Spargel wird immer teurer Kritik an Mindestlohn für Erntehelfer

Bei acht Euro liegt der Mindestlohn für Erntehelfer 2016. Für einen Kilo Spargel zahlen Verbraucher deshalb nun 30 bis 50 Cent mehr. Einige Bauern denken schon an eine Verlagerung des Anbaus ins Ausland.
23.05.2016, 00:15
Lesedauer: 4 Min
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Kritik an Mindestlohn für Erntehelfer
Von Jan Oppel

Bei acht Euro liegt der Mindestlohn für Erntehelfer 2016. Für einen Kilo Spargel zahlen Verbraucher deshalb nun 30 bis 50 Cent mehr. Einige Bauern denken schon an eine Verlagerung des Anbaus ins Ausland.

Seit vier Jahren fährt Gabi-Florin Pascu im April mit dem Bus von der rumänischen Provinz in die deutsche. Einen Tag und eine Nacht dauert die Fahrt. Im niedersächsischen Kirchdorf arbeitet der 27-Jährige auf dem Spargelhof von Heinrich Thiermann als Erntehelfer. Acht Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche, zweieinhalb Monate pro Jahr. Mit dem Job sei er zufrieden, sagt der Rumäne, während er sein Stechmesser in den Erdwall rammt und mit einem Ruck die weiße Stange ans Tageslicht befördert. Dank des Mindestlohns fahre er Ende Juni mit einem guten Einkommen nach Hause.

Verbraucher zahlen 30 bis 50 Cent mehr pro Kilo

Seit Jahresbeginn gilt in der Landwirtschaft ein Mindestlohn von acht Euro pro Stunde in Westdeutschland und 7,90 Euro in ostdeutschen Bundesländern. Das sind 60 beziehungsweise 70 Cent mehr als im Vorjahr. Lange hatten sich die Bauern gegen die Einführung gewehrt – am Ende vergebens. Bis November 2017 wird der Mindestlohn überall auf 9,10 Euro die Stunde steigen.

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Das wirkt sich auch auf den Spargelpreis aus: 2016 zahlen die Verbraucher nach Einschätzung des Bauernverbandes wegen der gestiegenen Lohnkosten 30 bis 50 Cent mehr pro Kilo als noch im Vorjahr. Ob die Kunden künftig zu weiteren Preissteigerungen bereit sind, wird sich zeigen.

Mehr als 50.000 Osteuropäer arbeiten während der Spargelsaison in Niedersachsen

Kilometerlang ziehen sich in Kirchdorf die in Plastikfolie verpackten Erdwälle bis zum Horizont. Mit 480 Hektar Anbaufläche gehört Heinrich Thiermanns Betrieb zu den größten in Deutschland. Pro Saison ernten seine Arbeiter auf den Feldern 3000 Tonnen Spargel. 15 Tonnen fertig verpackter Spargel rollen am Tag per Lkw vom Hof.

Auf Thiermanns Feldern sind jedes Jahr mehr als 1400 Saisonkräfte aus Polen und Rumänien im Einsatz. Spargel wird in Deutschland überwiegend von Ausländern geerntet. In der Saison arbeiten nach Angaben des statistischen Landesamtes mehr als 50.000 Osteuropäer allein in Niedersachsen. Das ist bundesweiter Spitzenwert.

"Mindestlohn verschärft Konkurrenz unter Erntehelfern"

Etwa 1500 Arbeitsstunden braucht es, um den Spargel auf einem Hektar Land zu ernten und für den Verkauf aufzubereiten. Bei einem Durchschnittsertrag von 5000 Kilogramm pro Hektar entsteht ein fixer Personal-Kostenblock von 2,50 Euro pro Kilo, die auf dem Markt erst einmal reingeholt werden müssen. Auf dem Feld klebt Gabi-Florin Pascu ein Etikett auf seine volle Spargelkiste und schnappt sich eine leere. Ein gedruckter Barcode und seine Personalnummer identifizieren Pascus Ertrag. „Um ihr Pensum zu erfüllen, müssen die Erntehelfer pro Stunde mindestens zehn Kilo Spargel aus der Erde holen“, sagt Stefan Pohl.

Der 51-Jährige koordiniert als Betriebsleiter für Heinrich Thiermann den Einsatz der Erntehelfer. „Wer die vorgegebene Menge nicht erreicht, muss gehen“, sagt er. Der Mindestlohn habe die Konkurrenz unter den Erntehelfern verschärft und erhöhe am Ende die Preise für die Verbraucher. Da sind sich Pohl und sein Chef Thiermann einig.

Pascus Spargelkiste wird per Lastwagen auf den Hof gefahren, dort erfasst und gewogen. In der hofeigenen Produktionshalle sortieren, waschen und verpacken Hunderte Arbeiterinnen das Gemüse.

Neu: Geregelte Arbeits- und Pausenzeiten

Hier hat Alena Kordek die Oberaufsicht. Gerade ist die vorgeschriebene Pause vorbei. Lachend und schwatzend kehren die Frauen aus Osteuropa in ihren Schürzen und Haarnetzen zurück an die Arbeitsplätze. Kordek, rote Fleecejacke, blaues Haarnetz, steht vor einem Bildschirm und scannt die Personalkärtchen der Arbeiterinnen ein. Mikrut, Mroz, Jagiela – alle Namen werden von ihr erfasst. Seit der Einführung des Mindestlohns gibt es für die Arbeiter und Arbeiterinnen nicht nur einen höheren Stundenlohn, sondern auch geregelte Arbeits- und Pausenzeiten.

Für Heinrich Thiermann bedeutet das nach eigenen Angaben in erster Linie einen enormen bürokratischen Aufwand. Thiermanns Angestellte müssen alle Daten archivieren und auswerten. Das sei in der Landwirtschaft kaum leistbar, sagt er. Der Landwirt beobachtet die Entwicklung des Mindestlohns kritisch. „Wenn das so weitergeht, werden die Spargelbauern das nicht verkraften“, sagt er. Wenn die Lohnkosten weiter ansteigen, würden die Gemüseanbauer langfristig in die Heimatländer ihrer Arbeiter abwandern. „Irgendwann sind wir nicht mehr wettbewerbsfähig.“

Mindestlohn in Rumänien: 1,40 Euro

Laut der Mindestlohndatenbank der Hans-Böckler-Stiftung liegt der aktuelle Mindestlohn in Polen bei 2,55 Euro in der Stunde, in Rumänien werden sogar nur 1,40 Euro ausgezahlt. Ein Hungerlohn. Auch wenn in diesen Ländern die Lebenshaltungskosten geringer sind als hierzulande. „Steigt der Mindestlohn in Deutschland weiter, wird der Anbau dorthin gehen, wo die Arbeiter wohnen“, sagt Thiermann. Auf seinem Spargel würden dann wohl polnische und rumänische Etiketten kleben.

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