Forscher des HWWI entwickeln Ideen

Mehr Nachhaltigkeit für Bremens Wirtschaft

Wie geht es für Bremens Wirtschaft nach dem Schock durch Corona weiter? Forscher des HWWI schlagen einen nachhaltigen Wachstumspfad vor – damit Klimaziele auch erreicht werden.
04.08.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Lisa Boekhoff
Mehr Nachhaltigkeit für Bremens Wirtschaft

Mehr Nähe von Wohnort und Arbeitsplatz, mehr erneuerbare Energien: Vier Handlungsfelder haben die Forscher ausgemacht.

Carmen Jaspersen/dpa

Warum hat Bremen seine Klimaziele zur Reduzierung von CO2 bisher nicht erreicht? Das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) ist dieser Frage nachgegangen. Doch der Rückblick dient viel mehr einem Ausblick, um in dieser Ausnahmesituation Impulse für das Bundesland zu setzen. Denn in der Krise könne "paradoxerweise" eine Chance stecken – fürs Ankurbeln der Wirtschaft in Bremen und zugleich mehr Nachhaltigkeit. Die Autoren des HWWI, Mirko Kruse und Jan Wedemeier, verstehen ihr Papier als Beitrag zur Debatte nach dem "Schock" durch Corona vor dem Hintergrund milliardenschwerer Konjunkturprogramme.

Alte Ziele

Zunächst ziehen Kruse und Wedemeier für Bremen Bilanz: Im Vergleich zu 1990 sollte das Bundesland 40 Prozent weniger CO2-Emissionen bis 2020 erreichen. Dieses Ziel werde jedoch deutlich verfehlt mit einer Reduktion von voraussichtlich 16 bis 20 Prozent. Durch den Koalitionsvertrag von SPD, Linken und Grünen zöge sich darum das "Bestreben nach einer nachhaltigen Politik wie ein grüner Faden". Wie das HHWI schreibt, wird in diesem Jahr in keinem der Sektoren das Ziel des Bremischen Klimaschutz- und Energiegesetzes (KEP) erreicht. Die Bürgerschaft habe den "Mangel an kohärenten und zielgerichteten Politikstrategien erkannt" und deshalb die Enquête-Kommission eingesetzt.

Warum gibt es die Differenz? Joachim Lohse, bis 2019 Umweltsenator, habe begründet, dass die Zielwerte ambitioniert gewählt worden seien, zitieren die Autoren ein Interview im WESER-KURIER. Dieses Argument sei insofern gültig, als dass selbst die Umsetzung aller Maßnahmen nicht für das Ziel gereicht hätte. Bremens Wirtschaftswachstum seien laut Lohse zudem stärker ausgefallen, als 2009 mitten in der Finanz- und Wirtschaftskrise erwartet. Ebenso habe es einen Anstieg der Bevölkerung gegeben.

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Kruse und Wedemeier reicht das als Erklärung nicht aus. Die beiden schauen sich deshalb in ihrem Papier die Sektoren genauer an und entwickeln anschließend Empfehlungen für vier Handlungsfelder. Mechthild Schrooten, Wirtschaftswissenschaftlerin an der Hochschule Bremen, stützt den Debattenbeitrag: "Es ist gut, Nachhaltigkeitsziele und Investitionen zu verbinden. Dazu gibt es viele Ansätze in dem Papier." Schrooten sieht am Standort einen Vorsprung, weil man hier längst erkannt habe, "dass Nachhaltigkeit nicht nur ökologische und ökonomische Aspekte, sondern auch eine gesellschaftliche Komponente umfasst".

Der größte Verursacher von CO2 wird dabei in der Rechnung wegen seiner überregionalen Bedeutung nicht einbezogen: das Stahlwerk von Arcelor-Mittal. Die Hütte ist derzeit für rund 60 Prozent der Emissionen verantwortlich. Auch die Abfallverbrennung in Bremen, die stark zugenommen hat, trägt mit 10,4 Prozent ebenfalls viel zum Ausstoß bei. Müll aus anderen Regionen wird hier verarbeitet. Sollte die Abfallverbrennung darum auch rausgerechnet werden? Das regt das Papier an. Das Umweltressort halte sich beim Vergleich derzeit "sklavisch" an die Vorgehensweise in der Vergangenheit, sagt Staatsrat Ronny Meyer dazu, selbst wenn auf dem Papier eine Verbesserung damit verbunden wäre: "Wir wollen uns keine Taschenspielertricks vorwerfen lassen."

In diesem Jahr dürfte Corona auf die Bilanz einen Effekt haben. Schließlich stand wegen der Pandemie in Betrieben die Produktion ganz still. Weniger Menschen pendelten zur Arbeit. "Das hat einen extremen Einfluss auf die CO2-Emissionen", sagt Staatsrat Meyer. Allerdings gebe es zwei widerstrebende Kräfte: Wenn die Energiepreise fielen, seien Effizienzmaßnahmen und Energiesparen weniger reizvoll. Wie groß der Effekt ausfällt? Das lässt sich mit einer Verzögerung von drei Jahren sagen, wenn die Zahlen genau vorliegen.

