Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft

Kannengießer: "Afrikaner über Zurückhaltung irritiert"

Christoph Kannengießer, Hauptgeschäftsführer des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft in Berlin, fordert im Gespräch konkrete Hilfen und Ziele von der Bundesregierung für den Kontinent.
25.05.2018, 22:04
Lesedauer: 5 Min
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Kannengießer:
Von Lisa Boekhoff

Die Bundesregierung hat vor einem Jahr eine Investitionspartnerschaft mit Afrika namens „Compact with Africa“ angekündigt. 2017 war das Afrika-Jahr in Deutschland. Doch Sie sind mittlerweile ernüchtert. Warum?

Wir wollen die Bundesregierung darauf aufmerksam machen, dass es besserer Rahmenbedingungen für deutsche Unternehmen bedarf, die sich in Afrika mit Investitionen, Handel und Projekten engagieren wollen. Der Fortschritt passiert nicht dadurch, dass man Positions- und Strategiepapiere schreibt. Warme Worte werden das Thema nicht voranbringen. Da gibt es inzwischen sowohl bei unseren afrikanischen Partnern als auch bei den Unternehmern eine gewisse Ungeduld, weil sich die Bundesregierung relativ viel Zeit lässt. Nun ist schon Mai und so richtig ist noch nichts passiert. 2017 war das Jahr der Papiere, 2018 muss das Jahr der Umsetzung sein. Die Zeit drängt.

Und wie erklären Sie sich, dass bisher keine Taten gefolgt sind?

Es fehlt nicht an Ideen und Vorschlägen. Es fehlt auch nicht an Maßnahmen, die man relativ einfach umsetzen kann. Wir führen mit der Bundesregierung zum Beispiel seit Jahren eine Debatte zu den Exportkreditgarantien für den afrikanischen Kontinent. Das sind die sogenannten Hermes-Bürgschaften. Die deutschen Unternehmen brauchen diese Risikoabdeckung, wenn sie in Afrika Projekte realisieren wollen. Doch die Absicherung ist schlechter als sie es für alle anderen Regionen der Welt ist. Warum da nichts passiert? Für mich ist das nicht nachvollziehbar. Das ist das, was bei uns Ernüchterung und zum Teil Frustration auslöst.

Und in der Wirtschaft.

Ja, vor allem bei den Unternehmen, die sich heute schon sehr engagiert in Afrika betätigen, unter sehr komplizierten Wettbewerbsbedingungen. Türken, Chinesen, Koreaner, Brasilianer, Briten, Franzosen oder Amerikaner – alle haben in der ein oder anderen Art und Weise Flankenschutz und Rückendeckung insbesondere im Sinne einer Risikoabsicherung. Da sind wir hinterher. Das ist einer der Gründe, warum die deutsche Wirtschaft und gerade der risikoscheue- und anfällige deutsche Mittelstand in Afrika eher zurückhaltend ist. Wir haben den Eindruck, dass das von der Bundesregierung durchaus verstanden wird. Wir haben aus meiner Sicht ein Umsetzungsproblem. Da muss schnell dran gearbeitet werden.

Worin liegen denn die Unterschiede der Risikoabsicherung?

Grundsätzlich gibt es eine Absicherung vor allem von politischen Risiken nicht nur in Afrika, sondern auch in China, Malaysia, Indonesien oder Brasilien. Unternehmen, die dort handeln, werden davor geschützt, Zahlungsausfälle zu erleiden, wenn sie vorliefern. Diese Absicherung ist in Afrika viele Jahre überhaupt nicht möglich gewesen. Inzwischen ist das in einigen Ländern anders. Üblicherweise übernimmt der Bund bei diesen Bürgschaften gegen eine Gebühr 95 Prozent des Risikos – in Afrika aber nur 90. Das führt dazu, dass Handels- und Projektgeschäfte für Deutsche wesentlich teurer sind als für Wettbewerber, bei denen der Selbstbehalt niedriger ist. Von der Risikoseite gibt es dazu übrigens keine vernünftige Begründung. Wir wissen von Unternehmen und dort tätigen Banken, dass die Zahlungsausfälle in Afrika auch nicht höher sind als anderswo.

Wie ist das Risiko einzuschätzen?

Das ist unterschiedlich. Es gibt Länder mit einer hohen Stabilität und solche, die eher labil sind. Es lassen sich immer nur Momentaufnahmen anstellen: Selbstverständlich ist es vielleicht in Mali heute komplizierter zu investieren als beispielsweise in Marokko. Doch das Wesen der Politik ist, dass sie oft sehr volatil ist. Das sehen wir derzeit auch in Europa mit dem Brexit oder bei den Sanktionen der USA gegen den Iran. Das Risiko liegt in der Unvorhersehbarkeit von Entwicklungen.

