Datenflatrate-Tarife Im Zwei-Klassen-Netz

Netflix zum Nulltarif: Die Telekom bietet bereits eine Datenflatrate für bestimmte Dienste an, nun folgt Vodafone. Doch die Angebote schadeten den Verbrauchern und dem Wettbewerb, sagen Kritiker.
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Im Zwei-Klassen-Netz
Von Nico Schnurr

Irgendwann erreicht sie so ziemlich jeden. Spätestens zum Monatsende, oft aber auch schon vorher flackert der Bildschirm des Smartphones auf. Ein kurzes Blinken als Hinweis: Sie ist da. Schon wieder. Die Kurznachricht, auf die niemand wartet, die SMS, die keiner will und die man doch so regelmäßig bekommt.

Oft genügt bereits das „Lieber Kunde“ und man ahnt, wie es wohl weitergeht. Es bleibt ja alles gleich an dieser immer wieder aufs Neue niederschmetternden Nachricht. Gleicher Absender, gleiche Anrede und dann immer die gleichen beiden Sätze: „Ihr Datenvolumen ist aufgebraucht. Sie surfen nun mit verminderter Geschwindigkeit.“

Schicksal: gedrosselt. So lautet die etwas technisch klingende Umschreibung dieses Zustands, in dem alles jenseits vom Versenden einer Mail zur Quälerei wird. Klassisches First-World-Problem meinen manche. Doch der Eindruck täuscht. Im Rest der westlichen Welt ist ein Drossel-Dilemma wie das der Deutschen längst Geschichte.

Wer etwa in Estland 30 Euro im Monat zahlt, bekommt im Schnitt zehnmal so viel Datenvolumen wie in Deutschland für den gleichen Preis. In Litauen, Finnland oder Dänemark ist das Datenvolumen für monatlich 30 Euro oder weniger sogar unbegrenzt. Anders in Deutschland, wo schnelles Handy-Internet noch immer ein Luxusgut ist. Um unterwegs in der Bahn eine Serie zu schauen, braucht es hier schon einen teuren Tarif – oder Wlan in der Nähe. Doch das könnte sich bald ändern. Zumindest versprechen das die Mobilfunkanbieter.

Vodafone viertelt das Netz

Ein neues Angebot von Vodafone will nun schlussmachen mit der immer gleichen SMS zum Monatsende. Das Datenvolumen generell anheben will der Netzbetreiber dafür aber nicht. Man hat sich etwas anderes einfallen lassen, den „Vodafone Pass“, Ende Oktober soll er erscheinen. Grob gesagt, teilt der Konzern das Internet dafür in vier Sparten: Musik, Video, Chat und soziale Netzwerke.

Für jede der vier Kategorien bietet der Netzbetreiber einen sogenannten Pass an. Kunden mit laufendem Vertrag erhalten einen der Pässe kostenfrei. Jeder weitere kostet zusätzlich zum normalen Mobilfunkvertrag fünf bis zehn Euro im Monat. Mit dem Pass können Kunden dann Apps und Dienste des jeweiligen Segments unbegrenzt nutzen, unabhängig vom Datenvolumen. Wer also unterwegs in der Bahn Serien sehen möchte, ohne dass gleich der Bildschirm aufleuchtet und die unliebsame SMS ankündigt, kann bei Vodafone bald den Video-Pass buchen. Auf die Marktführer muss man nicht verzichten, Netflix und Amazon Prime Video etwa machen mit.

Schon vor einigen Monaten kam mit „StreamOn“ ein ähnliches Angebot der Telekom auf den deutschen Markt. Monatlich 47 Euro zahlen Kunden dort, um aufgerufene Videos nicht mehr aufs mobile Datenvolumen angerechnet zu bekommen. Inzwischen haben weit mehr als 200 000 Menschen „StreamOn“ gebucht. Im Konzern spricht man von einem Erfolgsmodell. Von einem Beispiel für Innovation, von dem alle profitierten. Aber stimmt das?

Nein, sagt Susanne Blohm. Die Referentin der Verbraucherzentrale für Digitales und Medien kann verstehen, dass die Angebote der Telekom und von Vodafone auf den ersten Blick attraktiv wirken und wie eine Lösung des Drossel-Dilemmas erscheinen. „Nur sind sie das nicht“, sagt sie. „Die Tarife bringen erhebliche Nachteile mit sich.“ Blohm glaubt, die neuen Angebote verstärkten einen gefährlichen Trend: Nicht mehr der Kunde entscheidet, welche Dienste er nutzt, sondern die Mobilfunkanbieter.

Indem Vodafone und Telekom bestimmten, wer ihr Partner ist, legten sie automatisch fest, für wen sich die Kunden entschieden. Warum sollte ein Vodafone-Kunde künftig noch eine App nutzen, die sein Datenvolumen beansprucht, wenn es doch eine Konkurrenz-App gibt, die Teil des Tarifs ist? Setze sich diese Entwicklung fort, seien alle Konzerne praktisch chancenlos, die nicht nach den Regeln der Mobilfunkanbieter spielten, sagt Blohm. „Das schränkt die Wahlfreiheit der Verbraucher und den freien Wettbewerb der Unternehmen ein.“

„Zero-Rating“ nennt Blohm das Vorgehen der Anbieter, Datenvolumen für bestimmte Dienste über ihre Netze zum Nulltarif anzubieten. Sie glaubt, diese Praxis verstoße gegen die Netzneutralität, einem schrecklich drögen Begriff, der aber im Kern beschreibt, was wir heute unter freiem Internet verstehen: die Gleichbehandlung aller Daten bei ihrer Übertragung.

