Interview zum Dauerstreik bei Nordsee

„Die Bevölkerung möchte, dass Nordsee in Bremerhaven bleibt“

Drei Wochen streiken die Mitarbeiter der Nordsee-Verwaltung nun für den Verbleib in Bremerhaven. Moritz Steinberger von der Gewerkschaft NGG und Betriebsratsvorsitzender Eckard Tants fordern einen runden Tisch.
16.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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„Die Bevölkerung möchte, dass Nordsee in Bremerhaven bleibt“
Von Florian Schwiegershausen
„Die Bevölkerung möchte, dass Nordsee in Bremerhaven bleibt“

Vergangene Woche war die Belegschaft der Nordsee-Verwaltung auch in Bremen auf dem Liebfrauenkirchhof, um die Bremer über die Situation zu informieren.

Christina Kuhaupt
Herr Steinberger, was ist Ihr Fazit nach drei Wochen Streik?

Moritz Steinberger: Wir haben eine aktionsbereite Belegschaft und müssen ernüchternd feststellen, dass die Geschäftsführung immer noch nicht mit uns reden möchte. Mit diesem Ziel sind wir noch nicht erfolgreich gewesen.

Bisher lässt die Standortentscheidung weiter auf sich warten.

Steinberger: Wir gehen davon aus, dass die Geschäftsführung unseren Streik aussitzen wird. Denn die Nachricht über eine Standortverlagerung würde zusätzlich Mitarbeiter mobilisieren. Wenn wir also einen Monat weiterstreiken, würde Nordsee-Geschäftsführer Carsten Horn auch danach erst die Entscheidung mitteilen.

Eckard Tants: Wir hatten am Donnerstag eine Mitarbeiterversammlung. Über den Termin wurde am Morgen kurzfristig informiert. Inhaltlich hat Herr Horn da leider nichts erzählt, was er nicht schon vor drei Monaten gesagt hat. Eine Entscheidung zum Standort gab es da immer noch nicht. Wir hatten schon erwartet, dass das der Grund sei für die Mitarbeiterversammlung. Es habe in den vergangenen Monaten so viel andere verschiedene Dinge gegeben, die wichtiger waren, sagte er. Zum Schluss der Versammlung wollte er allen Pizza ausgeben.

Steinberger: Das ist alles sehr enttäuschend. Als wir fragten, ob die Mitarbeiterversammlung alle betreffe, wurde sie in eine Informationsveranstaltung für anwesende Mitarbeiter umgewidmet. Die Streikenden vor dem Gebäude, die ja für die Dauer des Streiks vom Unternehmen ausgesperrt sind, hatten also keine Gelegenheit zur Teilnahme.

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Gab es da wirklich keine Neuigkeiten?

Tants: Bei der Versammlung wurden uns Folien präsentiert, die wohl schon an andere Stelle gezeigt wurden. Bei einer Folie über den Ausblick des Unternehmens wurden Informationen weggelassen. Auf unsere Nachfrage hieß es, das sei nicht wichtig.

Steinberger: Es heißt immer, die NGG, das sind die Bösen, mit denen man nicht reden will, aber mit dem Betriebsrat sei man in regem Austausch. Wir wissen nicht, welcher Austausch gemeint ist.

Was haben Sie an Zuspruch während der drei Wochen erfahren?

Tants: Der war immens – sowohl in Bremen, aber insbesondere in Bremerhaven. Beim Verteilen unserer Handzettel dort in der Fußgängerzone haben wir uns nicht gleich als Nordsee-Mitarbeiter zu erkennen gegeben. Als wir sagten, worum es geht, kamen die Passanten zurück, die bereits an uns vorbeigelaufen waren. Die nahmen nicht nur unseren Flyer, sondern unterhielten sich auch mit uns, weil sie das Thema immens interessiert. Da haben wirklich Leute die Geschäftsführung angeschrieben. Die Bevölkerung möchte, dass Nordsee in Bremerhaven bleibt, weil es die schon seit 125 Jahren hier gibt.

Wie soll es nach den drei Wochen weitergehen?

Steinberger: Das sollen am Freitag die Nordsee-Mitarbeiter entscheiden, die bei der NGG Mitglied sind. Wir werden den Arbeitgeber aber erst am Montagmorgen über diese Entscheidung informieren. Was wir aber tun werden: Wir haben in den vergangenen Wochen sehr viel Hilfe angeboten bekommen, sei es vom SPD-Bundestagsabgeordneten Uwe Schmidt, von der Linken-Bundestagsabgeordneten Doris Achelwilm, vom Bremer Linken-Fraktionsvorsitzenden Nelson Janßen, vom Bremerhavener CDU-Fraktionsvorsitzenden Thorsten Raschen oder auch von Bremerhavens SPD-Stadtverordneten. Da werden wir auf sie zugehen und fragen, wie diese Hilfe aussehen kann.

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Und zwar?

Steinberger: Wir werden versuchen, einen runden Tisch einzurichten, zu dem die Bremerhavener Stadtpolitik einlädt. Denn Gespräche mit Herrn Horn nur mit uns hinter verschlossenen Türen halten wir für nicht zielführend. Beim runden Tisch kann die Stadtpolitik auch Taten folgen lassen.

Könnte das Gespräch am runden Tisch mit Politik und Geschäftsführung hinter verschlossenen Türen stattfinden?

Steinberger: Für das Format sind wir absolut offen, so lange die Gespräche hinter verschlossenen Türen nicht allein zwischen Herrn Horn und der NGG stattfinden. Da ging es in der Vergangenheit zu sehr um Zugeständnisse, die wir an die bestehenden Tarifverträge machen sollten. Sowas würde diejenigen treffen, die am wenigsten verdienen. Das Geld, was man bei denjenigen einsparen will, die etwa zehn Euro die Stunde verdienen, wird an anderer Stelle wieder für Berater ausgegeben.

Wie sieht es denn mit der Mobilisierung der Mitarbeiter aus?

Tants: Wir haben es leider nicht geschafft, genug Leute vor die Tür zu bekommen. Aber wir haben mindestens zu 90 Prozent Zuspruch für unsere Aktionen bekommen – also auch von den Kollegen, die weiter bei der Arbeit waren. Ohne diesen Rückhalt hätten wir diesen Streik auch nicht begonnen. Viele von ihnen trauen sich nicht vor die Tür, weil sie Angst haben.

Steinberger: Als wir vergangene Woche zu einer aktiven Mittagspause eingeladen hatten, war der Platz vor dem Verwaltungsgebäude voll. Nach der Mittagspause dankten sie den Streikenden und gingen wieder rein. Da ist der Druck einfach zu groß durch die Stimmung, die die Geschäftsführung sät. Denn die Arbeit muss ja trotzdem gemacht werden. Aber wir arbeiten an weiteren Aktionen. Die Bevölkerung in Bremerhaven steht dahinter. Denn für die hat das in etwa den Stand wie die Berliner Mauer: Von den Mauerspechten schlägt sich jeder ein Stück raus, und wenn alle fertig sind, ist von der schönen Seestadt Bremerhaven nichts mehr übrig.

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Das Gespräch führte F. Schwiegershausen.Am Freitag von neun bis zwölf Uhr sind alle Interessierten zur Kundgebung vor die Nordsee-Verwaltung in der Herwigstraße 16 in Bremerhaven zu Musik und Bratwurst eingeladen.

Info

Zur Person

Moritz Steinberger von der NGG und Betriebsratsvorsitzender Eckart Tants führen seit drei Wochen den Streik bei an. Am Freitag gibt es dort vor der Verwaltung eine Kundgebung von 9 bis 12 Uhr.

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