Interview über den Jade-Weser-Port „Ein Ausbau ist nicht vom Tisch“

Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althausmann äußert sich im Interview über den Jade-Weser-Port in Zeiten der Corona-Krise.
04.04.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
„Ein Ausbau ist nicht vom Tisch“
Von Peter Mlodoch
Herr Althusmann, landen derzeit überhaupt noch Containerschiffe im Jade-Weser-Port an?

Bernd Althusmann: Ja, aber spürbar weniger. Im Januar und Februar 2020 waren es durchschnittlich 29 Schiffe pro Monat, im vergangenen Jahr lag der Wert noch bei 35 Schiffen monatlich.

Das klingt nicht ermutigend.

Ohne Zweifel verzeichnen die niedersächsischen Seehäfen infolge der Corona-Krise einen erheblichen Umsatzrückgang und deutliche Volumeneinbrüche. Wie hoch diese im Vergleich zu 2019 ausfallen werden, können wir noch nicht seriös abschätzen. Die bremische Hafenvertretung beziffert den Rückgang des Güterumschlags im März und April auf 20 bis 30 Prozent.

Wie sieht es in Wilhelmshaven aus?

Am Jade-Weser-Port haben wir die gleiche Situation. Sieben der zehn größten Containerhäfen der Welt liegen in China. Aufgrund des Ausnahmezustands der Weltwirtschaft, der Produktionsausfälle, Schließungen in der Industrie und den Exportbeschränkungen in den betroffenen Ländern gehen natürlich auch die Schifffahrten deutlich zurück. Die tatsächlichen Auswirkungen auf den Jade-Weser-Port können wir wahrscheinlich aber erst nach der Pandemie komplett beurteilen.

Lesen Sie auch

Wie hoch war der Container-Umschlag in Wilhelmshaven 2019, und womit rechnen Sie schlimmstenfalls im laufenden Jahr?

Wir hatten 2019 einen Umschlag von 639.084 TEU, also Standardcontainern. Das war nach den zweistelligen Wachstumsraten von 2016 bis 2018 ein leichter Rückgang von 2,5 Prozent. Das war schon vor Corona und hing mit der weltweit schwachen Konjunktur im Wesentlichen infolge des Handelskonflikts zwischen China und den USA zusammen. Dieser Trend hat sich auch im ersten Quartal 2020 fortgesetzt, dazu kommen jetzt die Folgen der Corona-Krise.

Können die Häfen diese überstehen?

Auch die Hafenwirtschaft wird unter Druck kommen und möglicherweise Kurzarbeitergeld, Kredithilfen und Bürgschaften in Anspruch nehmen müssen, um durch diese schwierigen Zeiten zu kommen. Güterverkehr über Staatsgrenzen hinweg ist nicht mehr ungehindert möglich. Die Hafenwirtschaft ist systemrelevant, diese brauchen wir zur Versorgung der Bevölkerung in Deutschland mit Lebensmitteln, mit Medikamenten, mit Gütern des täglichen Bedarfs.

Und was passiert mit ankommenden Containerfrachtern? Müssen Kapitäne und Mannschaften beim Landgang in Quarantäne?

Natürlich gelten strenge Corona-Auflagen. Die Ankünfte der Schiffe aus Fernost werden sehr genau beobachtet. Es sind Krisenstäbe bei der landeseigenen Hafengesellschaft N-Ports und beim Jade-Weser-Port eingerichtet; diese haben Notfallpläne zur Eindämmung des Virus und zur Aufrechterhaltung des Hafenbetriebs in Gang gesetzt. Alle Mitarbeiter sind angehalten, die Hygieneregeln einzuhalten und den Kontakt wie in anderen Bereichen auf ein absolutes Minimum zu reduzieren.

Und an Bord?

Die Schiffe sind verpflichtet, sich mindestens 24 Stunden vor Erreichen eines niedersächsischen Hafens anzumelden. Diese Meldung beinhaltet die Auflistung der zehn zuletzt angelaufenen Häfen. So können wir die letzten drei Monate des Reiseverlaufs erkennen. Und die Schiffe müssen eine Meldung über den Gesundheitszustand der Besatzung abgeben. Vor dem Einlaufen in die Häfen erteilt der hafenärztliche Dienst aufgrund der Seegesundheitserklärung eine Freigabe. Oder aber eben nicht. Dann wird auch über Quarantäne-Maßnahmen zu entscheiden sein.

Lesen Sie auch

Ist das schon passiert?

Meines Wissens noch nicht. Natürlich haben wir die Schiffe aus China, Deutschlands wichtigstem Handelspartner, besonders im Blick. Diese haben aber in aller Regel eine über vierwöchige Fahrtzeit auf See hinter sich. Da ist die zweiwöchige Inkubationszeit von Corona weit überschritten. Zudem laufen aus China kommende Containerfrachter Wilhelmshaven nicht als ersten europäischen Hafen an, sondern vorher das britische Felixstowe und Zeebrügge in Belgien. Aber auch hier sind wir für den Fall der Fälle gut gerüstet.

