Interview mit Nordsee-Chef

„Wir suchen das richtige Umfeld“

Seit einem Jahr steht bei Nordsee der Standort infrage. Ein Gespräch mit dem neuen Geschäftsführer Carsten Horn zu den Umzugsüberlegungen, Corona und Hausaufgaben für sein Unternehmen.
08.10.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Wir suchen das richtige Umfeld“
Von Lisa Boekhoff
„Wir suchen das richtige Umfeld“

Abgang aus Bremerhaven? Im Moment gibt es laut Carsten Horn keine Entscheidung und auch keine Präferenz, wo das Unternehmen Nordsee seinen Sitz haben soll.

Weser-Kurier
Herr Horn, draußen vor der Tür streiken dieser Tage Ihre Mitarbeiter. Es ist ein Kampf für Bremerhaven, weil der Standort seit einem Jahr zur Debatte steht. Das ist eine immense Zumutung für die Beschäftigten.

Carsten Horn: Das nehmen wir sehr ernst, weil es unsere Mitarbeiter verunsichert. Darum ist es uns wichtig, diesen komplexen Entscheidungsprozess voranzubringen. Das Thema hätte eigentlich bis Anfang des Jahres längst geklärt sein sollen – vor meiner Zeit.

Warum gibt es noch keine Entscheidung?

Für die Verzögerung gab es mehrere Gründe. Und dann waren wir wegen Corona genug beschäftigt. Wir haben im Juni der Gewerkschaft gesagt, dass wir einen transparenten Entscheidungsprozess planen und sie dazu einladen. Wir sind mit allen relevanten Partnern in den Dialog gegangen – mit dem Betriebsrat, der Stadt Bremerhaven und der Wirtschaftsförderung. Die NGG weigert sich, mit uns zu sprechen, und will ein Abfindungspaket verhandeln, was wir für viel zu früh halten.

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Das ist der Streitpunkt zwischen Ihnen und der NGG, die in Verhandlungen über einen Sozialtarifplan treten will.

Für uns ist das kein Streitpunkt. Verhandlungen machen jetzt keinen Sinn, weil es noch keine Maßnahme gibt, über die wir reden könnten. Wir haben dem Betriebsrat unsere Kriterien für die Entscheidung genau dargelegt. Für uns steht die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens im Vordergrund. Nordsee bewegt sich in einer sich schnell verändernden Welt, internationale Spieler kommen auf den deutschen Markt. Unser Ziel ist, die richtigen Weichen für Nordsee zu stellen. Wir suchen das richtige Umfeld für diesen Wandel. Da ist völlig unerheblich, wo das ist.

Wie ist es für Sie als Geschäftsführer, wenn der Weg ins Büro an Protest vorbeiführt?

Ich kann im Moment nur einen Beitrag leisten: mit den Mitarbeitern weiter auf eine gute Kommunikation zu setzen. Ob jemand draußen steht oder drinnen – alle sind für uns gerne gesehene Mitarbeiter, mit denen wir an der Zukunft arbeiten wollen. Wir sind nach wie vor irritiert über das Verhalten der NGG, dass sie nicht Teil des Entscheidungsprozesses sein will. Wir halten den Streik für überzogen – auch mit Blick auf die schwierigen Zeiten wegen Corona. Das können sie aber machen, das ist ihr gutes Recht.

Ihre Stationen Max Bahr, Blume 2000, Tchibo und Cinemaxx haben eins gemeinsam: Der Unternehmenssitz liegt in oder bei Hamburg. Die Gewerkschaft will gehört haben, dass es mit Nordsee an die Elbe geht. Was ist da dran?

Die Gewerkschaft spielt da ein gefährliches Spiel, weil sie mit Nichtwissen agiert. Es gibt keine Planung, nach Hamburg zu gehen und keine Anfragen. Wir finden es mehr als schwierig, dass da eine Angst aufgebaut wird. Wir haben mit allen Beteiligten gesprochen. Jetzt werden wir konkret zusammenbauen, wie ein Szenario aussehen könnte und im Oktober die Entscheidung treffen. Das ist unser Ziel, weil wir und unsere Mitarbeiter diese Ungewissheit überhaupt nicht gut finden.

Was gab den Anstoß für die Umzugsüberlegungen? War das der Investor Kharis Capital?

Die Entstehungsgeschichte kenne ich nicht ganz. Ich habe in diesem Jahr nicht zu viel Zeit gehabt, mich groß mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Die Herausforderungen sind so immens. Auch Kharis und der damaligen Geschäftsführung ging es im Wesentlichen um die Frage: Wie kriegt man Nordsee zukunftsfähig? Nordsee ist eine tolle Marke, muss sich aber verändern. Dafür brauchen wir, neben unseren Experten im Haus, Leute mit internationaler und digitaler Erfahrung. Das ist einer der Treiber, der uns überlegen lässt, so einen schwierigen Schritt zu machen.

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Das Gebäude hier am Fischereihafen ist neu – modern genug für einen Wandel. Gibt es denn hier nicht Mitarbeiter?

