Hamburg soll Drehkreuz werden / Immer mehr Fahrgäste in Bremen Mit dem Fernbus an die Nordsee

Hamburg·Bremen. Der einst so triste Hamburger ZOB, direkt am Hauptbahnhof, ansonsten eher in grau gehalten, ist mittlerweile grell: Hellgrüne Busse der Firma Flixbus besiedeln den zentralen Ort des Hamburger Fernbusverkehrs. Seit im Jahr 2013 der Fernverkehr liberalisiert wurde, hat sich auf dem Fernbusmarkt viel getan.
22.04.2016, 00:00
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Hamburg·Bremen. Der einst so triste Hamburger ZOB, direkt am Hauptbahnhof, ansonsten eher in grau gehalten, ist mittlerweile grell: Hellgrüne Busse der Firma Flixbus besiedeln den zentralen Ort des Hamburger Fernbusverkehrs. Seit im Jahr 2013 der Fernverkehr liberalisiert wurde, hat sich auf dem Fernbusmarkt viel getan.

Flixbus ist ein Zusammenschluss des gleichnamigen Unternehmens mit Mein Fernbus. Flixbus wurde 2011 gegründet, Mein Fernbus ein Jahr später. Im Januar 2015 haben sich die beiden Firmen zusammengetan und erobern seitdem den deutschen Markt: Der Anteil liegt nach Unternehmensangaben deutschlandweit bei 71 Prozent.

Flixbus setzt vor allem auf günstige Preise, die Strecke Hamburg-Berlin kann ab 7,90 Euro gefahren werden. Und das Unternehmen expandiert weiter – deutschland- und europaweit. So ist Paris im Portfolio, von Mai an sollen von Hamburg aus die Nordsee-Destinationen Sylt und St. Peter Ording angesteuert werden – vorausgesetzt, die noch benötigten Genehmigungen werden erteilt. „Wir gehen aber davon aus, dass wir diese Genehmigungen bekommen“, sagt Unternehmenssprecher Gregor Hintz. Mit den beiden neuen Zielen an der Nordsee werde Hamburg in seiner Rolle als Drehkreuz weiter ausgebaut.

Geht dieser Ausbau nun zulasten Bremens? Hintz verneint. Im Gegenteil: Nach seinen Angaben profitiere die Hansestadt am Ende sogar. Das Fernbus-Unternehmen würde darauf achten, dass Verbindungen untereinander kompatibel sind. Weil die Strecke Bremen-Hamburg mehrfach am Tag bedient wird, könnten die Nordsee-Ziele auch bequem von Bremen aus angesteuert werden. Insgesamt 14 Linien führen derzeit über Bremen, täglich gibt es im Schnitt 78 An- und Abfahrten. Laut Hintz ist diese Zahl im Vergleich zum Vorjahr konstant geblieben, das soll sich auch mit dem Sommerfahrplan nicht ändern. Den Plan, Bremen künftig seltener anzusteuern, gibt es nach seinen Angaben jedenfalls nicht. „Es läuft gut für uns in Bremen“, sagt er.

Zahlen der Bremer Touristik-Zentrale stützen diese Aussage: Im vergangenen Jahr wurden 1000 Menschen befragt, wie sie in die Hansestadt gekommen sind. Ein Zehntel der Befragten gaben an, die Stadt mit dem Bus zu besuchen. Zum Vergleich: 2014 waren es noch acht Prozent.

Zu diesem Wachstum haben auch die anderen Fernbus-Unternehmen beigetragen. So wird Bremen unter anderem vom zur Deutschen Post zugehörigen Postbus angesteuert. Auch das Unternehmen Berlin-Linien-Bus ist seit 2015 wieder in Bremen präsent: Zunächst ging es zweimal täglich von und nach Berlin, seit dem Frühjahr gibt es eine neue Verbindung über Hamburg nach Rostock. „Mit der Nachfrage sind wir sehr zufrieden“, sagt Unternehmenssprecher Florian Rabe. Nach seinen Angaben wird Bremen mittlerweile zehnmal täglich angesteuert. „Und wir wollen weiter wachsen.“ Ob von diesem Wachstum auch Bremen profitiert, wollte er allerdings noch nicht verraten.