Neue Ziele

Das Umweltressort und die Enquête-Kommission beschäftigen sich derweil parallel mit der Frage: Wie stark müssen die Emissionen bis 2030 zurückgehen? Das Ressort hat dazu eine Studie in Auftrag gegeben. Staatsrat Meyer hält bei den geplanten Konjunkturprogrammen eins ebenfalls für unabdingbar: „Es ist wichtig, dass die Projekte zum Klimaschutz beitragen und nicht dagegen laufen.“ Deshalb sei es richtig, dass es keine Abwrackprämie gebe, wie die Industrie sie gefordert hatte.

"Wir wissen, dass die Bremer Wirtschaft sowohl besonders energieintensiv ist, als auch in hohem Maße Dinge produziert, die viel CO2 ausstoßen", sagt Kristin Viezens, Sprecherin des Wirtschaftsressorts, ob nun Flugzeuge, Autos oder Schiffe. Bremen stehe deshalb vor großen Herausforderungen bei der Energiewende. Das Ressort begleite darum schon lange Projekte wie das Wasserstoffvorhaben bei Arcelor-Mittal oder das Forschungs- und Technologiezentrum Ecomat.

Im Koalitionsvertrag ist ein neues Ziel genannt: Das Klimaschutzabkommen von Paris bedeute für Bremen eine Reduktion der Emissionen um 80 Prozent. Während das Papier entstand, habe es eine "Nachhilfestunde" mit zwei Klimawissenschaftlern gegeben, erinnert sich Staatsrat Meyer. Die rechneten den Bremer Politikern vor, dass Deutschland 2030 sein Budget an Emissionen aufgebraucht habe, wenn es wie bisher weitergehe. Es drohe eine stärkere Erwärmung als angesetzt. "Das will keiner. Das bedeutet, dass wir uns sehr dramatisch umstellen müssen. Je länger wir warten, desto schwieriger wird."

Zur Sache

Wirtschaftssektoren: Die Autoren empfehlen eine Strategie dazu, welche Spezialisierungscluster und Innovationsexzellenzen zukünftig die Wirtschaftsstruktur des Landes prägen sollen. Die Politik könne eine Spezialisierung durch eine „entsprechende Ansiedlungspolitik“ forcieren. Eine weitere Idee: Lässt sich industrielle Fertigung in die Hafennähe verlagern durch entsprechende Gewerbegebiete? Das verkürze Transportwege und sei positiv auch für die Häfen. Model sei hier das „Grüne Gewerbegebiet“ in Bremerhaven.

Energie: Seit 20 Jahren gibt es in Bremen laut Kruse/Wedemeier keinen deutlichen Trend weg von fossilen Energieträgern. Die Autoren plädieren einerseits für mehr Fernwärme mit Energie aus der Verbrennung von Abfall. Zudem seien auch bei der Stromerzeugung die Emissionen gestiegen. Für Wärme- und Stromerzeugung ließe sich stärker auf erneuerbare Energien setzen: Die neue Pflicht für Solaranlagen bei Neubauten könnten Förderprogramme des Landes flankieren und Bremen sich als „solar city“ profilieren. „Dachflächen öffentlicher Gebäude wären als Optionen für entsprechende Anlagen zu prüfen, um auf diese Weise einen Vorbildeffekt auch für gewerbliche Nutzer größerer Fabrik- und Lagerhallen zu setzen.“

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Mobilität: Der Straßenverkehr hat mit 20 Prozent hohen Anteil an den Emissionen in Bremen. Zentral sei, mehr Fracht von der Straße auf die Schiene zu bringen. Außerdem liege Bremen beim ÖPNV im Vergleich hinten. Naheliegend sei hier, das Streckennetz auszuweiten, die Kapazitäten zu erhöhen und neue Ticketinstrumente einzusetzen. Die Autoren fordern auch, mehr alternative Antriebe zu nutzen: „Auf Ebene der städtischen Unternehmen und der Verwaltung wäre beispielsweise darauf hinzusteuern, zunehmend Autos mit Elektroantrieb anzuschaffen und die entsprechenden Ladeinfrastrukturen aufzubauen.“ Die Elektrifizierung der Busflotte der BSAG müsse vorangetrieben werden.

Trotz Förderzusage habe Bremen sich gegen die Anschaffung von E-Bussen entschieden. Auch die Erprobung etwa von Wasserstofffahrzeugen sei sinnvoll: „Die wirtschaftsstrukturellen Branchen Bremens mit einem hohen Anteil an Kraftfahrzeugfertigung, Zulieferindustrie, Logistik und Forschung (zum Beispiel zu autonomen Fahren an der Universität Bremen) wären prädestiniert, um entsprechende Pilotprojekte und Reallabore am Standort Bremen und Bremerhaven zu etablieren.“ Stadtentwicklung: Generell könne eine nachhaltige Stadtentwicklung Auswirkungen auf Mobilität und Energie haben: Die gezielte Entwicklung und Nachverdichtung von Wohngebieten in der Nähe von Arbeitsorten in Bremen könne das tägliche Verkehrsaufkommen deutlich reduzieren.

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