Kohleausstieg verschärft Gips-Konflikt Der Kampf um den Gips

Die Baustoff-Industrie will die Gips-Vorkommen im Harz stärker ausbeuten. Nach Protesten von Kommunen und Umweltschützern hat Niedersachsens Regierung aber neue Vorranggebiete abgelehnt.
29.11.2021, 18:59
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Der Kampf um den Gips
Von Peter Mlodoch

Osterode. Der laubbedeckte Pfad durch den verschlungenen Buchenwald endet abrupt an einem Stacheldrahtzaun. Zwischen zwei Bäumen steht ein rostiger Ein-Personen-Bunker aus Eisen; gelbe Schilder warnen vor Sprengungen. Einige Schritte weiter geht es plötzlich Dutzende Meter steil in die Tiefe. Es ist die poröse Abbruchkante eines riesigen Steinbruchs in der Nähe der Burgruine Lichtenstein, ein paar Kilometer südlich des Harzstädtchens Osterode. Unten in der Ferne ist rhythmisches Hämmern zu hören. Ein Bohrbagger frisst sich in das graue Gipsgestein; ein Kipplaster wartet bereits auf seine nächste Fuhre.

„Das ist brutal; hier gibt es keine Pufferzone“, schimpft Naturschützer Friedhart Knolle. „Direkt neben dem Naturschutzgebiet wird die Natur massiv zerstört.“ Das verstoße eindeutig gegen EU-Recht, gegen die FFH-Richtlinie (Flora-Fauna-Habitat). Für den promovierten Geologen ist es kein Einzelfall, sondern Sinnbild für den seit Jahrzehnten schwelenden Konflikt um den Baustoff-Abbau im Südharz. Von Osterode in Niedersachsen nach Nordhausen in Thüringen und Sangershausen in Sachsen-Anhalt zieht sich auf 120 Kilometern der Gipskarst, eine zerklüftete, aber auch sehr grüne Gesteinslandschaft mit Buchenwäldern, Orchideen und seltenen Farnen. „Das ist weltweit einmalig und einer der deutschen Hotspots der Artenvielfalt“, schwärmt BUND-Mitglied Knolle.

Die Kehrseite: Anders als in den unterirdischen Vorkommen in Süddeutschland lässt sich der Gips im Harz relativ leicht und damit kostengünstig gewinnen – durch den oberirdischen Abbau des „weißen Goldes“ in Steinbrüchen. Und den will die Industrie nun massiv ausweiten. Grund ist ausgerechnet der zum Jahr 2038 verabredete Kohleausstieg, den die neue Ampel-Koalition im Bund jetzt auch noch „idealerweise“ auf 2030 vorziehen will. Zehn Millionen Tonnen beträgt der Jahresverbrauch des Baustoffs in Deutschland. 60 Prozent davon kommen derzeit aus den Rauchgasentschwefelungsanlagen (REA) der Kohlekraftwerke. Dort bindet in Wasser gelöster Kalk den Schwefel der Abgase; es entsteht Calciumsulfat, also Gips.

„Der Kohleausstieg ist problematisch“, sagt Betriebsleiter Uwe Schridde vom Gipswerk Ührde der Firma Rump & Salzmann. „Unsere Sorge ist groß, dass wir irgendwann nicht mehr genug Gips haben.“ Die Nachfrage sei wegen des Baubooms, des Bedarfs an energetischen Sanierungen und der in der Corona-Pandemie gestiegenen Heimwerkertätigkeit geradezu explodiert. „Die Rohstoffe werden gebraucht. Wo sollen wir sie hernehmen, wenn nicht vor unserer Tür?“ Mit Uhu-Höhlen, Amphibien-Tümpeln, Blühstreifen und Weideflächen für Schafe will Schridde die Eingriffe in die Umwelt zumindest abmildern.