Gelten auch Sicherheitsregeln für die ­Ladung? Werden die Container abgesprüht?

Das ist offenbar nicht notwendig, da nach der Erkenntnissen der Wissenschaftler das Virus in der Umwelt nicht lange überlebt, schon gar nicht über Wochen.

Wagen Sie einen wirtschaftlichen Ausblick auf den Hafen?

Es gibt einige Lichtblicke in der Krise. Die bisherigen Liniendienste der beiden großen Reederei-Allianzen 2M mit MSC und Maersk sowie Ocean Alliance mit Cosco, OOCL, Evergreen und CMA CMG werden nach dem Fahrplanwechsel jetzt im April weiter den Jade-Weser-Port anlaufen. Das haben diese angekündigt – trotz ihrer immer noch sehr starken Orientierung nach Hamburg. Damit behalten wir in Wilhelmshaven eine gute geschäftliche Grundlage. Der Produktionssektor in China hat nach dem Abflauen der Corona-Krise dort inzwischen wieder ein Volumen von 60 bis 75 Prozent nach unserer Information erreicht.

Das ist für uns ein äußerst wichtiges Signal. Denn das wirkt sich positiv auch auf die Schiffsabfahrten aus. Die Lieferketten von China nach Deutschland, die für etwa sechs Wochen unterbrochen waren, beginnen wieder anzulaufen. Die meisten der chinesischen Häfen haben alle wieder ihren Normalbetrieb aufgenommen, wenn auch noch nicht die früheren Umschlagsvolumina erreicht.

Selbst wenn Sie 2020 oder später wieder das Volumen von 2019 mit 639 084 TEU erreichen sollten, liegt die angestrebte Vollauslastung des Jade-Weser-Ports von rund zwei Millionen TEU in weiter Ferne.

Ja, da hinken wir noch hinterher, was aber der allgemeinen Entwicklung am Containertransportmarkt geschuldet ist. Die Corona-Krise kommt jetzt noch erschwerend hinzu.

Die niedersächsische Landesregierung hat immer an dem Ziel einer zweiten Ausbaustufe für den JWP festgehalten. Müssen Sie sich jetzt nicht davon verabschieden?

Nein, auch wenn es in der langfristigen Perspektive sicher zu Verschiebungen kommen wird. Wir müssen schon heute darüber nachdenken und mit den Planungen beginnen. Nur so sind wir rechtzeitig gerüstet, wenn die Weltkonjunktur wieder anzieht. Ein im Dezember dem Aufsichtsrat vorgelegtes Gutachten bescheinigt der maritimen Weltwirtschaft ein hohes Wachstumspotenzial und sieht auch die Notwendigkeit einer zweiten Ausbaustufe, um mögliche Umschlagkapazitätsengpässe in den deutschen Containerhäfen an der Nordsee auszugleichen. Allerdings, auch das gehört zur Wahrheit, sind dort die Auswirkungen einer Corona-Krise noch nicht berücksichtigt.

Lesen Sie auch

Sind Sie also nicht zu optimistisch?

Wir sehen durchaus viele positive Entwicklungen. Mit dem Unternehmen China Logistics haben wir einen Erbbaurechtsvertrag geschlossen; es wird künftig auf 20 Hektar mit 40.000 Quadratmetern Hallenfläche ein Umschlag chinesischer Waren stattfinden. Das löst Investitionen von 100 Millionen Euro am Jade-Weser-Port aus. Als Zeichen ihrer Verbundenheit hat die Firma wie auch Qingdao Port unserer JWP-Marketinggesellschaft Atemschutzmasken angeboten. Eine großartige Geste, die wir dankbar aufgenommen und an die zuständige Beschaffungsstelle im Krisenstab weitergeleitet haben.

Sind noch weitere Investitionen in Aussicht?

Das Bremer Logistik-Unternehmen Peper & Söhne wird ab Sommer am Hafen eine Multi-User-Halle mit 12.000 Quadratmetern errichten. Und das Unternehmen Nordfrost baut seine Kühllager-Kapazitäten massiv aus. Dazu kommt der Ausbau einer Lagerhalle des Online-Händlers Vivanno. Wenn jetzt noch die Schienenanbindung des Jade-Weser-Ports an Oldenburg modernisiert und vor allem elektrifiziert wird, ist Wilhelmshaven gut auf den Weltmarkt vorbereitet.

Das Gespräch führte Peter Mlodoch.

Info

Zur Person

Bernd Althusmann ist seit November 2017 Wirtschaftsminister in Niedersachsen und leitet in dieser Funktion auch den Aufsichtsrat der bremisch-niedersächsischen Jade-Weser-Port-­Gesellschaft.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+