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Gönner wechselt zum BDI Industrielobby holt Ex-Umweltministerin an die Spitze

Grünen-kompatibel, wirtschaftsnah, politisch-erfahren: Tanja Gönner, die einst als Verfechterin von Stuttgart 21 bekannt wurde, wird Hauptgeschäftsführerin des mächtigen Bundesverbandes der Industrie.
02.06.2022, 18:50 Uhr
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Von Hanna Gersmann

Tanja Gönner ist 52, CDU-Politikerin, Fußballfan, saß schon mal im Bundestag, war Sozialministerin, dann Umweltministerin, zudem Verkehrsministerin in Baden-Württemberg. Sie verteidigte damals, 2009 war das, geplante Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke. Später warb sie, Vertraute von Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel, wie sonst kaum jemand für das Bahnprojekt Stuttgart 21. Sie trat in Talkshows auf, strahlte in jede Kamera, wurde bundesweit bekannt. Die Gegner des Bauvorhabens fanden einen Namen für die Frau mit der Kurzhaarfrisur: „schwarze Mamba“, ohne Angst vor den Kritikern, den Feinden, unerbittlich. Vor zehn Jahren ging sie aus der Politik raus. Die CDU hatte die Landtagswahlen krachend verloren.

Seither ist sie Deutschlands oberste Frau für die Entwicklungszusammenarbeit: Sie leitet die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) mit Hauptsitz in Bonn und rund 24.000 Beschäftigten. Nun kommt die Juristin zurück in die Politik. Sie wird wieder mitmischen – und an der Spitze der deutschen Industrielobby. Tanja Gönner wird Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Sie ist die erste Frau auf dem Posten. Das teilte der BDI am Donnerstag mit, der sich als mächtige Stimme der Wirtschaft versteht.

BDI vertritt rund 100.000 Unternehmen

Auf seinem Internetauftritt heißt es: „Wir arbeiten daran, dass Deutschland ein Industrieland, Exportland und Innovationsland bleibt.“ Er bündelt 40 Verbände verschiedener Branchen, die zusammen rund 100.000 Unternehmen vertreten. Dazu gehört etwa der Verband der Automobilindustrie, VDA, der Verband der Chemischen Industrie oder der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien, Bitkom.

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Gönners Vorgänger, Joachim Lang, der den Job fünf Jahre gemacht hat, vom Energiekonzern Eon kam, zuvor auch in der Politik tätig war, erklärte im Februar: „Nach fünf intensiven und erfüllten Jahren im Amt habe ich beschlossen, neue inhaltliche und berufliche Ziele zu verfolgen. Dem BDI werde ich immer eng verbunden bleiben.“ Doch berichtete die Tageszeitung "Welt", dass er als zu unionsnah galt – und der BDI sich für die Ampel-Koalition neu aufstellen wolle. Gut möglich, dass seine Grünen-Ferne die größere Rolle spielte.

Vorgänger Joachim Lang widmet sich neuen Aufgaben

Zwar soll Lang zu einigen aus der Partei eine gute Verbindung haben, doch hatte Lang den Entwurf des Grünen-Wahlprogramms im März vergangenen Jahres regelrecht zerrissen: Er gebe „Anlass zu Sorge“, offenbare „ein ausgeprägt dirigistisches Staatsverständnis, das – mit einer sehr eingeengten Perspektive auf ein Staatsziel Klimaschutz – Grundsätze der sozialen Marktwirtschaft durch Konzepte staatlicher Lenkung und Umverteilung ersetzen will.“ Nur wenige Monate später wurde der Grüne Robert Habeck Bundeswirtschaftsminister.

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Mittlerweile hat der BDI – es war just an dem Tag als SPD, Grüne und FDP nach der Bundestagswahl ihre Verhandlungen für die Regierungskoalition aufnahmen – einen groß angelegten Plan vorgestellt, wie Deutschland die Klimaschutzziele erreichen kann. Die Industrie stemmt sich also nicht mehr grundsätzlich gegen den Klimaschutz, will bei Art, Tempo, Weg aber mitreden. Ein guter Draht in die Regierung: entscheidend.

Transformation zur Klimaneutralität

Tanja Gönner hat den Ruf, ihren derzeitigen Job, Jahresgehalt derzeit: rund 297.000 Euro, informiert, strategisch-klug, freundlich bestimmt, ja: sehr gut, zu machen. 2021 gab sie der großen GIZ Jahrespressekonferenz das Motto: „Die Krise als Chance nutzen – Mit grüner Wirtschaftsbelebung gestärkt in die Zukunft“. Am Donnerstag betonte sie, die Transformation zu Klimaneutralität, die Herausforderungen im internationalen Kontext und die Akzeptanz in der Gesellschaft seien große Aufgaben, denen sie sich „mit Respekt und mit großer Vorfreude stelle“.

Es schadet sicher auch nichts, dass sie den grünen Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, Winfried Kretschmann, kennt. Er wohnt in Sigmaringen, wo sie auch herkommt. Gönner, politisch erfahren, wirtschaftsnah, grünen-kompatibel, wird von sich hören lassen, nicht nur bei ihm. Ihr neues Amt wird sie im zweiten Halbjahr 2022 antreten.

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