Versicherungsvermittler nutzen sinkenden Garantiezins, um Kunden zu einem neuen Abschluss zu drängen

Keine voreiligen Vertragsabschlüsse

Zum 1. Januar sinkt der Garantiezins für die Lebensversicherung. Solche Veränderungen sehen Versicherungsvermittler oft als Chance, um Kunden zum Abschluss einer Police zu bringen. Auch bei anderen Versicherungsarten wird mit diesem Argument geworben.
20.10.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Olaf Grahl

Zum 1. Januar sinkt der Garantiezins für die Lebensversicherung. Solche Veränderungen sehen Versicherungsvermittler oft als Chance, um Kunden zum Abschluss einer Police zu bringen. Auch bei anderen Versicherungsarten wird mit diesem Argument geworben.

Die Zinsentwicklung scheint den Experten Recht zu geben. Als die Bundesregierung im Sommer die Senkung des Garantiezinses beschloss, war noch nicht absehbar, wie tief die Zinsen noch sinken werden. Inzwischen hat die Europäische Zentralbank den Leitzins auf 0,05 Prozent ermäßigt und die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen markiert neue Tiefststände. So liegt die Rendite dieser Bundesanleihen inzwischen nur noch bei 0,76 Prozent. Wer dem Staat zehn Jahre lang sein Geld leiht, bekommt dafür im Jahr weniger als ein Prozent Zinsen. Von diesen sinkenden Zinsen sind alle festverzinslichen Anlagen betroffen, in die die Versicherer mehr als 80 Prozent der Kundengelder investieren.

Die Bundesregierung hat mit verschiedenen Maßnahmen eine Entlastung der Lebensversicherer beschlossen. Dazu gehört, dass Kunden nicht mehr an den Bewertungsreserven beteiligt werden müssen. Die waren gerade in Zeiten sinkender Zinsen stark angestiegen. Außerdem sinkt der Garantiezins zum 1. Januar 2015 von 1,75 auf 1,25 Prozent. Betroffen sind alle Angebote der Lebensversicherer, also Kapitallebens-, Renten-, Riester- und Rürup-Versicherungen, die ab Januar abgeschlossen werden. Eine Verzinsung auf Höhe des Garantiezinses sichert die Assekuranz dem Versicherungsnehmer über die gesamte Laufzeit zu, unabhängig davon wie sich die Zinsen am Markt entwickeln. Die Überschussbeteiligung, mit der die Sparanteile der Kunden verzinst werden, wird dagegen vom Versicherer jedes Jahr neu festgelegt. In diesem Wert ist die Garantieverzinsung schon enthalten. In diesem Jahr liegt die Überschussbeteiligung bei durchschnittlich 3,37 Prozent. Die Überschussbeteiligung kann also nie niedriger ausfallen als die Garantieverzinsung, sofern die Versicherung nicht in eine Schieflage gerät. Das ist vor allem wichtig für Kunden, die einen Vertrag mit einem noch hohen Garantiezins von bis zu vier Prozent haben.

Die Lebensversicherung von 1871 (LV 1871) rechnet auf ihrer Internetseite ihren Kunden gleich vor, was sie einbüßen, wenn sie nicht mehr in diesem Jahr eine Basis-Rente (Rürup-Rente), abschließen. Sie wird ähnlich der Riester-Rente mit Steuervorteilen staatlich gefördert. „Die garantierte Rentenleistung fällt bei einer 2014 abgeschlossenen Basisrente um 17 Prozent höher aus als im Folgejahr“, rechnet LV 1871-Vorstand Rolf Schünemann vor.

Das sagt noch nicht viel aus, denn die Garantieverzinsung wie auch die Überschussbeteiligung beziehen sich nur auf den Sparanteil der Versicherung, also nicht den gesamten Monatsbeitrag. „Der Versicherer zieht alle Kosten für Verwaltung, Vertrieb und Versicherungsschutz ab“, sagt Versicherungsberater Thorsten Rudnik. Dieser Kostenblock betrage bei einigen Versicherern mehr als 30 Prozent des Beitrages. „Verbraucher sollten auf keinen Fall übereilt jetzt noch einen Vertrag abschließen, weil der Garantiezins nichts mit der tatsächlichen Rendite eines Vertrages zu tun hat und sich die meisten Policen schon jetzt kaum lohnen“, sagt Rudnik.

Bei der Lebensversicherung dürfte das Werben der Vermittler auch nicht mehr so schnell fruchten, da sich herumgesprochen hat, dass das Produkt an Attraktivität verloren hat. Wegen der niedrigen Zinsen sinken die Auszahlungsbeträge jährlich. Das belegt eine Studie des Branchendienstes map-Report. Ein Kunde, der 20 Jahre lang 1200 Euro in eine Lebensversicherung eingezahlt hat, erhält 2014 im Durchschnitt eine Auszahlung von 37200 Euro. Zehn Jahre zuvor bekam er bei dieser Einzahlung noch 46200 Euro.

„Nur bei staatlich geförderten Angeboten kann ein Abschluss bei einem günstigen Anbieter eine Alternative sein“, sagt Rudnik. Nach dem letzten Test der Stiftung Warentest bieten HUK 24, Alte Leipziger, Hannoversche und Hanse Merkur gute Leistungen bei einer Riester-Rentenversicherung. Am besten ist der Tarif der HUK 24, die Hanse Merkur macht die besten Rentenzusage. Allerdings lohnen solche Abschlüsse nur, wenn sie bis zum Ende durchgehalten werden.

Auch bei anderen Versicherungen muss die Senkung des Garantiezinses für einen schnellen Abschluss herhalten. So hat der Finanzdienstleister MLP berechnet, dass Berufsunfähigkeitsversicherungen (BU) bei Abschluss im nächsten Jahr teurer werden. Vor allem jüngere Kunden müssten sich auf steigende Beiträge einstellen. 7,6 Prozent mehr Prämie muss ein 20-Jähriger im Schnitt zahlen, wenn er im nächsten Jahr einen BU-Schutz (für eine Monatsrente von 1000 Euro und Laufzeit bis zum 67. Lebensjahr) abschließt. Ein 30-Jähriger muss mit einer Preissteigerung um 5,7 Prozent rechnen. Denn auch bei dieser Versicherung werden ein Teil der Kundengelder angelegt. Niedrigere Zinsen müssten also mit höheren Beiträgen ausgeglichen werden. Doch nach einer Untersuchung des Verbraucherportals Finanztipp und der Ratingagentur Morgen & Morgen ist eine solche Entwicklung kaum zu erwarten, weil gerade bei der BU ein starker Wettbewerb herrscht. Dagegen sprechen auch die Daten der Vergangenheit: So sank der Garantiezins von 2006 auf 2007 von 2,75 auf 2,25 Prozent. Die BU-Policen wurden aber im Schnitt nur um 0,6 Prozent teurer. Ein ähnliches Bild ergibt sich, als der Garantiezins zum 1. Januar 2012 von 2,25 auf 1,75 Prozent sank. Die Preissteigerung lag unter einem Prozent.

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