Made in Niedersachsen

Hier spielt die Musik

Durch Zufall kam Boris Hellmers-Spethmann auf die Idee, einen Verlag für Musiknoten zu gründen. Manche nennen sein Geschäftsmodell „parasitär“ – Kunden auf der ganzen Welt stört das aber nicht.
12.01.2020, 07:42
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Hier spielt die Musik
Von Stefan Lakeband
Hier spielt die Musik

Zwischen Cembalo und digitaler Kirchenorgel sucht Boris Hellmers-Spethmann den richtigen Ton: 2003 hat er den Verlag B-Note gegründet.

Christian Kosak

Boris Hellmers-Spethmann fährt langsam mit der flachen Hand über das helle Holz, klopft einmal drauf. „So etwas hatte Bach nicht“, sagt er. Er ist stolz auf seine moderne Variante des Cembalos. Das Musikinstrument hatte im 17. und 18. Jahrhundert seine Hochphase, Johann Sebastian Bach gilt als einer der wichtigsten Komponisten dafür. Hunderte Jahre später steht nun eines in Hellmers-Spethmanns Büro. Daneben: ein Harmonium, ein Digitalklavier und eine digitale Kirchenorgel. Beim 51-Jährigen – das wird auf den ersten Blick klar – dreht sich alles um Musik. Sie ist seine Leidenschaft und sein Beruf.

Hellmers-Spethmann ist Gründer und Geschäftsführer von B-Note, einem Verlag für Musiknoten. Aus einem kleinen Örtchen bei Uthlede, auf halber Strecke zwischen Bremen und Bremerhaven, verkauft und verschickt er Noten in die ganze Welt. Beethoven, Brahms, Mozart: Das Sortiment des 51-Jährigen ist groß – und besteht nur aus klassischer Musik. Nicht nur, weil Hellmers-Spethmann sie besonders mag. Es gibt auch noch einen anderen Grund. Er vertreibt nur Musik, die gemeinfrei ist.

Ähnlich wie bei Texten gibt es auch einen Urheberanspruch auf Musik. Wer sie kopieren oder verkaufen will, der muss die Nutzungsrechte beachten. Die laufen 70 Jahre nach dem Tod des Komponisten ab; jeder kann die Musik dann nutzen. „Bei klassischer Musik ist ein großer Teil gemeinfrei“, sagt Hellmers-Spethmann. „Parasitär“, so würden die großen Musikverlage sein Geschäftsmodell nennen. Ihm sei das egal: Viele Stücke, die er im Programm habe, seien woanders gar nicht mehr zu bekommen. Und schließlich müsse Musik doch gespielt werden.

Wer das Problem verstehen will, vor dem Musiker häufig stehen, der muss sich nur die Gründungsgeschichte von B-Note anschauen. Hellmers-Spethmann, selbst Musiker, war Anfang der 2000er auf der Suche nach einer seltenen Komposition von Sigfrid Karg-Elert. Er stöberte in Verlagskatalogen, forschte hier und da und wurde letztendlich in einem Internetforum fündig. Jemand aus der Schweiz bot ihm an, die Noten zu kopieren und zuzuschicken. Im Rückblick war das der entscheidende Moment: Der 51-Jährige bekam nicht nur die lang gesuchte Musik, sondern auch die Idee zu B-Note.

Denn erst durch den Kontakt mit dem Schweizer Musiker wurde ihm klar, was für ein Potenzial in gemeinfreier Musik steckt. 2003 gründete er seinen Verlag – dann geschah aber vorerst nichts. Hellmers-Spethmann bot die Noten als PDF zum Herunterladen an. Ein Fehler, wie sich wenig später herausstellte. „Auch ich würde mir nie Noten runterladen, ich brauche die auf Papier“, sagt er heute. Also stellte er um.

