Bei Verspätung oder Annullierung

Portale versprechen schnelle Entschädigung für Flugpassagiere

Internet-Portale für Fluggastrechte klagen stellvertrend für Passagiere Forderungen bei den Fluggesellschaften ein. Die Verbraucherzentrale sieht das eher skeptisch.
11.04.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Florian Schwiegershausen

Internet-Portale für Fluggastrechte klagen stellvertrend für Passagiere Forderungen bei den Fluggesellschaften ein. Die Verbraucherzentrale sieht das eher skeptisch.

Eigentlich wollte die Europäische Union mit ihrer Verordnung Nummer 261/2004 die Rechte der Fluggäste stärken. Auf dem Papier klingt das auch alles ganz schlüssig. Wenn sich ein Flug um mehr als drei Stunden verspätet oder sogar annulliert wird, dann erhält der Passagier als Ausgleich je nach Streckenlänge zwischen 250 und 600 Euro. Dazu können kostenlose Telefonate kommen sowie eine kostenlose Übernachtung in einem Hotel, sofern dies erforderlich ist.

Doch in der Realität sieht das anders aus. Wer hinterher als Privatperson die Fluggesellschaften anschreibt, um seine Rechte einzufordern, erhält oft überhaupt keine Antwort. Von den Airlines ist es ein beliebtes Mittel, auf stur zu schalten, in der Hoffnung, dass der Kunde irgendwann die Lust am Einfordern verliert und es dann sein lässt. Andere Passagiere scheuen die Anwaltskosten, wenn sie selbst weder Jurist sind noch über eine Rechtsschutzversicherung verfügen.

All diese Umstände machen sich immer mehr Portale im Internet zunutze. Die fünf großen Portale heißen EU Flight.de, EU Claim, fairplane.de, Flightright.de und wirkaufendeinenflug.de. Der Passagier tritt seine Forderungen an die Fluggesellschaft an eines dieser Portale ab. Die Portale klagen dann die Forderungen stellvertretend für den Passagier bei der Fluggesellschaft ein. Im Erfolgsfall erhält der Kunde dann sein Geld. Bis das da ist, können zwischen zwei Monate und bis zu einem Jahr vergehen. Dem Internetportal zahlt der Passagier für den Aufwand eine Provision, die meist bei 20 bis 25 Prozent liegt.

Entschädigung innerhalb von zehn Minuten

Doch die Konkurrenz unter den Fluggastrechtportalen hat so sehr zugenommen, dass sie inzwischen eine Entschädigung in kürzester Zeit anbieten. Flightright.de verspricht sogar, dass mithilfe des Internetzahlungsdienstleisters Paypal das Geld innerhalb von zehn Minuten überwiesen sei. Doch dieser Service des schnellen Geldes hat auch seinen Preis. Flightright verlangt dafür bei der Provision einen Aufschlag: diese steigt auf 35 Prozent plus Mehrwertsteuer.

Wie macht Flightright das? Wer alle Daten von seinem verspäteten oder ausgefallenen Flug eingegeben hat auf der Internetseite, erhält am Ende automatisch zwei Angebote: sowohl das herkömmliche Angebot als auch das Angebot mit der Sofortzahlung. Sollte das Rechteportal mit der Klage bei der Fluggesellschaft erfolglos bleiben, darf der Kunde trotzdem sein Geld behalten. „Ist die Wahrscheinlichkeit einer Entschädigung hoch, können die Kunden zwischen dem neuen Flightright Now und dem klassischen Service wählen“, sagt Flightright-Sprecherin Lena Knoblauch. Der klassische Service könne aufgrund der Bearbeitungszeiten ­aufseiten der Airlines und häufig notwendiger Gerichtsprozesse Wochen oder Monate dauern.

Wenn der Kunde seine Daten eingibt, lässt Flightright im Hintergrund einen selbstlernenden Algorhythmus laufen. Anhand von 35 Datenpunkten rechnet das Programm aus, wie hoch die Wahrscheinlichkeit auf Entschädigung ist. Zusätzlich gibt es weitere Datenquellen. Am Ende würde das Programm dem Passagier eine Sofortentschädigung anbieten.

Verbraucherzentrale warnt

Doch die Verbraucherzentrale Bremen warnt davor, bei der Aussicht auf das schnelle Geld zu sehr die Augen zu verschließen. Flugrechte-Experte Gerrit Cegielka sagt: „Ich würde es doch zuerst bei der Fluggesellschaft versuchen. Wenn das nichts bringt, kann sich der Passagier ja noch an die Schlichtungs­stelle für den öffent­lichen Personen­verkehr, kurz SÖP wenden.“ Erst wenn gar nichts mehr ginge, dann könne man sich immer noch an eines der Internetportale für Fluggastrechte wenden. Cegielka ergänzt: „Diese Portale sind ja nichts anderes als Inkasso-Unternehmen. Die nehmen am liebsten nur die Fälle, die zu 100 Prozent sicher sind, und dafür kassieren sie auch noch Provision.“ Diese Fälle könne eine Privatperson genauso bei der Schlichtungsstelle einfordern.

Nach Angaben der Stiftung Warentest gelang es der SÖP im Jahre 2015, in etwa 90 Prozent aller Fälle zwischen Fluggesellschaft und Passagier vermitteln zu können. Der Vorschlag wurde von beiden Seiten angenommen und war damit verbindlich. Es gibt allerdings einige Fluggesellschaften, die nicht der SÖP angeschlossen sind. In so einem Falle wenden sich die Passagiere an die Schlichtungsstelle Luftverkehr beim Bundesamt für Justiz. Gerrit Cegielka von der Verbraucherzentrale weist entsprechend darauf hin, dass die Fluggastrechtportale eben nicht alle Fälle übernehmen. „Bei schwierigen Fällen wird der da nicht mit offenen Armen angenommen. Deshalb ist diese Sache mit der Sofortzahlung für mich nichts anderes als ein Werbegag.“

Keine Entschädigung bei schweren Unwettern

Was ein schwieriger Fall sein kann: Fluggesellschaften sind beispielsweise nicht zu einer Entschädigung verpflichtet, wenn die Maschine wegen eines schweren Unwetters nicht starten konnte. Dies sei ein „außergewöhnlicher Umstand“. Sollte aber ein technischer Defekt der Grund sein für eine Verspätung von mehr als drei Stunden oder Annullierung des Fluges, stehen die Chancen gut für eine Entschädigung.

Eine Passagierin hatte hier übrigens geklagt, weil sie der Ansicht war, dass sie mehr als drei Stunden Verspätung hatte. Der Europäische Gerichtshof entschied dazu: Ein Flugzeug gilt dann als angekommen, wenn mindestens eine Türe aufgeht und die Fluggäste das Flugzeug verlassen können (EuGH C-452/13). Im konkreten Fall geschah das nur minimal unterhalb von drei Stunden Verspätung. Die Passagierin ging also leer aus.

Flightright wiederum erklärt auf seiner Internetseite, seit dem Jahr 2010, als das Portal an den Start ging, mehr als 100 Millionen Euro für die Kunden eingeklagt zu haben. Allgemein argumentieren die Portale, dass die Fluggesellschaften bei ihnen viel schneller bereit seien, eine Entschädigung zu zahlen, als wenn der Passagier dies als Einzelperson versuche. Am Ende liegt die Entscheidung also beim Passagier selbst, ob er den bequemen Weg über eines der Portale geht und dafür in Kauf nimmt, eine Provision zu zahlen, oder ob er es selbst in die Hand nehmen möchte.

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