Noch bewegten sich die Anbieter mit ihren neuen Tarifen in einem gesetzlichen Graubereich, sagt Blohm. Die Verbraucherschützerin will, dass sich das ändert. Dass die gesetzliche Lage klarer wird. Sie fordert: „Die beiden Angebote von Telekom und Vodafone müssen verboten werden.“

Das sieht nicht nur Susanne Blohm so. Auch für den Chaos Computer Club sind die beiden Angebote „kein Modell für die Zukunft des Internets“. Mit Angeboten wie „StreamOn“ werde „nicht nur das Zwei-Klassen-Internet Realität, sondern auch der Wettbewerb um hohe Bandbreiten ausgebremst“, sagt CCC-Sprecher Linus Neumann.

Seit Monaten prüft die Bundesnetzagentur den Tarif der Telekom. Auf Twitter bestätigte die Bonner Behörde, sich nun auch dem ähnlich gelagerten Vodafone-Fall anzunehmen. Vielen Kritikern dauert das zu lange. Das Warten und langwierige Prüfen der Netzagentur verleite andere Anbieter, mit ähnlichen Tarifen nachzuziehen. „Auch indem sich die Bundesnetzbehörde nicht festlegt, schafft sie Realitäten im Markt“, sagt Blohm.

Dabei ist die Lage aus Sicht der Mobilfunkanbieter weniger klar, als die Verbraucherschützer und Netzexperten meinen. „Wir sind für alle Partner offen“ betont die Telekom. Und auch Vodafone versichert, sich an die gesetzlichen Vorgaben zu halten. Man biete nur Dienste an, „die niemanden benachteiligen“. Jeder App-Anbieter könne Partner werden. „Solange die Inhalte legal sind und in eine der Kategorien Chat, Social, Music und Video passen.“ Doch genau darin sehen die Kritiker das Problem: Die Bedingungen bestimmen Mobilfunkkonzerne. Es drohe eine „willkürliche Segmentierung“ des Internets, befürchtet der Chaos Computer Club.

Chancenlose Start-ups

Susanne Blohm glaubt, die neuen Angebote hebelten den Wettbewerb aus und benachteiligen kleine Start-ups, selbst wenn sie in der Theorie gemeinsame Sache mit der Telekom und Vodafone machen könnten. In der Praxis aber sei es nicht so einfach, mal eben Partner der Netzbetreiber zu werden. Selbst das große US-Videoportal Vimeo hat sich dagegen entschieden. „Wir haben dafür keine Ressourcen in unserem Team“, schrieb das Unternehmen in einer Stellungnahme.

Vimeo begründete die Absage mit dem Aufwand einer Teilnahme. So müssten die Partner technische Änderungen am eigenen Dienst der Telekom einen Monat vorher melden. Blohm sagt: „Das schafft Abhängigkeiten und produziert Strukturen, in denen die Großen immer größer werden und den Kleinen kaum eine Chance bleibt: So bekommen wir ein Zwei-Klassen-Internet.“

Auch die Videoqualität leide unter den neuen Angeboten, betont Blohm. Die Mobilfunkanbieter achteten darauf, sich rechtlich in der Grauzone zu bewegen und nicht gegen die Vorschriften zur Netzneutralität zu verstoßen. Daher optimierten sie alle Videostreams, egal ob Partnerdienst oder nicht, auf eine maximale 480p-Auflösung. Das entspreche in etwa dem Qualitätsniveau von 1995, schätzt der Chaos Computer Club.

„Der Gesetzgeber hat verpasst, solchen Vorstößen einen Riegel vorzuschieben“, sagt Susanne Blohm. Die Verbraucherschützerin wünscht sich einen einheitlichen Umgang mit „Zero-Rating“ in Europa. Die Europäische Union arbeite an einem digitalen Binnenmarkt, sorge sich aber bislang wenig um einen gemeinsamen Schutz der Netzneutralität. „Das passt nicht zusammen“, findet Blohm. Sie erzählt von Estland, Frankreich und Dänemark. Dort versuchten die Mobilfunkanbieter gar nicht erst, ein Zwei-Klassen-Netz zu etablieren. Deren Kunden würden darauf nicht anspringen, sagt Blohm.

Denn nirgendwo sonst in Europa flackert der Bildschirm der Smartphones so verlässlich zum Monatsende auf wie in Deutschland. Nirgendwo sonst ist das Wort „gedrosselt“ schicksalsträchtiger als hierzulande. „Wenn wir das ändern und den Kunden einfach mehr Datenvolumen geben“, sagt Susanne Blohm, „dann müssten wir uns nicht mehr sorgen, dass Mobilfunkanbieter das Internet spalten.“

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