen. Der Neubau des Eiswerks und sein Umzug wurden beschlossen.

Eigentümer der Eiswerk GmbH sind heute die FBG (37,5 Prozent), die Deutsche See als größter Kunde (ebenfalls 37,5 Prozent) und unmittelbarer Nachbar und die Rönner-Gruppe. Mit Eis direkt hat der Familienbetrieb nichts zu tun, aber „wir sind mit Eis aufgewachsen“, sagt Heiner Rönner, geschäftsführender Gesellschafter. Die Rönner-Gruppe hatte ihren Sitz unmittelbar neben dem einstigen Eiswerk am sogenannten Kohlenpier. Aus diesem Grund, so Heiner Rönner, halte die Familie an der Beteiligung fest, „wenn man so will, aus sentimentalen Gründen“. In Bremerhaven sei es üblich, zusammenzuhalten, auch auf diese Weise. Das Eiswerk wiederum fühlt sich dem Zoo am Meer verbunden – es lieferte in den alten zehn, in den neuen 65 Tonnen Eis. Fotos in Dürings Büro zeigen, wie sich die Eisbären wohlig im Eis wälzen.

Das neue Eiswerk, für 4,3 Millionen gebaut, mit 1,5 Millionen Euro aus dem europäischen Fischereifonds gefördert, steht am Kühlhauskai. Die Nähe zum Hafenbecken ist unerlässlich, daraus speist sich das Wasser, mit dem das Ammoniak abgekühlt wird. In direkter Nachbarschaft residiert die Deutsche See GmbH. „Diese kurzen Wege sind für uns logistisch optimal“, sagt Unternehmenssprecherin Martina Buck.

In diesem Jahr könnte die Eiswerk GmbH erstmals wieder einen kleinen Gewinn erwirtschaften, sagt Helga Düring, trotz EEG-Umlage. Das liegt offenbar auch in der Person der Geschäftsführerin begründet, die schon an sich selbst spart. Sie erledigt alle Büroarbeiten selbst. Das Eiswerk leiste sich das Nötige, keinen Schnickschnack, „ich bin da eher zurückhaltend“.

„2011 bis 2013 wurde die Lage für uns dramatisch.“ Geschäftsführerin Helga Düring
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