Chancen für Bremer Wirtschaft Handelskammer Bremen will stärkere Zusammenarbeit mit Afrika

Die Handelskammer Bremen will sich stärker für eine intensivere wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen Bremen und Afrika engagieren. Sie sieht dabei viel Potenzial auf beiden Seiten.
14.02.2018, 20:33
Lesedauer: 4 Min
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Handelskammer Bremen will stärkere Zusammenarbeit mit Afrika
Von Lisa Schröder

In Afrika bieten sich für Bremer Unternehmen noch unentdeckte Chancen. Matthias Fonger ist davon überzeugt. In den vergangenen fünf Jahren seien viele positive Entwicklungen auf dem Kontinent zu beobachten, sagt der Hauptgeschäftsführer der Handelskammer Bremen: ein starkes Wirtschaftswachstum, eine Stabilisierung in Ländern, in denen zugleich eine kaufkräftige Mittelschicht entstehe.

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Doch immer noch sei Afrika in den Köpfen der Menschen vielfach geprägt von Katastrophenmeldungen über Hunger und im Zerfall befindlicher Staaten oder von Bildern aus Filmen wie „Schnee am Kilimandscharo“. Diese Klischees seien ein Hemmnis. „Wir glauben, es ist Zeit, Afrika neu zu sehen“, sagt Fonger. China habe längst die Potenziale Afrikas erkannt und nutze sie strategisch. „Wir beginnen in Europa und Deutschland erst jetzt, Afrika unter diesem auch wirtschaftlichen Aspekt zu sehen. Es wird dringend Zeit.“ Länder mit einer gewissen Stabilität sollten als Wachstumsmarkt wahrgenommen werden und Afrika nicht in erster Linie als Ziel von Entwicklungshilfe. „Wir wollen über wirtschaftliche Zusammenarbeit die Entwicklung stärken.“ Dabei gehe es ausdrücklich um den Handel auf Augenhöhe.

Handel zwischen Bremen und Afrika: bislang auf relativ niedrigem Niveau

Die Bremer Wirtschaft habe schon gute Kontakte zu afrikanischen Ländern. Derzeit, das zeigen die Zahlen, bewegt sich das Geschäft aber noch auf einem relativ niedrigen Niveau: Der Gesamthandel zwischen Afrika und Bremen lag 2016 bei rund 760 Millionen Euro. Das liegt knapp unter Bremens Handelsvolumen mit der Türkei im selben Jahr (780 Millionen Euro) und mit Österreich (840 Millionen Euro).

Die Handelskammer Bremen will die wirtschaftlichen Beziehungen durch Veranstaltungen und gemeinsamen Austausch intensivieren. Im Plenum des Hauses ging es gerade um den „Zukunftsmarkt Afrika“. Im Juni bricht die Handelskammer Bremen zudem zu einer Delegationsreise nach Afrika auf in Kooperation mit dem Bremer Senat. Präses Harald Emigholz und Bürgermeister Carsten Sieling führen die Reise nach Südafrika und Namibia an, 35 Bremer Unternehmer sind dabei. „Das ist die größte Delegationsreise, die wir je gemacht haben“, sagt Fonger. „Das zeigt das Interesse.“ Die politische Begleitung durch Sieling und andere Senatoren öffne dabei gerade in Afrika Türen.

Eine Reihe von Unternehmen aus Bremen tätigt bereits Geschäfte in Afrika: Logistiker wie Ipsen oder der Handelspartner für technische Ausrüstung Rolandtecnic. Importiert werden dagegen Baumwolle, Kaffee, Tabak oder Tee. Vor allem Südafrika, zudem Nordafrika mit Marokko, Tunesien und Ägypten sowie Äthiopien und Guinea sind schon heute Partner für Bremen. Zwei Zusammenschlüsse hat die Handelskammer bereits seit 2012: das Nordafrika- und das Subsahara-Netzwerk.

