Unverlangte Amazon-Pakete

Lieferung ohne Auftrag

Händler des Amazon-Marketplaces verschicken Handyhüllen und Smartphones auch, wenn die Artikel nicht bestellt wurden. Eine Rechnung bekamen die Verbraucher hierfür aber nicht.
20.02.2019, 20:44
Lesedauer: 4 Min
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Von Aljoscha-Marcello Dohme
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Bei einem Mann aus Solingen kamen binnen eines Jahres elf Pakete von Amazon an, die er allesamt nicht bestellt hatte.

Rolf Vennenbernd /dpa

Tagtäglich werden unzählige Bestellungen bei Amazon aufgegeben, die anschließend sehnsüchtig erwartet werden. Manche Kunden erhalten allerdings Pakete, die sie gar nicht bestellt haben. „Bei uns hat sich ein Verbraucher gemeldet, der ein ziemlich krasses Erlebnis mit einem Amazon-Paket hatte“, sagt Georg Tryba, Sprecher der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen.

„In seinem Paket lag ein Handy im Wert von 200 Euro.“ Der Mann hat das Smartphone weder selbst bestellt noch von Familie oder Freunden geschenkt bekommen. Die Ware sei zwar in einem Paket von Amazon verschickt worden, weil es aber weder eine Rechnung noch einen Hinweis auf den Absender gab, sei der Mann alles andere als erfreut gewesen. Nach der Verwunderung über das Paket habe er sich deshalb Sorgen gemacht, dass er das Handy nun bezahlen müsse.

„Dieser Fall hat uns dazu veranlasst, uns etwas genauer mit dem Thema zu beschäftigen“, sagt Tryba. Dabei stellten sie fest, dass es sich dabei nicht um einen Einzelfall handelt, sondern dass zurzeit viele Menschen unverlangt Pakete von Amazon bekommen. „Wenn man sich im Internet umschaut, gibt es reichlich Verbraucher, die sich in Foren oder bei Bloggern zu Wort melden und berichten, was sie bekommen und nicht bestellt haben“, sagt Tryba. Vielfach sei man dabei auf Waren mit geringfügigem Wert gestoßen, wie etwa Handyhüllen. Aber auch wertvollere Gegenstände wie Ferngläser oder Überwachungskameras seien dabei gewesen.

Bei ihren Nachforschungen ist die Verbraucherzentrale nicht nur auf zahlreiche weitere Fälle gestoßen, sondern hat zudem herausgefunden, dass die Pakete gar nicht von Amazon selbst kommen. Verschickt wird die Ware von Händlern, die über den Marketplace des Onlinehandels ihre Produkte vertreiben.

Elf unverlangte Pakete in einem Jahr

Auch wenn der Erhalt solcher Pakete so manchen freuen dürfte, gibt es auch Menschen, die sich über die Zusendungen ärgern. Vor dem Amtsgericht in Solingen hat ein Betroffener, der binnen eines Jahres elf Pakete bekommen hat, die Zusendungen per einstweiliger Verfügung unterbinden wollen. Erfolgreich war er damit allerdings nicht. „Bei einer einstweiligen Verfügung handelt es sich um ein Dringlichkeitsverfahren. Diese Dringlichkeit hat die zuständige Richterin jedoch nicht gesehen“, sagt Markus Asperger, Sprecher des Amtsgerichtes Solingen. Weil es zumutbar sei, die Pakete zu erhalten, könne der Antragsteller eine Unterlassungsklage einreichen, die jedoch deutlich langwieriger sei.

Bei der Verbraucherzentrale in Bremen gibt es bisher weder Meldungen aus der Hansestadt noch aus dem Umland, dass unaufgefordert Pakete ins Haus gekommen seien. „Unbestellte Ware von Amazon ist bei uns in der Verbraucherrechtsberatung aktuell kein Thema“, sagt Gerrit Cegielka, Jurist bei der Verbraucherzentrale in Bremen.

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Warum die Händler so verfahren, ist nicht bekannt. Es kursieren allerdings zwei Vermutungen. Denkbar sei, dass Händler aus Fernost bei Amazon Lagerflächen gemietet haben. „Und das ist teuer. Wenn die Händler die Ware wahllos verschicken, können sie nicht verkaufte Artikel auf diesem Wege kostengünstig entsorgen“, sagt Tryba. Das sei billiger, als wenn die Waren von Amazon verschrottet oder nach Asien zurückgeschickt würden.

Adressen kommen nicht von Amazon

Alternativ sei vorstellbar, dass auf die Namen der betroffenen Kunden ein zweiter Account bei Amazon eröffnet werde. „Darüber wickeln die Händler Scheinverkäufe ab, sodass sie ihren Shop oder das Produkt selbst positiv bewerten können“, sagt Tryba. Dadurch würden die Produkte etwa im Verkaufsranking bei Amazon steigen und damit auch prominenter auf der Seite angezeigt. Davon könnten sich die Verkäufer höhere Einnahmen versprechen. „Allerdings passt diese Theorie nicht zu teuren Artikeln. Da rechnet sich das bestimmt nicht. Die Spekulationen schießen da ins Kraut, weil Amazon sich nicht zu den Hintergründen äußert“, sagt Tryba.

Auch auf Nachfrage des WESER-KURIER hält sich der Konzern bedeckt. „Wir gehen jedem Hinweis von Kunden nach, die unaufgefordert ein Paket erhalten haben, da dies gegen unsere Richtlinien verstößt. Verkäufer haben in diesem Zusammenhang weder Namen noch Adressen von Amazon erhalten“, versichert ein Amazon-Sprecher. An Adressen zu kommen, ist in der heutigen Zeit allerdings kein Problem mehr: „Die werden für wenig Geld verkauft oder stehen in öffentlichen Verzeichnissen“, sagt Tryba.

Wer unverlangt Pakete versendet, muss laut Amazon mit Konsequenzen rechnen. „Verkäufer, die gegen unsere Richtlinien verstoßen, werden gesperrt, die Zahlungen werden zurückgehalten, und wir leiten entsprechende rechtliche Schritte ein“, teilt der Unternehmenssprecher weiter mit. Insgesamt handele es sich aber um Einzelfälle, wie er betont.

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Wer ein unbestelltes Paket bekommt, hat drei Möglichkeiten: „Man kann die Ware benutzen, sie verschenken oder entsorgen. Da passiert einem gar nichts“, sagt Tryba. Was man nicht bestellt habe, müsse man auch nicht bezahlen. Sollte es in dem Paket doch einen Hinweis auf den Absender geben, müsse dieser nicht kontaktiert werden. „Problematisch könnte es aber werden, wenn Paketinhalte weiterverkauft werden, da man juristisch nur Besitzer, nicht aber der Eigentümer der Ware ist“, sagt Cegielka.

Wer unverlangt ein Paket bekommt, muss nicht zwingend von einem Marketplace-Verkäufer bedacht worden sein. Um Datendiebstahl ausschließen zu können, rät Tryba, im eigenen Amazon-Kundenkonto nachzusehen. Ist die Bestellung dort nicht gelistet, wird es sich womöglich um eine harmlose Lieferung vom Marketplace handeln. In jedem Fall sei es ratsam, Amazon zu kontaktieren.

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