Bereits 100 neue Rezepturen

Kunde soll über Zuckergehalt entscheiden

Eine große Supermarktkette macht den Puddingtest, um über den Zuckergehalt abzustimmen. Warum der Pudding mit weniger Zucker nicht gesünder ist, und was die Märkte sonst an „Health-Washing“ betreiben.
29.01.2018, 18:48
Lesedauer: 3 Min
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Kunde soll über Zuckergehalt entscheiden
Von Florian Schwiegershausen
Kunde soll über Zuckergehalt entscheiden

Rewe macht den Puddingtest, um über den Zuckergehalt abzustimmen.

Jens Kalaene, dpa

Es soll demokratisch und transparent sein. Die Supermarktkette Rewe will ihre Kunden mitentscheiden lassen, wieviel Zucker in Zukunft im Schokoladenpudding enthalten sein sollen. Dazu verkauft das Unternehmen seit mehr als zwei Wochen einen Vierer-Pack mit dem Pudding in der bisherigen Rezeptur und dann in Abstufungen mit bis zu 40 Prozent weniger Zucker. Auf der Internetseite wenigerzucker.rewe.de können die Verbraucher noch bis zum 12. Februar eintragen, was ihnen am besten schmeckt. Dabei können sie unter anderem auch Reisen und Fahrräder gewinnen. Der ursprüngliche Pudding enthält in 100 Gramm insgesamt 14 Gramm Zucker.

Bereits 100 neue Rezepturen

Der Hintergrund: Bis 2020 will Rewe bei 50 Prozent "aller relevanten Artikel aus dem Eigenmarkensortiment" den Zucker- beziehungsweise Salz-Anteil reduzieren. Zuckerersatzstoffe sollen ebenso wenig zum Einsatz kommen. Der Rewe-Einkaufschef Hans-Jürgen Moog sagte der Fachzeitschrift "W & V", dass deshalb viele Rezepturen neu entwickelt werden müssen. Für 100 andere Produkte des Eigenmarken-Sortiments stehen die neuen, zuckerreduzierten Rezepturen bereits, wie Moog erläutert. Hier sei das Ergebnis durch interne Verkostungen entstanden statt durch aufwendige Aktionen.

Was der Ernährungsexpertin der Verbraucherzentrale Bremen, Gertraud Huisinga, dabei auffällt: Der Schokopudding mit 40 Prozent weniger Zucker habe in etwa den gleichen Nährwert, also den gleichen Kaloriengehalt. „In solchen Fällen wird anstelle des Zuckers mehr Fett als Geschmacksträger ins Lebensmittel getan. So war es auch schon bei den Light-Produkten, die in den 80er-Jahren auf den Markt kommen“, sagt Huisinga. „Kein Mensch ist dadurch gesünder geworden.“ Was Huisinga allgemein zu der Aktion sagt: „Schokoladenpudding ist jetzt nun wirklich nicht das Produkt, das ich jeden Tag zu mir nehme. Sinnvoller wäre es, wenn man eine solche Testaktion mit Müsli, Joghurt oder Milchmischgetränken macht – alles Lebensmittel, in denen viel Zucker enthalten ist.“

Eine weitere Frage, so Huisinga: "Wenn der Zucker aus den Lebensmitteln rausgenommen ist, was für Stoffe packen die Hersteller stattdessen ins Produkt?" Und bei neuen Stoffen, die im Einsatz sind, wisse man nicht genau ihre Wirkung. "Da sind am Ende womöglich die herkömmlichen Inhaltsstoffe noch besser." Den Verbrauchern rät sie daher, vor allem auf die Nährwert-Tabelle auf dem Lebensmittel zu achten, inwiefern sich da kalorienmäßig tatsächlich etwas reduziert hat. Die Ernährungsexpertin fordert ebenso wie schon andere Verbrauchschutzverbände die Lebensmittelampel. Die soll dann dem Verbraucher bessere Infos geben, wie gesund ein Produkt ist. "Es braucht eine nationale Strategie, die man nach und nach einführen sollte", so Huisinga."

Doch Rewe steht mit den Bemühungen nicht allein da. Die anderen Supermarktketten und Warenhäuser arbeiten bei ihren Eigenmarken, oder auch Handelsmarken genannt, ebenso an ihren Rezepturen. Der Fachbegriff dazu heißt „Reformulierung“ – die Änderung der Rezeptur oder Zubereitungstechnik verarbeiteter Lebensmittel. So will Lidl bis 2025 in seinen Eigenmarken 20 Prozent des Zuckergehalts reduzieren.

Die Warenhauskette Real verfolgt bereits seit 2015 eine Reformulierungsstrategie. Bis Ende 2017 sollten die Rezepturen von 150 Eigenmarken verändert werden. Real-Sprecher Frank Grüneisen sagte dem WESER-KURIER: „Bis Ende 2017 haben wir insgesamt 157 Artikel unserer Eigenmarken und selbst hergestellter Käsezubereitungen aus der Frischetheke reformuliert und damit unser selbst gestecktes Ziel sogar übererfüllt.“ So seien im Real „Quality Ketchup Kids“ inzwischen 30 Prozent weniger Zucker enthalten sowie 58 Prozent weniger Salz. Bei der „Tip Fix für Blumenkohl-Broccoli Suppe“ sind es 26 Prozent weniger Zucker und 24 Prozent weniger Salz. Was geändert wurde, erläutert Grüneisen: „Beim Ketchup beispielsweise wurde der reduzierte Zucker durch eine größere Menge an Tomaten ausgeglichen, bei den Käsezubereitungen wurde die Fettreduktion durch den Austausch von Sahne durch Joghurt erreicht.“

Keine Verbesserung durch Palmfett

Auch die großen Lebensmittelkonzerne reagieren. So will Unilever bis 2020 insgesamt in allen Produkten zusammengenommen den Zuckergehalt um 25 Prozent senken. Ernährungs-Expertin Huisinga bleibt da weiter skeptisch: „Als es darum ging, die ungesunden Transfett-Säuren in Lebensmitteln zu reduzieren, kam verstärkt Palmfett zum Einsatz. Das ist kein bisschen gesünder.“ Außerdem trägt die Palmfett-Produktion zur Zerstörung des Regenwalds bei, da verstärkt Palmen-Monokulturen angepflanzt werden auf zuvor natürlichen Flächen.

Laut Huisinga zeigen Umfragen: 80 Prozent der Verbraucher würden weniger Zucker, Fett und Salz in Lebensmitteln begrüßen. „Man gewöhnt sich an weniger“, ist sich die Expertin sicher. Das brauche aber noch Zeit. So sei derzeit der Salzgehalt in deutschem Brot höher als in anderen EU-Ländern. Anderes Beispiel: Ein Kilo Fertig-Krautsalat enthält 16 Stück Würfelzucker. Was die Hersteller aber umgehen wollen, ist eine staatliche Regulierung. Die hatte die SPD im vergangen Jahr mit einem „Anti-Zucker-Gesetz“ ins Spiel gebracht.

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