Oxfam-Armutsbericht Armut schädigt die Gesundheit

Während die Vermögen der Milliardäre stark steigen, fehlen Corona-Impfstoffe für Millionen Menschen, beklagt Oxfam. Der Report „Ungleichheit tötet“ erscheint anlässlich des Weltwirtschaftsforum von Davos.
16.01.2022, 12:58
Lesedauer: 3 Min
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Von Hannes Koch

Etwa 1.500 Milliarden Dollar (ungefähr 1.300 Milliarden Euro) besitzen die zehn reichsten Personen der Welt jetzt zusammen. Die Entwicklungsorganisation Oxfam prangert das an: In der Zeit der Corona-Pandemie hätten „die zehn Männer ihr Vermögen verdoppelt“.

Gleichzeitig litten hunderte Millionen Arme unter der Corona-Pandemie. Die zunehmende soziale Polarisierung verschärfe die globale Gesundheitskrise, heißt es in dem neuen Bericht „Ungleichheit tötet“.

Ihren Report zur globalen Ungerechtigkeit veröffentlicht Oxfam traditionell kurz vor dem Beginn des Weltwirtschaftsforums von Davos. Der Kongress der internationalen Politik- und Wirtschaftselite startet am Montag. Er findet dieses Jahr aber zum zweiten Mal nur digital statt. In einigen Monaten soll er in dem Schweizer Bergort nachgeholt werden.

Den Milliardärinnen und Milliardären weltweit sei es insgesamt gelungen, während der Corona-Zeit „ihre Vermögen stärker zu vermehren als in den gesamten vierzehn Jahren zuvor“. Die Organisation betrachtet das als Skandal, weil während der Pandemie seit Anfang 2020 „über 160 Millionen Menschen zusätzlich in Armut“ abgerutscht seien. 3,2 Milliarden Menschen – fast die Hälfte der Menschheit – lebten unterhalb der von der Weltbank definierten Armutsgrenze von 5,50 Dollar pro Tag.

Die Entwicklungsorganisation bezieht sich auf die Vermögenszahlen, die das anerkannte Wirtschaftsmagazin Forbes regelmäßig veröffentlicht. Auf den Spitzenplätzen standen demnach Elon Musk (Tesla), Jeff Bezos (Amazon), Bernard Arnault (LVMH, unter anderem Dior) und Bill Gates (Microsoft), die zusammen schon auf etwa eine Billion Dollar (1.000 Milliarden) kommen.

In Deutschland fallen die großen Vermögen etwas niedriger aus. Die Besitzer und Besitzerinnen beispielsweise von Aldi, Kühne und Nagel, Lidl oder BMW kommen jeweils auf zweistellige Milliardenbeträge. Aber auch ihre Vermögen wachsen stark und überproportional im Vergleich zur Wirtschaftsleistung oder den Löhnen. Die Reichen und Wohlhabenden profitieren von den steigenden Aktienkursen, den Gewinnen ihrer Unternehmensgruppen und dem Wertzuwachs von Immobilien.

In dem Bericht „Ungleichheit tötet“ geht es schwerpunktmäßig um den Zusammenhang von Armut und schlechter medizinischer Versorgung. Die Organisation beklagt: „Mittlerweile sind über drei Milliarden Menschen zweifach gegen Covid-19 geimpft, doch nur rund neun Prozent der Menschen in Ländern mit niedrigem Einkommen haben mindestens eine Impfdosis erhalten.“

Die Impfstoffe müssten als „öffentliches Gut behandelt werden“, fordert Oxfam. Schließlich hätten einige Regierungen, darunter auch die deutsche, die Entwicklung der Vakzine mit Steuergeld gefördert. Der internationale Patentschutz verhindere jedoch, dass die Impfstoffe allen Menschen zu erschwinglichen Preisen zur Verfügung stünden. Deshalb solle bei der Weltgesundheitsorganisation eine Ausnahmegenehmigung für die Nutzung der Impfstoffpatente beschlossen werden.

Diese Debatte läuft seit mehr als einem Jahr. Die Bundesregierung und die EU-Kommission lehnen die Freigabe ab. Sie wollen die Investitionen der Impfstoff-Entwickler schützen, unter anderem von Biontech in Mainz. Trotzdem würden große Mengen Impfdosen in alle Welt exportiert, argumentiert die EU.

Nicht nur bei Corona korrespondiere die schlechtere soziale Lage vieler Menschen mit einer mangelhaften Gesundheitsversorgung, erklärt Oxfam. „Ungleichheit trägt weltweit zum Tod von mindestens 21.300 Menschen täglich bei.“ Das sei eine konservative Schätzung. In ländlichen Regionen und ärmeren Stadtvierteln vieler Staaten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas gibt es zu wenige Krankenhäuser und Ärzte. Den Regierungen fehlt das Geld, um die Gesundheitsinfrastruktur zu errichten, und private Gesundheitsfirmen versorgen eher die wohlhabende Bevölkerung.

Solche Probleme existierten aber auch in reicheren Ländern, meint die Entwicklungsorganisation. Bürgerinnen und Bürger mit niedrigen Einkommen erhielten eine schlechtere Gesundheitsversorgung als Privathaushalte mit hohen Verdiensten. Erstere müssten sich oft mit dem Minimalstandard zufriedengeben, während Wohlhabende höhere Qualität bezahlen könnten. Um solche Missstände zu beheben, fordert Oxfam, die Vermögenssteuer in Deutschland wieder einzuführen und eine einmalige Abgabe auf sehr hohe Vermögen zu erheben. Mit den Einnahmen könne auch das Gesundheitssystems reformiert werden.

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