Streamingdienst Nach Aktien-Einbruch: Netflix greift bei geteilten Nutzerkonten durch

Der Streaming-Boom in der Pandemie machte Netflix zum Krisengewinner, nun steckt das Unternehmen selbst in der Krise. Erstmals seit 2011 sinken die Nutzerzahlen. Geteilte Nutzerkonten sind ein Grund dafür.
20.04.2022, 17:50
Lesedauer: 3 Min
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Von dpa

Netflix will angesichts sinkender Kundenzahlen härter bei Nutzerinnen und Nutzern durchgreifen, die ihre Zugangsdaten teilen. Um das Wachstum wieder in Gang zu bringen, könnte Netflix in Zukunft sogar an einem seiner größten Tabus rütteln und ein günstigeres Streaming-Abo mit zwischengeschalteten Werbe-Clips einführen. So etwas gab es bei Netflix noch nie – Vorstandschef Reed Hastings hatte bislang wenig dafür übrig. Ohne konkrete Pläne vorzustellen, zeigte er sich nun plötzlich doch offen und erklärte, dass ein durch Werbung unterstütztes Angebot „viel Sinn“ machen könnte. Netflix wolle in den nächsten ein bis zwei Jahren an einer solchen Lösung arbeiten

Der Streaming-Marktführer Netflix hat erstmals seit mehr als zehn Jahren ein Quartal mit Kundenschwund verkraften müssen. In den drei Monaten bis Ende März gingen unterm Strich rund 200.000 Bezahlabos verloren, wie Netflix nach US-Börsenschluss mitteilte. Insgesamt sank die weltweite Nutzerzahl zum Quartalsende auf 221,6 Millionen. Eigentlich hatte Netflix mit 2,5 Millionen neuen Kunden gerechnet. Neben steigendem Konkurrenzdruck wirkten sich auch Folgen des Ukraine-Kriegs, die Inflation sowie geteilte Passwörter auf die Bilanz des Streaming-Riesen aus.

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Anleger reagierten massiv enttäuscht – die Aktie büßte zum US-Börsenstart am Mittwoch, 20. April, über 30 Prozent ein. Seit Jahresbeginn ist der Aktienkurs bereits um über 60 Prozent gefallen. Netflix galt zu Beginn der Corona-Pandemie noch als einer der großen Gewinner der Krise, hat inzwischen aber schon seit Längerem einen schweren Stand an der Wall Street. Der Quartalsbericht setzte auch den Aktien von anderen Streaming-Anbietern wie Walt Disney, Roku und FuboTV im nachbörslichen Handel deutlich zu.

Branchenbeobachter kritisieren schon seit längerem die Netflix-Strategie, das Programm mit einer Flut von Inhalten zu überschwemmen. Dadurch leide die Qualität. Ein Rivale wie Disney setzt dagegen auf aufwendig produzierte wenige Serien. So bindet der Rivale mit einer Folge pro Woche über einen längeren Zeitraum die Kundschaft.

Ukraine-Krieg ein Faktor

Für die schwachen Zahlen machte Netflix unter anderem den Rückzug aus Russland verantwortlich, wo sämtliche Kundenkonten wegen des Angriffskriegs gegen die Ukraine deaktiviert wurden. Dem Unternehmen nach fielen wegen der Maßnahme auf Quartalssicht rund 700.000 Abos weg. Ohne diesen Effekt hätte es einen Anstieg um eine halbe Million Nutzer gegeben.

Außerdem erklärte Netflix, dass die Statistik unter der Mehrfachnutzung von Kundenkonten leide, da viele Abonnenten ihre Passwörter teilten. Das Unternehmen schätzt, dass rund 100 Millionen Haushalte weltweit den Streaming-Service nutzen, ohne zu zahlen. Netflix will nun dagegen vorgehen, indem Mitnutzer in Zukunft für den Dienst zahlen sollen. Netflix kann zum Beispiel anhand der IP-Adressen feststellen, von wo Nutzer auf den Dienst zugreifen. Bis das System eingefahren sei und weltweit eingesetzt werde, könne es aber noch ein Jahr dauern, sagte Produktchef Greg Peters.

Für den größten Schock am Finanzmarkt sorgte jedoch der Geschäftsausblick. Besonders schlecht kam an, dass Netflix angesichts der stärker werdenden Streaming-Konkurrenz davon ausgeht, auch im laufenden Vierteljahr Abonnenten zu verlieren. Und diesmal dürfte das Minus mit rund zwei Millionen Kundenkonten noch wesentlich stärker ausfallen. Dabei hat Netflix mit neuen Staffeln von Hit-Serien wie „Stranger Things“ und hochkarätig besetzten Filmen wie „The Gray Man“ mit Hollywood-Star Ryan Gosling starke Produktionen am Start.

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Werbung im Gespräch

Das letzte Mal, dass Netflix ein Quartal mit sinkenden Nutzerzahlen verbuchte, war im Oktober 2011. Trotz des jüngsten Rückgangs liegt Netflix weiter deutlich vor der Konkurrenz. Zum Vergleich: Der große Rivale Disney+ hatte Ende 2021 knapp 130 Millionen Kunden. Doch auch beim Gewinn musste Netflix im abgelaufenen Quartal Abstriche machen. Der Überschuss sank gegenüber dem Vorjahreswert um etwa sechs Prozent auf 1,6 Milliarden Dollar (1,5 Mrd Euro). Der Umsatz legte zwar um rund zehn Prozent auf 7,9 Milliarden Dollar zu, verfehlte die durchschnittlichen Erwartungen der Analysten aber dennoch knapp.

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