Im Einzelhandel ist die Zahl der Stellen stark gestiegen / Meist arbeiten Frauen in Teilzeit oder in Minijobs

Mehr Jobs, weniger Vollzeitstellen

Bremen. Eigentlich sind es gute Nachrichten, die Ingo Schierenbeck zu vermelden hat. „Seit 2007 hat die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse im Einzelhandel um 2800 Stellen zugenommen“, sagt der Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Bremen.
03.08.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Mehr Jobs, weniger Vollzeitstellen
Von Alexandra Knief

Bremen. Eigentlich sind es gute Nachrichten, die Ingo Schierenbeck zu vermelden hat. „Seit 2007 hat die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsverhältnisse im Einzelhandel um 2800 Stellen zugenommen“, sagt der Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Bremen. „Das ist ein Anstieg von 16 Prozent, was deutlich über dem Branchendurchschnitt von elf Prozent liegt.“ Der Anstieg resultiere in Bremen vor allem aus der Eröffnung der Waterfront mit 44 000 Quadratmetern neuer Verkaufsfläche im Jahr 2008. In Bremerhaven sei der Stellenzuwachs vor allem auf eine wachsende Zahl an Discountern zurückzuführen.

Glücklich stimmen Schierenbeck diese Zahlen allerdings nicht, denn trotz Anstieg der Arbeitsplätze ist die Zahl der Vollzeitstellen in der Branche zurückgegangen – eine Entwicklung, die die Arbeitnehmerkammer und den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) mit großer Sorge in die Zukunft blicken lässt. Um auf Missstände hinzuweisen, haben DGB und Kammer aktuelle Zahlen zur Beschäftigung im Einzelhandel nun in einer Studie zusammengefasst.

Mit mehr als 20 000 Beschäftigten ist der Einzelhandel die viertgrößte Beschäftigungsbranche in Bremen. Gerade Frauen sind laut der Studie vom Rückgang der Vollzeitbeschäftigungen im Einzelhandel betroffen. Sie machen mit 71 Prozent den größten Teil der Arbeitnehmer in dieser Branche aus. „Jede zehnte Frau, die in Bremen sozialversicherungspflichtig beschäftigt ist, arbeitet im Einzelhandel. In Bremerhaven sogar jede achte“, sagt Schierenbeck. Mehr als 900 Vollzeit-Arbeitsplätze seien in den vergangenen Jahren abgebaut worden. „Inzwischen hat nur noch gut jede vierte Frau ein Vollzeitarbeitsverhältnis“, betont Schierenbeck. Der Rest arbeite in Teilzeit oder in einem Minijob und verfüge damit über ein Gehalt, das in der Regel nicht existenzsichernd sei. „Der Einzelhandel entwickelt sich aus unserer Sicht zu einer Zuverdienst-Branche“, so der Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer. Viele kämen nur durch weiteres Einkommen des Partners oder mit einem Zweitjob zurecht.

Grund für diese Entwicklung ist aus Sicht der Gewerkschaften und der Kammer der steigende Wettbewerbsdruck in der Branche. Dieser resultiere zum einen aus der wachsenden Bedeutung des Online-Handels. Aber auch die Lockerung der Ladenschlusszeiten sowie Bremens Ansiedlungspolitik führten zu Kostendruck und einer zunehmenden Tarifflucht.

Um im Wettbewerb mithalten zu können, setzen laut Arbeitnehmerkammer immer mehr Einzelhändler auf eine möglichst schlanke, flexible und kostengünstige Personalstruktur. Um Ausfälle dabei besser kompensieren zu können, würden Vollzeitstellen zunehmend durch Teilzeitplätze ersetzt. Während die Quote der Vollzeitbeschäftigten im Elektronikhandel oder im „Einzelhandel mit sonstigen Haushaltsgeräten“ mit 70 beziehungsweise 50 Prozent noch relativ hoch sei, gibt es in Supermärkten und bei Discountern immer weniger Vollzeitstellen. Dieser Geschäftsbereich ist auch am stärksten von der Lockerung des Ladenschlussgesetzes betroffen.

Bis 2006 durften Geschäfte bundesweit nur montags bis sonnabends von sechs bis 20 Uhr geöffnet haben. Heute entscheiden die Länder selbst darüber. In Bremen gilt seit 2007 wie in vielen anderen Bundesländern die Regelung, dass Geschäfte montags bis sonnabends rund um die Uhr geöffnet haben dürfen. In Bayern und dem Saarland hingegen gibt es weiterhin eine Begrenzung auf 20 Uhr, in Sachsen und Rheinland-Pfalz müssen die Läden um 22 Uhr schließen. „Auch in Bremen müssen die Öffnungszeiten auf 22 Uhr beschränkt werden. In anderen Bundesländern funktioniert das schließlich auch“, sagt Annette Düring, Vorsitzende des DGB Bremen-Elbe-Weser.

Auch Susanne Meister, Betriebsratschefin bei Real in Bremen, würde frühere Schließungszeiten begrüßen, alleine um die Gesundheit und das Wohlbefinden der Beschäftigten zu fördern. „Die langen Arbeitszeiten auch am Wochenende machen viele private Beziehungen kaputt“, sagt sie. Oft bleibe keine Zeit oder Kraft, sich spätabends nach der Arbeit noch mit Freunden zu treffen.

Neben beschränkten Öffnungszeiten fordert der DGB, Tarifverträge für allgemeinverbindlich zu erklären. Nur so können laut Düring gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle geschaffen und Tarifflucht, die in Dumpinglöhnen endet, vermieden werden. „Ansonsten wird der zunehmende Wettbewerbsdruck weiter auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen“, sagt die DGB-Vorsitzende.

Hans-Joachim Rambow, Geschäftsführer des Handelsverbandes Bremen-Niedersachsen, hält die Forderungen von DGB und Kammer nur bedingt für sinnvoll. Allgemeinverbindliche Tarifverträge könnten zwar dazu beitragen, Wettbewerbsungleichheiten zu verhindern, die rechtlichen Voraussetzungen dafür seien aktuell aber nicht gegeben. Eine Beschränkung des Ladenschlusses auf 22 Uhr hält er für nicht zeitgemäß. „Wir haben das Internet, das 24 Stunden geöffnet hat“, sagt er. Da müsse auch der Einzelhandel irgendwie mithalten. Trotzdem habe ein Großteil der Geschäfte in Bremen spätestens ab 22 Uhr geschlossen – auf freiwilliger Basis und ohne gesetzliche Beschränkung, weshalb eine gesetzliche Regelung in seinen Augen nicht notwendig ist.

Außerdem vergesse die Kammer in ihrer Kritik einen weiteren Aspekt: „Viele Angestellte im Einzelhandel können oder wollen nur in Teilzeit arbeiten“, sagt er. Der Bedarf an Teilzeitstellen sei also sowohl auf Arbeitgeber- als auch auf Arbeitnehmerseite groß, weshalb die aktuellen Entwicklungen nicht nur negativ gesehen werden sollten.

„Der Einzelhandel entwickelt sich zu einer Zuverdienst-Branche.“ Ingo Schierenbeck, Arbeitnehmerkammer
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