Studie: Mehr als 250 Krankenhäusern droht Insolvenz

Hunderte Kliniken vor der Pleite

Bremen. Der Krankenhaus-Rating-Report 2014 untermauert die schlechte wirtschaftliche Lage der deutschen Kliniken mit besorgniserregenden Zahlen: Jedes achte Krankenhaus steht vor der Pleite.
27.06.2014, 00:00
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Hunderte Kliniken vor der Pleite
Von Alexander Pitz
Hunderte Kliniken vor der Pleite

Im Krankenhaus Rating Report untersuchen Experten die Ausstattung der Kliniken mit Mitteln für Investitionen. Foto: Martin Schutt

dpa

Der Krankenhaus-Rating-Report 2014 untermauert die schlechte wirtschaftliche Lage der deutschen Kliniken mit besorgniserregenden Zahlen: Jedes achte Krankenhaus steht vor der Pleite.

Die wirtschaftliche Situation der deutschen Krankenhäuser hat sich dramatisch verschlechtert. Zu diesem Schluss kommt der Krankenhaus-Rating-Report 2014, der am Donnerstag in Berlin vorgestellt worden ist. „13 Prozent der Kliniken, das sind mehr als 250, könnten bis 2020 ihre Pforten schließen“, sagte Boris Augurzky, Gesundheitsexperte des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung und Mitautor der Studie. 16 Prozent der bundesweit etwa 2000 Einrichtungen wiesen 2012 eine erhöhte Insolvenzgefahr aus, 35 Prozent schrieben einen Jahresverlust. Im Vergleich zu 2010 bedeutet das bei beiden Werten eine Verdoppelung. Dabei schnitten die öffentlich-rechtlichen Kliniken deutlich schlechter ab als freigemeinnützige oder private. 28 Prozent der öffentlich-rechtlichen Häuser befanden sich in erhöhter Pleitegefahr. Der Studie zufolge war zudem fast die Hälfte aller deutschen Kliniken wegen geringer Ertragskraft „nicht ausreichend investitionsfähig, um den Substanzerhalt zu sichern“. Basis der Analyse sind rund 1000 Jahresabschlüsse aus den Jahren 2011 und 2012.

„Die im vergangenen Jahr beschlossenen Finanzhilfen des Bundes werden zwar kurzfristig zu einer Entspannung der Lage führen“, prognostizierte Sebastian Krolop von der Beratungsfirma Accenture, die den Rating-Report mit erstellt hat. 2015 drohe allerdings wieder eine Verschlechterung, weil die Kostenzuwächse größer seien als die Einnahmezuwächse. Ein Grund für den Negativtrend sei, dass die Länder zu wenig Geld für Neuerungen an Gebäuden und Geräten bereitstellten. Der Investitionsstau betrage inzwischen 15 Milliarden Euro.

Besonders negativ beurteilen die Experten die Lage in Bremen und Niedersachsen, wo die Pleitewahrscheinlichkeit am höchsten sei. Fast die Hälfte der dortigen Kliniken schloss 2012 mit einem Verlust ab. In Ostdeutschland dagegen waren es nur 19 Prozent. „Es gibt im Flächenland Niedersachsen zu viele kleine Krankenhäuser mit einer zu geringen Spezialisierung“, so das Fazit von Boris Augurzky. Wegen der hohen Fixkosten rutschten sie leicht ins Minus. Daher sei es dringend geboten, sich von solchen Modellen zu verabschieden und stattdessen größere Kliniken mit speziellen Schwerpunkten auszubauen.

Die Fusion der vier städtischen Kliniken in Bremen hält der Fachmann für den richtigen Schritt. „Das ist ein Weg, den Bremen gehen kann“, sagte er. Um die Effizienz zu steigern, müsse nun die Bildung von Schwerpunkten gegen alle Widerstände konsequent vorangetrieben werden. Nur dann könne es gelingen, das millionenschwere Defizit des Klinikverbundes in den Griff zu bekommen. Wie das funktioniere, habe der Osten der Republik vorgemacht. Dort sei in den vergangenen Jahren viel investiert worden, um die Strukturen zu verändern. Im Westen sei indes hauptsächlich Geld geflossen, um das Vorhandene zu bewahren.

Diese konservative Strategie hält Augurzky für falsch. „Wir brauchen mehr Mut zu Krankenhausschließungen“, so seine Meinung. Bundesweit könne jede siebte Klinik geschlossen werden, ohne die Versorgungssicherheit zu gefährden. Dänemark etwa habe die Hälfte seiner Kliniken geschlossen, und die Patienten seien nun zufriedener als vorher. Sebastian Krolop teilt diese Einschätzung: „Ineffizienz zu verwalten, ist nicht im Sinne der Patienten.“ Für viele Häuser sei eine koordinierte Abwicklung besser als ein langsames Ausbluten. Die Studienautoren regten einen Investitionsfonds auf Bundesebene an, der aus Mitteln der Krankenversicherungen oder mit Steuern finanziert werden sollte. Mit dessen Hilfe, so die Idee, wäre es möglich, die Umwandlung von Kliniken – etwa in Gesundheitseinrichtungen für Ältere – zu fördern. Die Autoren begrüßten, dass es entsprechende Überlegungen von Bund und Ländern für die geplante Krankenhausreform bereits gibt.

Bei der Gesundheit Nord (Geno), dem Verbund der kommunalen Kliniken Bremens, reagierte man gelassen auf die Ergebnisse des neuen Rating-Reports. „Der allgemeine Negativtrend setzt sich fort“, sagte Sprecher Daniel Goerke. Das sei zu erwarten gewesen. Der eingeschlagene Weg der Geno zeige aber erste Erfolge. So habe man im ersten Quartal 2014 nach langer Durststrecke wieder ein positives Ergebnis im operativen Geschäft erzielen können.

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