Auf so viele Ziele wie Hamburg kommt Bremen indes nicht. Von Hamburg aus können laut Flixbus-Sprecher Hintz allein mit seinem Unternehmen 400 Orte erreicht werden. 700 hat Flixbus insgesamt im Angebot, davon 270 im europäische Ausland. Gut 1000 Busse werden von mehr als 4500 Fahrern gesteuert, allein im vergangenen Jahr nutzten 20 Millionen Fahrgäste nach Unternehmensangaben das Angebot.

„Wenn hier ein Monopol droht, wäre es schwierig“, sagt der verkehrspolitische Sprecher der Hamburger Grünen-Fraktion, Martin Bill. Momentan sei Flixbus zwar Platzhirsch, doch es sei noch ausreichend Wettbewerb vorhanden. So gibt es die IC-Busse der Deutschen Bahn, den Berlin-Linien- oder den Postbus auf dem Sektor der Fernbusreisen. Allerdings sind in der Vergangenheit auch schon viele Wettbewerber vom Markt verschwunden.

„Die Liberalisierung des Marktes 2013 mit dem Wegfall des Bahnprivileges bei Reisen ab 50 Kilometern war im Grunde konsequent, da die Bahn ja auch ein Privatunternehmen ist“, sagt Bill. Auch sein Kollege von der CDU, Dennis Thering, sagt: „Wir begrüßen die Deregulierung des Marktes.“ Flixbus operiert mit einem flexiblen Preissystem. Abhängig von der Vorausbuchungsfrist und der Belegung des spezifischen Busses ändert sich der Preis. Wer früher bucht, erhält auch günstigere Preise.

Aber auch bei den grünen Bussen ist die Entwicklung nicht nur positiv. So müsse man bei der starken Frequenz und 80 000 Verbindungen täglich von Mein Fernbus/Flixbus darauf achten, dass die Lenk- und Ruhezeiten eingehalten werden, sagt Bill. „Was die Arbeits- und Sozialbedingungen anbelangt, haben die Unternehmen für Fernbusreisen noch Luft nach oben“, sagt auch der verkehrspolitische Sprecher der SPD-Bürgerschaftsfraktion Ole Thorben Buschhüter. Um niedrige Preise anbieten zu können, müsse an den Kosten gespart werden, insbesondere an den Personalkosten.

Flixbus räumt ein, mit 250 Partnerunternehmen zusammenzuarbeiten. Verträge würden immer für die jeweilige Region gelten. „Damit wird Tarifrecht ausgehöhlt“, sagt die Sprecherin des Fachbereichs Verkehr von Verdi Hamburg, Anne Quiring. In einigen Regionen verdienen die Fahrer somit kaum über dem Mindestlohn.

Der Sprecher für öffentliche Unternehmen der Hamburger Linken-Fraktion, Norbert Hackbusch, schwärmt zwar von „skurrilen, billigen Bussen“ und sieht „einen Hauch von Weltflair“ am Hamburger ZOB. Er sagt aber auch: „Die Bahn ist ökologisch immer besser als der Busverkehr.“ Der Grüne Bill macht auf einen weiteren kritischen Punkt aufmerksam: „Die Verkehrsministerkonferenz der Länder hat eine Mautpflicht für Fernbusse gefordert.“ Doch Bundesverkehrsminister Dobrindt wehrt sich dagegen. Bill: „Die Busunternehmen bekommen somit die Infrastruktur komplett umsonst, was ein Wettbewerbsnachteil für die Bahn ist, die hierfür selber aufkommen muss.“ Man könne also von versteckten Subventionen sprechen.

„Wenn hier ein Monopol droht, wäre es schwierig.“ Martin Bill, Hamburger Grünen-Fraktion
„Es läuft gut für uns in Bremen.“ Gregor Hintz, Mein Fernbus/Flixbus
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