Digitale Währung Libra ist nicht zu stoppen

Die Facebook-Währung gilt als ernstzunehmender Versuch, eine globale Währung zu etablieren. Trotz anhaltender Kritik könnte sie das weltweite Finanzsystem auf den Kopf stellen.
24.10.2019, 09:46
Lesedauer: 4 Min
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Libra ist nicht zu stoppen
Von Kim Torster

Seitdem Facebook im Sommer die Pläne für die globale Kryptowährung Libra vorgestellt hat, musste der Internetkonzern viel Kritik von Datenschützern und der Politik einstecken. Zu den Hauptbedenken gehören derzeit Befürchtungen von IWF und Weltbank, Libra könnte das internationale Finanzsystem destabilisieren. In der Politik sieht man es zudem nicht gern, dass eine Währung schon bald in den Händen von privaten Unternehmen sein wird. Nicht nur Finanzminister Olaf Scholz (SPD) äußerte, dass er die neue Währung „sehr kritisch“ sehe. Auch der US-amerikanische Finanzminister Steven Mnuchin, der Vorsitzende der US-Notenbank Jerome Powell, der französische Finanzminister Bruno Le Maire und der Gouverneur der Bank of England, Mark Carney, sprachen sich gegen Libra aus.

Dabei gibt es anscheinend sogar schon Pläne, die Internetwährung zu regulieren, obwohl sie noch gar nicht verfügbar ist: In einem internen Papier des Bundesfinanzministeriums stehe laut Bild-Zeitung, dass die Bundesregierung gemeinsam mit der Bundesbank prüfe, „wie eine Etablierung als echte Alternative zur staatlichen Währung verhindert werden kann“.

Erste Partner abgesprungen

Der massive Widerstand löste nun offenbar auch Bedenken im Kreis der Libra-Partner aus. Anfang Oktober zog sich der Online-Bezahldienst Paypal aus dem Projekt zurück, Mitte Oktober folgten die Finanzdienste Mastercard und Visa, die Internet-Handelsplattform Ebay und der Bezahl-Dienstleister Stripe.

Das vorzeitige Ende der Digitalwährung bedeuten diese Rückschläge aber wohl nicht. Die Einführung von Libra ist nach wie vor für das erste Quartal im kommenden Jahr geplant. Der Ökonom und Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) Henning Vöpel glaubt, von Libra sei Großes zu erwarten. Die Idee von einer globalen Währung gebe es schließlich schon seit vielen Jahren. „Ich halte das für eine sehr interessante Innovation und ich wäre vorsichtig, die jetzt schon zu stark regulatorisch zu beschneiden“, sagt Vöpel.

Sicherlich habe es auch Nachteile, dass eine Plattform wie Facebook hinter dem Projekt stehe. Vorteilhaft sei daran aber, dass sich eine globale Währung über Dienste wie Facebook, Instagram und Whatsapp wahrscheinlich gut integrieren lasse.

Eine entwicklungspolitische Frage

Vöpel ruft zudem dazu auf, Libra einmal aus einer anderen Perspektive zu betrachten: „Für uns ist es selbstverständlich, dass wir einfach und günstig Überweisungen tätigen können. Es gibt aber auch viele Länder, in denen das schwierig und sehr teuer ist.“ Libra könnte diesen Ländern erstmals ein funktionierendes Finanzsystem bieten. „Das ist am Ende auch eine entwicklungspolitische Frage“, sagt Vöpel.

Wie wahrscheinlich es ist, dass Libra Einfluss auf das Finanzsystem nimmt, sei derzeit noch schwierig abzuschätzen, sagt Vöpel. Eigentlich ist Libra zunächst als reines Überweisungssystem geplant. Sollten darüber hinaus aber auch irgendwann Kredite über Libra vergeben werden, müsste mehr Libra geschaffen werden.

Nach dem derzeitigen System der Währung gehe das nur, indem Libra im großen Stil Staatsanleihen und Währungen an- und verkaufen würde. „Damit wäre Libra eine ähnliche Institution wie eine Zentralbank, die aber nicht staatlich verankert ist“, sagt Vöpel. Libra habe dann durchaus Chancen, zur größten Zentralbank der Welt aufzusteigen.

Es ist nicht klar, unter welche Bankaufsicht Libra fällt

Ganz ohne staatliche Regulierung wird aber auch Libra nicht auf ewig auskommen. Sobald Libra über das Überweisungssystem hinaus agieren wolle, würde eine Banklizenz notwendig, sagt Vöpel. Die wiederum muss von einer Regulierungsbehörde erteilt werden. Das könnte allerdings erst einmal schwierig werden, denn Libra agiert global und globale Gesetzgebungen gebe es bisher nicht. „Es stellt sich die Frage, unter welche Bankenaufsicht Libra eigentlich fällt“, sagt Vöpel. Insofern könnte Libra langfristig also auch Auswirkungen auf die Organisation eines globalen Finanzsystems haben.

Wann das so weit ist, sei jetzt noch nicht abzuschätzen, sagt Vöpel. Der Ökonom rechnet allerdings damit, dass es schneller gehen könnte, als derzeit erwartet wird. „Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese Währung leicht Akzeptanz findet, weil die Leute sich ja ohnehin auf Facebook und Whatsapp aufhalten“, sagt Vöpel. Libra zu nutzen, könnte somit für viele Menschen einfach naheliegend sein.

Und dennoch: Allein die technischen Voraussetzungen zu erfüllen reiche nicht aus, sagt Vöpel. Ohne Vertrauen der Menschen in die neue Währung ginge es nicht.

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Zur Sache

Über Libra

Libra ist ein digitales Zahlungsmittel, das Anfang 2020 auf den Markt kommen soll. Mit Libra sollen Menschen auf der ganzen Welt online bezahlen oder Geld an Freunde oder Verwandte schicken können. Dafür wird die jeweilige Landeswährung in Libra umgetauscht. Libra wird dafür in einer Art virtuellen Geldbeutel – einem sogenannten Wallet namens Calibra – gespeichert. Anders als andere Kryptowährungen wie Bitcoin, ist Libra durch Staatsanleihen und verschiedene Fiatwährungen abgesichert. So sollen starke Kursschwankungen und Wertverluste wie bei Bitcoin ganz vermieden werden. Das Symbol der Währung sind drei übereinander stehende Wellen. Libra wird mit LBR abgekürzt.

Libra wird häufig als „Facebook-Währung“ bezeichnet, denn Facebook ist für die Entwicklung der Blockchain-Technologie (also der Datenbank) verantwortlich, die Libra erst möglich macht. Auch das Wallet Calibra wurde von Facebook entwickelt. Zudem ist davon auszugehen, dass die Zahlungsmöglichkeit zunächst auf diversen Facebook-Plattformen wie Instagram oder Whatsapp verfügbar sein wird.

Betrieben wird die Währung offiziell von einer eigens gegründeten Nichtregierungsorganisation (NGO) namens Libra Association, zu der, neben Facebook, derzeit 20 weitere Unternehmen gehören. Diese Partner haben künftig die Aufgabe, die Währung zu verwalten, zu regulieren und technisch zu unterstützen. Derzeit sucht Facebook nach weiteren Mitgliedern.

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