„Afrika ist nicht Afrika“

Volkmar Herr, Geschäftsführer für den Bereich International der Handelskammer, weiß jedoch, dass es weiterhin viele Probleme in den Ländern Afrikas gibt: Korruption, politische Instabilität, Wettbewerbsverzerrungen gegenüber China, das Ausbildungsniveau und die Infrastruktur vor Ort. Eine Herausforderung sei auch die Exportfinanzierung, wenn gelieferte Waren nicht sofort von den Kunden bezahlten werden: „Es ist eine außerordentlich schwierige Sache, die Belastbarkeit des Unternehmens einschätzen zu können. Oft haben sie gleich zwei oder drei Bilanzen.“ Fonger plädiert jedoch dafür, die Probleme differenziert zu betrachten: „Afrika ist nicht Afrika.“ Sicher seien aus heutiger Sicht aber nicht in allen Ländern Geschäftsaktivitäten zu empfehlen. Die Delegationsreise soll den Unternehmen dagegen zeigen, wie ein Zugang zu afrikanischen Märkten gelingen kann und zugleich Kontakte bieten, sagt Volkmar Herr. Handelskammern seien mittlerweile zudem in mehreren Ländern Afrikas vertreten.

Fonger und Herr betonen, dass es in Europa in Zukunft neben mehr Zusammenarbeit wichtig sei, Hürden für afrikanische Länder zu reduzieren, um ihnen den Zugang auf den europäischen Markt zu erleichtern. „Das ist in unserem eigenen Interesse“, sagt Fonger. Gerade die Agrarmärkte seien von Barrieren geprägt. „Unsere hohen Standards bei Lebensmitteln sind natürlich zusätzlich eine Herausforderung für Kleinproduzenten“, sagt Volkmar Herr. „Da muss auch die Politik ansetzen, wie man die Leute fit macht für den europäischen und deutschen Markt, um eine gleichmäßige Qualität der Produkte in angemessenen Mengen anzubieten.“

Handelskammer: Nächste Veranstaltung zu Afrika am Donnerstag

Das Bremer Unternehmen BLG Logistics ist in Südafrika seit dem Jahr 2000 aktiv, heute mit fünf Standorten. Die weltweite Automobilindustrie sei im Land vertreten, sagt Unternehmenssprecher Andreas Hoetzel: „Deshalb sind wir dort. Das ist unsere Hauptkundenbranche.“ Rund 80 Prozent des Geschäfts der BLG Logistics of South Africa mit Hauptsitz in Port Elizabeth entfielen auf Dienstleistungen für Marken wie etwa Volkswagen, Daimler, BMW, Ford oder Toyota. Außerdem betreibe die Tochtergesellschaft viele Speditionstätigkeiten und konventionellen Umschlag – zum Beispiel von Früchten oder im Moment verstärkt von Schienen für das Bahnnetz in Südafrika. Insgesamt seien dringend weitere Investitionen in den Ausbau der Infrastruktur notwendig. Korruption unter der derzeitigen Regierung, Misswirtschaft und die staatlichen Monopolunternehmen bremsten Südafrika aus. „Das lähmt die wirtschaftliche Entwicklung.“

Derzeit sei die Autobranche anderswo in Afrika nicht derart stark vertreten, darum bleibt es Hoetzel zufolge zunächst beim Engagement der BLG in Südafrika: „Wir werden im afrikanischen Markt in den nächsten drei Jahren sicher nicht in ein anderes Land expandieren.“ Dennoch beobachte die BLG, was in Afrika passiert, und spreche mit Kunden über mögliche Chancen.

Um Chancen und Perspektiven des „Zukunftsmarkts Afrika“ geht es auch bei der nächsten Veranstaltung zu Afrika in der Handelskammer an diesem Donnerstag. Matthias Boddenberg, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Industrie- und Handelskammer für das südliche Afrika, spricht im Schütting mit Vertretern der Botschaften aus Südafrika und Namibia.

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