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Bei der niedersächsischen SPD/CDU-Landesregierung hat die heimische Gips-Industrie, die derzeit 623 Menschen im Land beschäftigt, eine Ausweitung ihrer bestehenden Abbaugenehmigungen beantragt. 40 Hektar nahm daraufhin Agrarministerin Barbara Otte-Kinast (CDU) als zusätzliche Vorranggebiete in ihren Entwurf für ein neues Landesraumordnungsprogramm (LROP) auf. Dies führte allerdings zu heftigen Protesten nicht nur der Naturschützer und der Grünen-Landtagsfraktion, sondern auch der betroffenen Kommunen.

So wehrte sich vor allem Osterode gegen den geplanten Einschnitt in seinen entlang der Stadt laufenden Gipsberg. Auch das Nachbarland Thüringen, das gerne ein grenzüberschreitendes Biosphärenreservat Gipskarst einrichten möchte und ein abgestimmtes Vorgehen fordert, intervenierte. Widerstand meldete auch Umweltminister Olaf Lies (SPD) an. Er sah den vor 18 Jahren unter Beteiligung des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder (SPD) gefundenen Kompromiss, der als „Gips-Frieden“ in die Harzer Geschichte einging, in Gefahr.

Mit Erfolg: Ressortchefin Otte-Kinast strich die 40 Hektar wieder komplett raus. Im überarbeiteten LROP-Entwurf, über den das rot-schwarze Kabinett an diesem Dienstag befindet, ist keine Rede mehr von den Erweiterungsgebieten. Das Landesbergamt habe die noch verbleibenden Abbaureserven im Bereich Gips auf Basis aktueller Daten erneut überprüft, erklärt das Ministerium dazu. „Ergebnis dieser Bewertung ist, dass derzeit noch kein akuter Handlungsbedarf besteht, der eine Erweiterung der Vorranggebiete Rohstoffgewinnung Gips zum derzeitigen Zeitpunkt zwingend erforderlich macht.“ Angenehmer und hinter den Kulissen auch gewünschter Nebeneffekt für die Große Koalition: Das emotionale Thema bleibt ihr im Landtagswahlkampf erspart.

Der Bundesverband der Gipsindustrie warnt indes vor einer „Gips-Lücke“ und betreibt in den Länderparlamenten Lobby-Arbeit. Mit Gutachten über die volkswirtschaftliche Bedeutung der Harzer Gipsindustrie als wichtiger Teil der Wertschöpfungskette wollen sie die Abgeordneten überzeugen. „Etwas Gips braucht jeder Mensch“, sagt Präsident Thomas Bremer und verweist dabei gern auf die Rolle des Rohstoffs für Gebissabdrücke beim Zahnarzt. Naturschützer Knolle spricht dagegen von einer „Gips-Lüge“, von Panikmache der Unternehmen. Die genehmigten Abbau­vorkommen reichten noch für Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Außerdem sei der Naturrohstoff längst durch Kunstgipse etwa aus der Düngemittelherstellung zu ersetzen. Und schließlich könne man ganz viel Gips durch Recycling zurückgewinnen. „Doch ­davon will die Industrie nichts wissen, weil der Naturgips viel zu billig ist“, beklagt Knolle. „So werden leider weiter ganze Berge wegge­fressen.“

Info

Festgelegte Nutzungsformen
Mit seinem Landesraumordnungsprogramm (LROP) legt Niedersachsen bestimmte Nutzungsformen seiner Flächen fest, etwa für Landwirtschaft, Siedlungen, Verkehrswege, Naturschutz und Rohstoffgewinnung. Der Entwurf, mit dem sich die SPD/CDU-Regierung an diesem Dienstag befasst, soll das LROP von 2017 fortschreiben. Er ist nach Protesten und internem Streit die zweite Fassung. So sind etwa die zusätzlichen 40 Hektar für zusätzliche Gips-Gewinnung im Harz wieder rausgeflogen. Neu geschafft wurde dagegen die Möglichkeit, Solaranlagen auch auf Agrarflächen entlang von Autobahnen und Schienenwegen zu errichten.

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