Große Händler testen Mehrwegverpackung

Suche nach dem Paket der Zukunft

Der Online-Handel boomt, die Abfalltonnen sind voll mit Verpackungsmüll. Große Händler wie Tchibo und Otto haben jetzt Mehrwegversandtaschen getestet – über die Tücken einer Öko-Idee.
13.02.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Hanna Gersmann

Eine Jogginghose fürs Homeoffice, eine Lampe für mehr Gemütlichkeit im Wohnzimmer, ein Buch? Im Internet ist das fix bestellt, in Karton, Papier, Pappe, Plastiktüte kommt es heile an. Aufreißen, Verpackung wegschmeißen. Wie praktisch. Das Problem: Der Verbrauch von Versandverpackungen in Deutschland ist laut Umweltbundesamt innerhalb von 20 Jahren um gut 600 Prozent gestiegen – rund 850.000 Tonnen fallen mittlerweile in einem Jahr an. Corona-Zeiten, in denen Geschäfte dicht haben, der Onlinehandel boomt, sind da noch gar nicht eingerechnet. Lässt sich verhindern, dass die Mülltonnen überquellen?

Die Online-Shops von Tchibo, Otto und Avocadostore haben getestet, ob mit Verpackungen funktioniert, was mit den Bechern für Coffee to go geht: Mehrweg. Erstes Ergebnis: Die Sache hat Haken, obwohl die Idee bestechend einfach wirkt. Alles hat 2013 begonnen. Der finnische Designer Juha Mäkelä arbeitet für ein Projekt mit der finnischen Post zusammen, sieht die Berge an Paketen und Verpackungsmüll, fragt sich: Warum lassen sich Verpackungen nicht zurückgeben wie Pfandflaschen? Er überzeugt zwei Kollegen, sie gründen Repack.

Die Mehrwegversandtasche ist bis zu 20 Mal verwendbar

So gibt es nun eine Verpackung, die aussieht wie ein überdimensionierter Briefumschlag, recycelter Kunststoff, ein schwarzer Klettverschluss, in drei verschiedenen Farben – gelb, schwarz, weiß –und Größen. Hat der Kunde sein Kleidungsstück, Elektroteil oder Buch bekommen, faltet er die Versandtasche auf normales Briefformat zusammen. Er klebt ein Rücksendeetikett auf, steckt sie in den Briefkasten oder liefert sie beim Paketversand ab. Dann geht sie retour zum
Hersteller. Theoretisch lässt sie sich bis zu 20 Mal wiederverwenden, ohne kaputt zu gehen.

Kleinere Firmen, bei denen Öko zum Geschäftsmodell gehört, arbeiten längst mit Mehrweg. Die Memo AG zum Beispiel, ein Fachhändler für nachhaltigen Bürobedarf aus dem bayerischen Greußenheim, liefert seinen Kunden Waren in einer grünen, ­stabilen Mehrwegbox aus Recyclingkunststoff, die sich zurücksenden lässt. Der Online-Shop Fairfox bietet die graue Foxbox an. Selbst Sperriges wird schon in Mehrweg verpackt.

Kiezbett, ein Berliner Unternehmen für nachhaltig produzierte Schlafmöbel, hat seine Betten so designt, dass sie sich für den Transport in Einzelteile zerlegen lassen, und liefert sie nun in robusten, länglichen Taschen aus Recyclingkunststoff aus – eine Extraanfertigung der finnischen Repack-Leute. In Berlin werden sie von Lastenradlern transportiert, die die Verpackung zumeist wieder direkt mit zurücknehmen. Kunden außerhalb Berlins müssen die Taschen zurückschicken und bekommen dann 80 Euro Pfand zurück. Nur im großen Stil? Da ist alles anders, schwieriger.

Derzeit schicken die Händler alles wieder in Einwegverpackungen

Till Zimmermann begleitet als Wissenschaftler den Mehrweg-Probelauf, den Avocadostore mit 2000 Repack-Taschen, Otto mit 4000 und Tchibo mit 7500 gemacht haben. Die erste Testphase fand im vergangenen Jahr von August bis Oktober statt. Derzeit schicken die Unternehmen wieder alles in Einweg, während Zimmermann, der bei der Hamburger Umweltberatung Ökopol arbeitet, mit seinen Kolleginnen und Kollegen die Erfahrungen auswertet.

