„Königsdisziplin des Schiffbaus“

Für Claudia Adamczyk ist die Sache klar: „Der Propellerbau ist die Königsdisziplin des Schiffbaus.“ Adamczyk ist die Geschäftsführerin der SPW Sail Propeller und Wellenbau GmbH.
12.03.2017, 00:00
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Von Leona Ohsiek (Fotos) und Milan Jaeger (Text)

Für Claudia Adamczyk ist die Sache klar: „Der Propellerbau ist die Königsdisziplin des Schiffbaus.“ Adamczyk ist die Geschäftsführerin der SPW Sail Propeller und Wellenbau GmbH. Adamczyks Firma sitzt am Westkai in Bremerhavens Fischereihafen und stellt Schiffspropeller her. An der Kaje liegt ein Fischfangschiff mit russischem Namen und ein Frachter unter panamaischer Flagge. Hier stellt SPW mehr als 1000 Propeller im Jahr her.

Gemeinsam mit ihrem Mann Jörg führt Adamczyk das Unternehmen. Wer bei einer Werft ein Schiff in Auftrag gibt, bekommt erst einmal nur den Rumpf. Um den Propeller muss sich der Eigner separat kümmern. Und hier kommen Adamczyks 18 Mitarbeiter ins Spiel. Sie entwerfen Propeller, die auf das jeweilige Boot zugeschnitten sind.

Das Familienunternehmen repariert auch Propeller. Ist einer kaputt, lohnt es sich allerdings meistens mehr, gleich einen neuen in Auftrag zu geben. Den größten Teil des Umsatzes macht SPW aber mit der Propellerfertigung. Viele der Schiffsschrauben, die SPW anbietet, haben Adamczyks Leute selbst entwickelt. Zum Beispiel die dreiflügelige Variante des „Variprop“, der auf der Firmenwebseite als der „wahrscheinlich beste Drehflügelpropeller der Welt“ beworben wird. Kleine Propeller sind ab etwa 400 Euro zu haben. Große kosten schon einmal das Zehnfache.

Bei einem Drehflügelpropeller können sich die Blätter so eindrehen, dass sie während der Fahrt nicht bremsen. Beim Segeln spielt das eine große Rolle. Sogenannte Festflügler sind zwar günstiger, doch geht es darum, möglichst schnell voranzukommen oder viel Strecke zu machen, greifen viele Schiffseigner zu einem variablen Propeller. Deren Blätter drehen sich beim Segeln durch den Wasserwiderstand in eine strömungsgünstige Position.

Adamczyks Vater hatte das Unternehmen 1988 gegründet, 2004 übernahm die Tochter den Betrieb. Im selben Jahr brachte die Firma den vierflügeligen ­„Variprop“ heraus. Schon früh hatte sich Claudia Adamczyk die Frage gestellt, ob sie das Unternehmen einmal leiten will. Eine Frau. In dieser Branche. „In den ersten Jahren haben manche Kunden, als sie mich gesehen haben, gefragt, wo denn der Chef sei“, erzählt die 53-Jährige. Doch den Respekt hat sie sich schnell erarbeitet. Denn sie brachte den Erfolg. Unter ihrer Führung hat sich die SPW den internationalen Märkten zugewandt. „Mein Vater war auf Deutschland fokussiert.“ Er habe Bedenken gehegt, sich in das Ausland zu orientieren. Adamczyk aber gab eine neue Marschroute vor: Aufbau des Exports. „Step by step“ seien ab dem Jahr 2000 die internationalen Märkte dazugekommen. Mittlerweile hat die SPW Kunden in der ganzen Welt. „Wir sind heute eines der modernsten Unternehmen unserer Branche“, sagt sie und scherzt: „Eigentlich sind unsere Produkte zu langlebig.“ An Airbus hat SPW schon Teile für Türverriegelungen geliefert. Ansonsten gehören Weltumsegler und die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger zu den Kunden.

Steht Adamczyk in ihrer Werkshalle und zeigt, woran ihre Mitarbeiter im Moment arbeiten, kommt man nicht auf die Idee, an ihrer Autorität zu zweifeln. Alles hört auf ihr Kommando. Da ist zum Beispiel Valerie Wagner. Er trägt eine Atemschutzmaske, die aussieht, als sei sie für einen Science-Fiction-Film entworfen. Da es beim Abschleifen der Propellerblätter staubt, ist die Maske nötig. Ein Handzeichen von Adamczyk, und Wagner stellt die Maschine ab.

Seit ein paar Jahren hat Wagner einen speziellen Kollegen: einen Roboter. Der übernimmt einen Großteil der Schleifarbeiten und ersetzt dadurch drei bis vier Menschen. Komplett selbstständig arbeiten kann die Maschine aber nicht. „Wir haben ein halbes Jahr gebraucht, bis wir unseren Industrieroboter so eingestellt hatten, dass er die Teile so schleift, wie wir es brauchen“, erläutert Adamczyk. Dafür musste der Roboter „geteacht“ werden, wie die Chefin es nennt.

Bei SPW werden die Propeller entworfen und zusammengesetzt. Gegossen werden sie in der Metallgießerei Raguse und Voss, die ebenfalls in Bremerhaven sitzt. In einem Ofen, der per Induktion erwärmt wird, bringen die Gießer das Material zum Schmelzen. Ein brennender, metallischer Geruch liegt in der Luft. Als würde jemand schweißen.

In dem Ofen wird die Nickel-Aluminium-Bronze, aus der die Propeller bestehen, zum Schmelzen gebracht. Mit einem mannshohen Mixer aus Stahl wird noch einmal umgerührt: Grün-rote Feuerschwaden zucken aus dem Schlund heraus. Es wirkt wie ein kleiner Vulkanausbruch. Hat das Metall die richtige Temperatur erreicht, ertönt ein Signal: Jetzt muss es schnell gehen. Die Mitarbeiter der Gießerei arbeiten zusammen. J eder weiß, was er zu tun hat. Einer schöpft die flüssige Bronze in die Gussformen, ein Kollege schüttet sofort Quarzsand drauf und ein dritter bringt die nächste Form. So entsteht Propellerblatt für Propellerblatt. Bei SPW werden sie anschließend zusammengesetzt, damit sie später unter Wasser ihren Dienst tun können.

„Eigentlich sind unsere Produkte zu langlebig.“ Claudia Adamczyk, Geschäftsführerin von SPW
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