Das neue Konzept begann mit einem gebrauchten A3-Drucker und vanillefarbenem Papier aus einem Laden für Bürobedarf. „Anfängerkram“ sei das gewesen. Doch die Leute kauften. Hellmers-Spethmann hat zwei Vorteile auf seiner Seite. Einerseits hat er Noten, die es sonst nur selten oder gar nicht mehr gibt. Andererseits ist er günstiger. Was andere Verlage für 55 Euro anböten, koste bei ihm gerade mal die Hälfte – bei gleicher oder besserer Qualität, wie er sagt.

Rund 5000 Stücke hat B-Note im Programm. Viele hat der 51-Jährige, der in seiner Freizeit selbst in Kirchen an der Orgel spielt, eingescannt und am Rechner bearbeitet, damit die Qualität stimmt. Die Vorlagen bekommt er aus Bibliotheken, Museen, Archiven. Mittlerweile habe er ein gutes Netzwerk. „Immer zum Jahreswechsel werden Künstler gemeinfrei“, sagt Hellmers-Spethmann. Einige Monate vorher schaue er, wer dabei sei und überlege, welche Stücke sich für seinen Verlag lohnen könnten. Vor wenigen Wochen erst seien Werke von Richard Strauss und Hans Pfitzner hinzugekommen.

Über die Jahre ist Hellmers-Spethmanns Geschäft immer weiter gewachsen. Der A3-Drucker wurde mittlerweile von drei Profigeräten abgelöst. Die hätten den Wert eines Mittelklasseautos und zweier Kleinwagen. Eine Investition, die sich aber schon amortisiert habe: Je professioneller er geworden sei, umso mehr Kunden seien zu ihm gekommen. B-Note ist für ihn aber trotzdem nur ein Nebenjob, im Hauptberuf ist er Journalist. Geld verdiene er dennoch mit dem Verlag. Genaue Zahlen will Hellmers-Spethmann nicht nennen. Er habe aber gelesen, dass 90 Prozent der Musikverlage recht klein seien und weniger als 50 000 Euro im Jahr umsetzten. „Da wusste ich, dass ich zu den anderen zehn Prozent gehöre“, sagt er.

Mehr als 7000 Kunden hat Hellmers-Spethmann. Die meisten aus Deutschland, viele aus Europa. Doch auch die USA und Asien sind dabei. Durch seinen Handel lernt er auch viel über die musikalischen Vorlieben anderer Nationen. Briten würden häufig Orgelmusik britischer Komponisten kaufen, und auch in anderen Staaten seien Musiker aus dem eigenen Land beliebt. Nach Japan verschickt er häufig Klaviermusik zu vier Händen – also Orchestermusik, die für zwei Pianisten an einem Instrument bearbeitet wurde. „In Deutschland eine eher selten gewordene Hausmusik-Form aus der Biedermeierzeit, in Japan aber offenbar hochaktuell“, sagt er.

Um seine Noten in die Welt zu verschicken, setzt sich der 51-Jährige meist abends zwei bis drei Stunden vor den Rechner. Dann arbeitet er die Aufträge ab, die tagsüber eingegangen sind. Sein Geschäft funktioniere „on demand“ – jedes bestellte Heft wird extra gedruckt. Ein Lager? Gibt es nicht. Nur einen großen Vorrat an Papier. So schafft es der Unternehmer, seine Firma von zu Hause aus zu führen – und das weitestgehend alleine. Lediglich ein Minijobber unterstützt ihn bei der Recherche neuer Noten. Das sei auch einer der Gründe, warum er seine Firma nicht in Vollzeit führen möchte: Manchmal könne es sehr einsam werden.

Aber wie soll es dann weitergehen? Hellmers-Spethmann weiß es nicht und will sich auch keine Gedanken darum machen. Mit der Qualität sei er zufrieden, das Geschäft laufe gut – und dann gebe es da noch was, was den 51-Järhigen besonders glücklich mache: die Gewissheit, dass jeden Sonntagmorgen Kirchenmusiker in ganz Deutschland mit Noten spielten, der er gedruckt habe.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+