Windparkanlagen auf hoher See gefährdet Offshore-Projektierer schlagen Alarm

„Das ist das Ende der Energiewende“, sagt Gunnar Passchier empört. Er ist Geschäftsführer eines Unternehmens, das Offshore-Windparks projektiert. Er ist Geschäftsführer eines Unternehmens, das Offshore-Windparks projektiert.
17.04.2015, 21:00
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Offshore-Projektierer schlagen Alarm
Von Peter Hanuschke

„Das ist das Ende der Energiewende“, sagt Gunnar Passchier empört. Er ist Geschäftsführer eines Unternehmens, das Offshore-Windparks projektiert.

Der Bremer Maschinenbauingenieur plant drei Projekte weit draußen auf der Nordsee mit einer Leistung von insgesamt 1800 Megawatt, was einem mittelgroßen konventionellen Kraftwerk entspricht. Die Parks liegen in der Zone 3 – und damit jetzt erstmal auf Eis. „Es macht nun überhaupt keinen Sinn mehr, mit Investoren darüber zu sprechen“, sagt Passchier. „Das kann ich mir sparen.“ Gespräche über eine Finanzierung der küstenfernen Projekte hält er nach Aussetzen der Einleitung von Planfeststellungsverfahren für aussichtslos.

Er hat bereits erheblich investiert, um die Voraussetzungen für eine Genehmigung durch das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) zu erfüllen. „Da kommen schnell zweistellige Millionenbeträge zusammen.“ Es geht etwa um ökologische Untersuchungen und Tragfestigkeitsprüfungen am Meeresgrund. Die Parks liegen gut 200 Kilometer vor der deutschen Küste, direkt nebenan zwei Projekte eines zweiten Bremer Planers, der aus der mittlerweile abgewickelten Bard-Gruppe aus Emden hervorgegangen ist.

Weiter nördlich davon fünf Projekte des Baukonzerns Hochtief. Auch die Essener haben Post aus Hamburg bekommen. „Wir prüfen jetzt die Sachlage“, sagt Hochtief-Sprecher Stefan Hannen. Es sei zu früh, über mögliche juristische Schritte gegen die Entscheidung des BSH zu spekulieren. Aber sie seien nicht ausgeschlossen. Die bisherigen Investitionen in die Offshore-Projekte seien „noch überschaubar“, sagt er. Zwei größere Projektbüros aus Bremen sollen allerdings bereits entsprechende Klagen gegen das BSH vorbereiten, heißt es.

Projektentwickler Passchier kann die Gründe für die Entscheidung des BSH sogar nachvollziehen. Der Netzbetreiber, der nach aktueller Gesetzeslage für die Installation der mehrere Hundert Millionen Euro teuren Landanschlüsse zuständig ist, sei damit tatsächlich überfordert. „Man sollte darüber nachdenken, ob die Netzanschlüsse auf hoher See nicht besser von den Windparkbetreibern finanziert werden.“

Passchier sorgt sich um die Zukunft der gesamten Branche. „Wir dürfen jetzt die Fäden nicht fallen lassen“, sagt er. Das ständige Hin und Her würge die junge Offshore-Industrie in Deutschland ab. Die sogenannte Lernkurve sei steil. Man habe bei den mittlerweile errichteten Parks erhebliche Einsparpotenziale definieren können.

Die Gestehungskosten für Windstrom auf hoher See würden sich nach seiner Ansicht schon jetzt bei etwa zehn Cent pro Kilowattstunde einpendeln. „Wenn wir erst in fünf Jahren wieder anfangen, sind alle anderen Länder in Europa endgültig an Deutschland vorbeigezogen, was die Offshore-Windenergie angeht.“

Verunsichert war der Markt schon vor mehr als zwei Jahren, und zwar massiv – dafür hatte das so genannte Altmaier/Rösler-Papier gesorgt, das die vereinbarten Rahmenbedingungen aushebelte und damit für totale Verunsicherung auf Investorenseite sorgte. Mit der zum 1. August verabschiedeten Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) wurde zwar der Ausbaupfad von zehn Gigawatt (GW) auf 6,5 GW bis 2020 und reduziert und der Ausbaupfad auf insgesamt 15 GW bis 2030 festgelegt, aber schließlich auch die Investitionsunsicherheit im Markt entschärft. Experten gehen davon aus, dass damit eine zweite Investitionswelle ausgelöst wird, die sich spätestens 2016 auch am Markt auswirken wird.

Denn bis sich solche Investitionsschübe bemerkbar machen und damit eine zufriedenstellende Produktion anläuft , vergehen Monate. Dass nun mögliche Ausbauzonen, die weit draußen in der Nordsee liegen, quasi von der Bebauung mit Offshore-Windanlagen herausgenommen werden, ist ein weiter Schlag ins Gesicht der jungen Offshore-Branche. Jens Eckhoff, Präsident der Stiftung Offshore-Windenergie, sieht diese jüngste Entwicklung ausgelöst durch das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH), ganz entspannt. „Da spielen politische Interessen eine Rolle und ob das BSH in zehn Jahren oder schon früher nicht doch zu einer ganz anderen Sichtweise kommt – wer weiß“, sagt er.

Fakt sei aber, dass es einen großen Markt gebe, der in den nächsten Jahren für einige Offshore-Windparkanlagen in der Nordsee sorgen werde. Zwar gebe es im Offshore-Pionierland Deutschland hier und da störende Unstimmigkeiten, was verlässliche Rahmenbedingungen angehe – das müsste auch schnellstens korrigiert werden –, aber es würden natürlich weitere Parks entstehen. Und hinzu komme, ein boomendes Offshore-Windparkgeschäft in Ländern wie Dänemark, Niederlande, Frankreich und England. Eckhoff: „Wir reden von drei GW, die über 2020 hinaus jährlich neu an Leistung in der Nordsee entstehen soll – das entspricht sechs Windparks pro Jahr und einem jährlichen Auftragsvolumen von zehn Milliarden Euro.“

Die Märkte werden sich also weiterentwickeln werden – ähnlich wie das beim On-shore-Wind der Fall war. „Heute gehen drei Viertel dieser Produktion in den Export. Und ich sehe auch für Offshore ähnliche Marktentwicklungen.“ In den USA etwa werde Offshore trotz Frackings noch enorm ausgebaut werden. „Und die werden nicht selbst produzieren – allein wegen der hohen Löhne, die dort in den dafür geeigneten Bundesstaaten gezahlt werden. Schon jetzt werden Anlagen über Esbjerg dorthin verschifft. Warum demnächst nicht über Bremerhaven?“

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