Viele Anbieter erhöhen Beiträge, weil ihre Rückstellungen nicht mehr ausreichen - das können Verbraucher tun

Private Krankenversicherer in Zinsnot

Bremen. Wer privat krankenversichert ist, fürchtet Jahr für Jahr Beitragserhöhungen. Neben den steigenden Kosten für die Gesundheitsbehandlung und Medikamente, die mit einer soliden Tarifkalkulation noch abzufedern sein müssten, leiden auch die privaten Krankenversicherer unter den extrem niedrigen Zinsen.
13.03.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Olaf Grahl

Bremen. Wer privat krankenversichert ist, fürchtet Jahr für Jahr Beitragserhöhungen. Neben den steigenden Kosten für die Gesundheitsbehandlung und Medikamente, die mit einer soliden Tarifkalkulation noch abzufedern sein müssten, leiden auch die privaten Krankenversicherer unter den extrem niedrigen Zinsen. Denn Privatversicherte bilden mit ihren Beiträgen Altersrückstellungen, die vor explodierenden Beiträgen im Alter schützen sollen. Diese Rückstellungen werden am Kapitalmarkt angelegt. Doch je niedriger die Zinsen sind, desto geringer fallen die Erträge aus den Rückstellungen aus. Die Folge: Die Beiträge steigen, weil die Altersrückstellungen erhöht werden müssen.

Beim aktuellen Rating des Branchendienstes map-Report haben elf von 17 Gesellschaften die Spitzennote „mmm“ erreicht. Dazu gehören mit den höchsten Punktwertungen die Provinzial, Debeka und Alte Oldenburger. Maximal 100 Punkte in den drei Kategorien Bilanz, Service und Vertrag waren möglich. Im Punkt Vertrag wird bewertet, wie stark die Bestandsbeiträge von Musterverträgen gestiegen sind. Sofern möglich, werden dazu Daten ab dem Jahr 1982 herangezogen. Doch gerade bei diesem Punkt mauern viele Gesellschaften und können deshalb nicht per Rating bewertet werden. Dazu gehören Arag, Axa, Central, Gothaer, Landeskrankenhilfe und Münchener Verein, um nur einige der Krankenversicherer zu nennen. Bei diesem Vergleich, der freiwillig ist, beteiligen sich 17 von insgesamt 41 privaten Krankenversicherern. Diese 17 haben einen Marktanteil von 63 Prozent.

Im Durchschnitt 6,6 Prozent mehr

Laut Rating stiegen die Beiträge von Angestellten, Beamten und Senioren von 2016 auf 2017 um durchschnittlich 6,6 Prozent. Langfristig gesehen liegen die Beitragssteigerungen deutlich darunter. Im Schnitt der Jahre 2000 bis 2017 stiegen die Beiträge um jährlich 3,9 Prozent. Die Beamten kamen mit 2,9 Prozent etwas besser davon.

Da ein Wechsel des privaten Krankenversicherers ebenso schwierig ist wie die Rückkehr in die gesetzliche Krankenversicherung, bleibt den Versicherten meist nur der Wechsel in einen günstigeren gleichartigen Tarif. „Der Wechsel in einen anderen Tarif ist kostenlos. Besonders für ältere Versicherte, die schon lange in ihrem Tarif versichert sind, kann sich ein Wechsel lohnen“, sagt Annabel Oelmann, Vorstand der Verbraucherzentrale Bremen. Der Vorteil gegenüber einem Anbieterwechsel: Alle im bisherigen Vertrag erworbenen Rechte – vor allem die Rückstellungen für das Alter – bleiben erhalten. Bei einem anderen Versicherer einen neuen Vertrag zu schließen, lohnt sich in der Regel nicht. Denn wenn die Police vor dem 1. Januar 2009 abgeschlossen wurde, verliert der Kunde bei Kündigung die gesamten beim alten Versicherer gebildeten Rückstellungen für das Alter.

Auf das im Versicherungsvertragsgesetz garantierte Wechselrecht weist auch die Stiftung Warentest in der aktuellen Ausgabe ihrer Zeitschrift „Finanztest“ hin. Für Leistungen, die bereits im jetzigen Vertrag enthalten sind, darf es im neuen Vertrag keine neuen Wartezeiten, Risikozuschläge oder Ausschlüsse geben.

Damit ein Tarifwechsel sich auch langfristig lohnt, kommt es nicht nur auf die Höhe des Beitrags, sondern auch auf die Leistungen an. Das Wechselrecht in gleichartige Tarife bedeutet nämlich nicht, dass die Verträge identisch sind. Es heißt lediglich, dass jemand zum Beispiel von einem Tarif, der ambulante, stationäre und Zahnleistungen umfasst, in einen anderen wechseln darf, der ebenfalls diese Leistungsbereiche abdeckt. Um den Umfang der Leistungen muss sich der Kunde selber kümmern oder er nimmt Dienstleister in Anspruch. Wichtig sind die Sätze, bis zu denen Arzthonorare übernommen werden. Der Wechsel von einem Einbettzimmer in ein Zweibettzimmer im Krankenhaus sollte weniger problematisch sein. In welchem Umfang sieht der Vertrag Leistungen für Heilpraktikerbehandlung oder teure Hörgeräte vor?

Erneute Gesundheitsprüfung möglich

Das Problem beim Wechsel: Sieht der neue Tarif Mehrleistungen vor, stellt der Versicherer hierfür erneut Gesundheitsfragen und darf für Erkrankungen einen Risikozuschlag verlangen oder Leistungen ausschließen. Verlangt der Versicherer zu hohe Risikozuschläge, hat der Kunde das Recht, die Mehrleistungen auszuschließen, ist dann aber in diesem Bereich nicht mehr versichert. Aus Angst vor diesem Check von vornherein pauschal auf alle Mehrleistungen zu verzichten, sei falsch, schreibt Finanztest. In vielen Fällen erhalten Kunden den Vertrag mit besseren Leistungen nämlich problemlos.

Häufig jedoch ergeben sich Probleme für Wechselwillige. „Versicherungsgesellschaften haben keine Vorteile durch den Tarifwechsel und weisen mitunter auf eine erneute Gesundheitsprüfung hin“, sagt Oelmann. Diese komme aber nur in Betracht, wenn der neue Tarif bessere Leistungen biete. „Der Verbraucher kann aber auf die Mehrleistungen verzichten“, sagt die Verbraucherschützerin. „Die Selbstbeteiligung an den Krankheitskosten sollte nur mit besonderer Vorsicht angehoben werden, denn die muss auch nachhaltig zu leisten sein.“ Wenn der Versicherer bei der Absicht nach einem Tarifwechsel kein Entgegenkommen zeigt, kann der Versicherte für die Antwort auf den Wechselwunsch eine angemessene Frist setzen. Die Lage beim Tarifwechsel sollte sich aber verbessert haben. Denn der Verband der Privaten Krankenversicherung hat „Leitlinien für einen transparenten und kundenorientierten Tarifwechsel“ herausgegeben. Die Mehrzahl der Unternehmen hat sich freiwillig dazu verpflichtet, diese seit dem 1. Januar 2016 einzuhalten.

Die Verbraucherzentrale Bremen bietet eine persönliche Beratung zum Tarifwechsel in der Privaten Krankenversicherung an. Termine können telefonisch vereinbart werden unter 0421/160 777 oder per E-Mail: info@vz-hb.de.

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