Was sollte Deutschland denn tun, damit die Zusammenarbeit in Schwung kommt?

Eines der Hauptthemen für Unternehmen ist die Finanzierung. Es ist kompliziert, für Projekte auf dem afrikanischen Kontinent auf dem Bankenmarkt eine entsprechende Finanzierung zu bekommen. Das ist aber ein wichtiges Kriterium im Wettbewerb. Unsere Forderung ist, dass wir in den wachsenden Topf des Entwicklungsministers reinschauen und überlegen, ob wir nicht einen Fonds auflegen können. Der könnte Unternehmen verbesserte Konditionen für die Finanzierung gewähren in Form von Garantien, Zuschüssen und Krediten sowie auch den Privatsektor in Afrika unterstützen.

Wie intensiv ist derzeit die Zusammenarbeit der deutschen Wirtschaft mit Afrika?

Wir exportieren mehr als 25 Milliarden Euro nach Afrika und importieren aktuell im Umfang von 20 Milliarden Euro. Das sind zwei Prozent des deutschen Außenhandels. Da kann viel mehr passieren. Relativ bekannt sind die großen Investments der deutschen Automobilindustrie in Südafrika. Wir brauchen aber eine breitere Aufstellung.

Der Marshallplan der Bundesregierung für Afrika betont, dass es mit den Ländern des Kontinents in Zukunft eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe geben soll. Ist das weiterhin ein Problem?

Wir beobachten nach wie vor, dass die rein entwicklungspolitische Betrachtung des afrikanischen Kontinents relativ stark ist. Wir spüren eine deutliche Zurückhaltung der Bundesregierung, in Afrika auch wirtschaftliche Interessen zu definieren. Das tun wir überall sonst auf der Welt. Die Afrikaner selbst sind oft irritiert, wie wahnsinnig zurückhaltend wir sind. Doch das politische Handeln lässt doch immer noch stark durch eine antiquierte Vorstellung Afrikas als Kontinent der Krisen, Katastrophen, Kriege und Armut leiten. Der Kontinent ist aber vielfältig: Es gibt Länder mit sehr hohen Wachstumsraten, mit Metropolen und Mittelschichten und so weiter.

Afrika als Chancenkontinent – für dieses Bild will sich Ihr Verein in Deutschland einsetzen. Welche Chancen werden derzeit übersehen?

Auf dem afrikanischen Kontinent gibt es zum Beispiel eine Mittelschicht von 360 Millionen Menschen und mehr Mobilfunkanschlüsse als in Europa. Es entstehen permanent neue Infrastrukturprojekte, die den Rückstand bei Straßen, Häfen und Flughäfen zu schließen beginnen. Wir sehen das Entstehen eines afrikanischen Unternehmertums. Wir sehen einen Willen, Afrika zu industrialisieren – und zwar möglichst klimaneutral. Das heißt, es gibt einen riesigen Bedarf nach erneuerbaren Energien. Da spielt die deutsche Wirtschaft seit vielen Jahren eine führende Rolle, aber noch nicht in Afrika. Es gibt hohe Wachstumsraten. Beiersdorf produziert in Kenia Konsumgüter wie Waschmittel, Seifen oder Kosmetika und VW baut in Ruanda und Kenia erste Fertigungsstrecken außerhalb Südafrikas auf. Afrika hat schon jetzt ein großes Potenzial – von uns aber immer noch unzureichend genutzt.

Gibt es Ihrer Ansicht nach eine Scheu, in Afrika Handel zu betreiben, die im Prinzip grundlos ist?

Das ist tatsächlich das Thema der Risikowahrnehmung. Alle, die schon auf dem Kontinent tätig sind, bestätigen das. Es ist nicht leicht, in Afrika Geschäfte zu machen. Die Kultur, das Geschäftsgebaren und Zeitgefühl sind anders als in Deutschland und Europa. Doch das gibt es ebenfalls in anderen Regionen der Welt. Es ist nicht schrecklich viel anders als in Asien oder Lateinamerika. Risiken sind vorhanden, aber zu managen. Unsere Botschaft lautet: Afrika ist nicht einfach, aber lohnt sich.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

Info

Zur Person

Christoph Kannengießer ist Hauptgeschäftsführer des Afrika-Vereins der deutschen Wirtschaft in Berlin. In dieser Woche war er zu Gast in Bremen auf einer Konferenz über Investitionen als Motor der Entwicklung.

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