Die Ökobilanz im Vergleich zum klassischen Karton oder Plastikbeutel? Im Test wurden die Taschen in Estland gesäubert, bevor sie wieder neu verteilt wurden. „Das ist günstiger, als sie in Deutschland zu reinigen“, erklärt Zimmermann. Im Vergleich zu Einweg fällt bei den Mehrwegtaschen, die häufiger wiederverwendet werden, der Aufwand für die Herstellung zwar weniger ins Gewicht. Die langen Transportwege kosten aber Energie und erhöhen damit den Ausstoß von CO2. Zimmermann: „Mehrwegverpackungen sind frühestens dann ökologischer, wenn sie zwei bis sieben Umläufe gemacht haben, je nachdem was für eine Einwegverpackung sie ersetzen.“

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Allerdings schickten nicht alle Kunden die Verpackung zurück – bislang waren es nur 75 Prozent. Das ist nicht schlecht, reicht aber nicht für die gute Umweltbilanz. „Dafür brauchen wir Rücklaufquoten von 80 bis 90 Prozent“, sagt Zimmermann. Mancher habe die Mehrwegtasche womöglich aus Versehen in den Müll geworfen, die Bitte um Rücksendung übersehen. Bei Avocadostore mussten die Kunden Mehrweg bewusst gegen einen Aufpreis von 3.95 Euro buchen.

Bei Tchibo und Otto wurden sie aber zufällig ausgesucht, also von dem Mehrweg-Angebot überrascht. Und niemand ist daran gewöhnt, die Verpackung zurückzuschicken. Vielleicht erschien es ihnen aber auch einfach zu umständlich. Oder die Verpackung war zu schön. „Das darf sie auch nicht sein“, sagt Zimmermann. Kunden nutzten sie dann womöglich als Tasche für das Laptop anstatt sie zurückzusenden. Nur: Auch Versandtaschen seien eine Visitenkarte des Unternehmens. Ganz ohne Design geht es auch nicht. Die Sache ist kompliziert.

Im umkämpften Online-Markt zählt jeder Cent

Entscheidender ist aber wohl ein anderes Problem: die Kosten. Pro Versandtasche lägen sie bei zwei bis drei Euro, plus Aufwand für den Online-Händler selbst. Der müsse zum Beispiel eine extra Software einbauen, die erkennt, welche Repack-Tütengröße die richtige für eine Bestellung sei, so der Forscher. Im umkämpften Online-Markt zähle aber jeder Cent, der Kunde gehe sonst schnell zur Konkurrenz.

Zimmermann sieht daher „für den Einsatz von Mehrweg in der Breite noch große Hindernisse, außer die Politik greift ein und verpflichtet die Online-Händler neben Einwegtüte oder -karton immer auch das Mehrwegpendant anzubieten.“ Das sei dann ähnlich wie in Restaurants, Cafés und Supermärkten, die ab 2023 für Essen und Getränke zum Mitnehmen immer auch die Mehrweg-Alternative haben müssen.

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Kaufe ich aus Umweltsicht lieber nur vor Ort ein? Der Frage ist das Umweltbundesamt nachgegangen. Das Ergebnis: Sich ein Produkt aus dem Internetkaufhaus nach Hause liefern zu lassen, ist für das Klima besser, als mit dem eigenen Pkw mehrere Kilometer zu einem Geschäft zu fahren. In Zahlen: Eine Einkaufsfahrt von fünf Kilometern im eigenen Pkw erzeugt 600 bis 1100 Gramm CO2, die Fahrt mit dem Fahrrad null Gramm. Und für eine Lieferung per Onlinedienst fallen im Schnitt zwischen 200 und 400 Gramm an. Der Grund für die im Vergleich zur Autofahrt geringe Klimabelastung: Die Lieferfahrzeuge sind besser ausgelastet, die Routen sind effizient geplant. Zudem werden immer mehr Elektrofahrzeuge eingesetzt. Ein Problem: Die Versandverpackung, die im Müll landet, ist im Online-Handel laut den Experten ein besonders umweltbelastender Faktor.

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