Kampf gegen die Fluten

Das Wort „Klimawandel” kommt bei vielen Amerikanern nicht im Vokabular vor. Oder wird mit dem Zusatz „sogenannt” gebraucht.
01.12.2015, 00:00
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Kampf gegen die Fluten
Von Thomas Spang

Das Wort „Klimawandel” kommt bei vielen Amerikanern nicht im Vokabular vor. Oder wird mit dem Zusatz „sogenannt” gebraucht. In Miami Beach lässt sich damit erfolgreich Politik machen.

Kaum an einem anderen Ort in den USA wird so viel gebaut wie hier. In Miami und auf den vorgelagerten Inseln schießen die Luxus-Wolkenkratzer wie Pilze aus dem Boden. Und finden Käufer, die Top-Preise für Wohnungen zahlen, die ihre Besitzer mit atemberaubenden Blicken über die türkisfarbene Atlantik-Küste belohnen.

Die enormen Summen, die nach Miami Beach fließen, lassen nicht vermuten, wie ernst es um die erst vor 100 Jahren gegründete Stadt steht. Falls sich die Befürchtungen der Klimaforscher bewahrheiten, könnte die Art-Deco-Metropole zur nächsten Jahrhundertwende zu einem modernen Atlantis werden. Verantwortlich dafür ist der Anstieg des Meeresspiegels, der überall auf der Welt Küstenstädte bedroht. Für Miami Beach reichen die Prognosen für das Jahr 2100 von 20 Zentimetern Anstieg bis zu zehn Metern.

Der Mitte November mit großer Mehrheit für eine zweite Amtszeit wiedergewählte Bürgermeister Philip Levine lacht aber nur auf die Frage, warum Leute Millionen in Immobilien investieren, die vielleicht schon bald unter Wasser stehen. „Wenn sie mir einen Investor zeigen, der aus Sorge um den Klimawandel verkauft, lassen sie es mich wissen”, sagt der 53-jährige Strahlemann, der auch „Bloomberg von Florida“ genannt wird. „Ich möchte das Objekt dann gerne kaufen.“

Hinter Levines Zuversicht steckt der feste Wille, das Juwel im Süden Floridas zu retten. Bei der Begegnung im Rathaus hält der Bürgermeister sein Smartphone hoch: „Hätte ich Ihnen vor 50 Jahren ein iPhone oder iPad gezeigt, hätten Sie mich für verrückt gehalten.” Genauso werde die Menschheit in den kommenden Jahrzehnten „mit unglaublichen, innovativen Ideen aufkommen, die Küstenstädte zu retten”.

Für Levine geht es darum, die Galgenfrist für die Heimat der Reichen, Schönen und Kreativen zu verlängern. Mit diesem Anliegen war er 2013 zum ersten Mal in das Bürgermeisteramt gewählt worden. Damals hatte er im Wahlkampf versprochen, etwas gegen die ständigen Überschwemmungen zu unternehmen. Und nach seiner Wahl investierte Levine 400 Millionen Dollar in ein System aus Pumpen, das die Stadt bisher tatsächlich trocken gehalten hat. Doch Levine weiß, dass dies nur ein Anfang sein kann. Viel mehr ist nötig: Ein Drittel der Straßen soll erhöht, die Schutzmauern erhöht, Wohngebiete renaturalisiert und die Strände aufgeschüttet werden.

Am Ende wird das ohne Hilfe des Bundesstaates Florida kaum gehen. Dummerweise wird der allerdings von einem republikanischen Gouverneur regiert, der seinen Beamten verboten hat, über Klimawandel überhaupt zu sprechen. Der Grund? Rick Scott glaubt eben nicht daran.

Levine lässt sich dadurch nicht abschrecken. Er setzt auf die Steuereinnahmen, die der Bauboom generiert. Die Eigentümer schlucken bisher die Kröte höherer Abgaben, weil es in ihrem eigenen Interesse liegt, Miami Beach nicht versinken zu lassen. Die Entwickler ihrerseits bauen weiter, als gäbe es kein Morgen.

„Die Wahrheit ist: Es gibt kein Morgen”, meint der Klimaforscher Harold Wanless. Für Miami Beach sei heute schon zu spät. Bis zur Jahrhundertwende werde der Meeresspiegel um einen bis zehn Meter ansteigen. Die neuen Pumpen hält Wanless für ein „winziges Pflaster”, das viele Millionen Dollar verschlingt und „nicht einmal bis Mitte des Jahrhunderts helfen wird“.

Levine sieht das ganz anders. „Ich möchte, dass Miami Beach überlebt”, formuliert er und verspricht: „Wenn wir das Problem anerkennen, es diagnostizieren und beginnen, wirklich gute Technologie zu entwickeln, können wir es lösen.”

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