Das ist schwierig. Wir schreiben die Stellen aus. Die Leute, mit denen wir das im Moment machen, sind alles Freelancer aus anderen Städten. Ist das Kriterium entscheidend? Nein. Wir haben einen hohen Respekt vor den Mitarbeitern, die die Marke aufgebaut haben. Bremerhaven ist eine fantastische Stadt. Das ist ein Abwägen. Es gibt keine Entscheidung. Es gibt nicht mal eine Präferenz.

Viele dürften denken: Nordsee und Bremerhaven – das gehört zusammen. Spielt keine Rolle, wo der Fisch seinen Kopf hat?

Doch. Meine Art, eine Firma zu führen, ist eben auch, sehr faktenbasiert zu entscheiden und wenig emotional. Ganz viele Gründe sprechen für Bremerhaven – wie die Verbindung von Marke und Stadt. Wenn es einen Ausschlag gibt, würden wir uns das mit Marktforschung genau anschauen. Ich bin mir unsicher, ob Menschen in Berlin, Augsburg oder Wien die Verbindung kennen.

Seit einem halben Jahr arbeiten Sie bei Nordsee. Kurz nach Ihrem Einstieg kam Corona.

Ich habe mich nach zwei bis drei Wochen mit Krisenplänen beschäftigt. Da war das in Deutschland noch gar nicht so akut. Der große Vorteil, Teil einer internationalen Gruppe zu sein, ist auch, dass wir Geschäfte in anderen Ländern haben und Erfahrungen austauschen können. Wir haben schon eine andere Körperspannung gehabt, weil wir wussten, da kommt etwas auf uns zu.

Standorte mussten teils für Monate schließen. Fürchten Sie, dass das wieder passieren könnte?

Ich glaube, nicht in dieser Dimension. Wir haben im März alle Restaurants in allen Ländern zugemacht – 370 Filialen. Das war ein völliges Novum und Ausnahmezustand. Es wird künftig aber lokale oder regionale Einschränkungen geben. Wir sehen aktuell in Österreich bei der Kundenfrequenz, dass wieder weniger los ist. Wir müssen nun viel schneller an unserer Zukunftsfähigkeit arbeiten. Eine Krise zeigt in Lichtgeschwindigkeit auf, welche Hausaufgaben man nicht gemacht hat. Jetzt müssen alle in der Wirtschaft ihre Geschäftsmodelle umgestalten.

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Fischbrötchen auf die Hand, Scholle im Restaurant – wie kann das Geschäftsmodell sich denn verändern?

Wir müssen in Zukunft deutlich mehr tun bei der Produktinnovation und Fisch als gesundes Fast Food vermitteln. Wir sind ziemlich überzeugt, dass wir vom Ambiente einen Tick wärmer werden müssen, um mitzuhalten. Außerdem merken wir durch Corona, dass das Snackgeschäft deutlich besser läuft. Wir müssen Lieferungen nach Hause stark vorantreiben. Wir machen das heute an wenigen Standorten. Darauf waren wir bisher nicht ausgerichtet. Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass wir Schollen durch die Gegend schicken wollen?

Wie stark war der Rückgang des Umsatzes bei Nordsee und hat er sich komplett erholt?

Die Vokabel verheerend ist nicht übertrieben. Das ist existenziell gewesen. Im März, April, Mai und Juni haben wir einen zweistelligen Millionenverlust gemacht. Mitarbeiter in der Zentrale und in den Restaurants sind weiter in Kurzarbeit. Wir können angesichts des Umsatzes nicht ansatzweise mit Volllast fahren. Unser Ziel ist, dass wir mit eigener Kraft ins nächste Jahr starten können.

Wie kam es, dass Sie zu Nordsee wechselten?

Nach fünf Jahren bei Cinemaxx wollte ich gerne eine neue Aufgabe übernehmen. Und ich habe irgendwie ein Faible für deutsche Traditionsmarken. Nordsee ist eine Marke mit ganz hohem Wert. Als CEO möchte ich sie gerne in die nächste Dimension führen – gemeinsam mit den Mitarbeitern. Das ist eine unfassbar spannende Aufgabe.

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Haben Sie die Entscheidung mit Blick auf die Turbulenzen nicht bereut?

Nein. Corona hätte mich sonst an anderer Stelle beschäftigt. Im Kino hätte ich erlebt, dass James Bond zum dritten Mal verschoben wird. Ich bereue es nicht, bin aber auch froh, wenn das Jahr zu Ende ist.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

Info

Zur Person

Carsten Horn ist sei Februar Geschäftsführer von Nordsee. Zuvor leitete der Manager die Kinokette Cinemaxx nach Stationen bei Tchibo, Max Bahr und Blume 2000. Horn lebt mit seiner Familie in Hamburg.

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Zur Sache

Neue Marke im Aufbau

Nordsee gehört seit dem Verkauf der Unternehmensgruppe Theo Müller der Schweizer Investorengesellschaft Kharis Capital – ein Spezialist im Segment der Systemgastronomie. Zu Kharis Capital gehören neben Nordsee auch Burger King, Quick und O‘Tacos. Nordsee hat rund 5400 Mitarbeiter und etwa 370 Standorte weltweit. Das Unternehmen baut derzeit eine weitere Marke namens „Go Fish“ auf.

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