Gesundheitssenator fordert Kassenärztliche Vereinigung zur gleichmäßigeren Versorgung in allen Stadtteilen auf „Probleme bei Haus- und Kinderärzten“

Ärztemangel oder -überschuss? Ein für kommendes Jahr geplantes Bundesgesetz entfacht eine hitzige Debatte über diese Frage. Sabine Doll hat mit Gesundheitssenator Hermann Schulte-Sasse (parteilos) über die Situation in Bremen gesprochen.
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
„Probleme bei Haus- und Kinderärzten“
Von Sabine Doll

Ärztemangel oder -überschuss? Ein für kommendes Jahr geplantes Bundesgesetz entfacht eine hitzige Debatte über diese Frage. Sabine Doll hat mit Gesundheitssenator Hermann Schulte-Sasse (parteilos) über die Situation in Bremen gesprochen.

Die Kassenärztliche Vereinigung Bremen, KVHB, hat davor gewarnt, dass in Bremen durch das geplante Gesetz bis zu 350 Arzt- und Psychotherapie-Praxen wegfallen werden. Ist das richtig?

Hermann Schulte-Sasse: Nein, das stimmt nicht. Das Horrorszenario, dass Menschen in Bremen zukünftig auf 350 Ärzte verzichten müssen und sich dadurch Probleme bei der medizinischen Versorgung ergeben, ist durch das Gesetz in keiner Weise gestützt. Die Kassenärztliche Vereinigung schürt unnötig Ängste in der Bevölkerung.

Aber in dem ersten Entwurf zu dem Gesetz steht klar, dass überall dort, wo es statistisch gesehen zu viele Ärzte gibt, Praxen nicht mehr nachbesetzt werden sollen. Rein rechnerisch wären das auf das Bremer Stadtgebiet bezogen zum Beispiel 160 Psychotherapeuten, 47 Internisten und 18 Kinderärzte. Was stimmt daran nicht?

Der Arbeitsentwurf zu dem geplanten Gesetz sieht definitiv nicht vor, dass bei einer Praxisaufgabe, etwa aus Altersgründen, dieser Arztsitz in jedem Fall aufgegeben werden muss. Es handelt sich lediglich um eine Soll-Regelung. Ob davon Gebrauch gemacht wird, liegt aber nach wie vor in der Hand der Kassenärztlichen Vereinigung, die für die Planung und Zulassung zuständig ist.

Das heißt konkret?

Wie schon jetzt, kann sie auch künftig eine Nachbesetzung zulassen, wenn es dafür gute Gründe gibt. Also, wenn in einem bestimmten Stadtteil dringend eine weitere Praxis gebraucht wird, um die medizinische Versorgung dort sicherzustellen. Daran wird sich auch nichts ändern.

Gibt es in Bremen zu viele Ärzte?

Statistisch gesehen gibt es auf das gesamte Stadtgebiet bezogen eine Überversorgung mit Ärzten. Aber wenn man in die einzelnen Stadtteile schaut, ergibt sich ein anderes Bild. Wir wissen zum Beispiel, dass die Versorgung in Bremen-Nord, Gröpelingen oder Osterholz eine ganz andere ist als etwa in der Innenstadt oder Schwachhausen. Dort droht teilweise eine Unterversorgung mit bestimmten Arztgruppen.

Welche Ärzte fehlen in diesen Stadtteilen?

Es gibt Probleme bei den Haus- und Kinderärzten, das besorgt mich ganz besonders. Bei Fachärzten, zu denen man durch seinen behandelnden Hausarzt überwiesen wird, ist eine längere Anfahrt in einen anderen Stadtteil aus meiner Sicht zumutbar. Aber bei Haus- und Kinderärzten sieht die Situation anders aus. Alle Erfahrungen zeigen, dass die Erreichbarkeit der Praxis sowie lange Wartezeiten wesentlich mitbestimmen, ob man überhaupt eine ärztliche Behandlung in Anspruch nimmt oder nicht. Gibt es also zu wenige Haus- und Kinderärzte vor Ort, hat das negative Auswirkungen auf die gesundheitlichen Chancen der Menschen.

Wie kann eine ernsthafte Unterversorgung mit Haus- und Kinderärzten in Bremen-Nord, Gröpelingen und Osterholz verhindert werden?

Da ist die Kassenärztliche Vereinigung in der Pflicht. Sie könnte durch eine kleinräumigere Betrachtung, differenziert nach Stadtteilen und nicht auf das gesamte Stadtgebiet bezogen, dafür sorgen, dass Arztsitze aus den überversorgten Gebieten in diese Stadtteile verlegt werden. Sie hat seit Kurzem rechtlich die Möglichkeiten in der Hand, für eine gleichmäßigere Niederlassung von Arztpraxen in Bremen zu sorgen. Damit kann sie einer Überversorgung in einzelnen Gebieten und einem Mangel in anderen Stadtteilen entgegenwirken.

Was ist der Grund dafür, dass sich Ärzte in Stadtteilen wie Schwachhausen oder der Innenstadt ballen?

Das ist ein bundesweites Phänomen. Ärzte lassen sich vorzugsweise dort nieder, wo Mittelstandsfamilien wohnen, die auch sehr viel häufiger als in den sozial benachteiligten Gebieten über private Krankenversicherungen verfügen. Dabei handelt es sich um wirtschaftliche Anreize. Es ist aber Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigung, die ja Verhandlungspartner der gesetzlichen Krankenkassen ist, für eine adäquate Versorgung der gesetzlich Krankenversicherten in Wohnortnähe zu sorgen.

Und das geschieht nicht?

Nicht in ausreichendem Maß, wenn man sich das unterschiedliche Bild in den Stadtteilen ansieht. Die Kassenärztlichen Vereinigungen sind hier mit einem Thema konfrontiert, das innerhalb der Ärzteschaft auch Ärger bereiten kann. Niedergelassene Ärzte sind Kleinunternehmer, die eben auch nach wirtschaftlichen Interessen entscheiden.

Sie kritisieren die unterschiedliche Verteilung der Ärzte in den Stadtteilen – es gibt drohenden Mangel und Überversorgung. Warum greift die Gesundheitsbehörde nicht ein?

Die Politik hat leider keinerlei rechtliche Grundlagen, um in die Selbstverwaltung einzugreifen.

Aber es muss ja etwas unternommen werden, damit es nicht zu einem ernsthaften Mangel an Haus- und Kinderärzten in diesen Stadtteilen kommt?

Die Probleme müssen stärker öffentlich diskutiert und damit auch ein entsprechend öffentlicher Erwartungsdruck auf die Akteure – also die Kassenärztliche Vereinigung – ausgeübt werden. Das kann als Debatte im Parlament geschehen. Und das bleibt nicht ohne Folgen für die Akteure.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+