Plan für Flüssiggas-Terminal Punktverlust für Wilhelmshaven

Im Rennen um das geplante deutsche Terminal für Flüssiggas ist am Jadebusen ein Biotop im Weg. Noch ist nicht klar, ob die Chancen für Wilhelmshaven damit deutlich sinken.
03.03.2020, 06:00
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Punktverlust für Wilhelmshaven
Von Jürgen Hinrichs

Im Kopf-an-Kopf-Rennen um den Bau des geplanten Terminals für Flüssiggas (LNG) hat der Standort Wilhelmshaven kurz vor der Entscheidung einen Rückschlag erlitten. Es gibt Hinweise, dass sich in dem Gebiet am Voslapper Groden unter Wasser ein Biotop angesiedelt hat. Nach einem Bericht des NDR sind dort Muscheln, Würmer und winzige Lebewesen zu Hause, die zum Teil so klein sind, dass sie sich auch in Hohlräumen zwischen Sandkörnern wohlfühlen. Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) sagte dem NDR, dass alle Beteiligten davon ausgehen, dass es sich um eine schützenswerte Struktur handelt. Ein Umstand, der den drei anderen deutschen Bewerbern für das LNG-Terminal in die Karten spielt. Neben Wilhelmshaven stehen Stade, Brunsbüttel und Rostock in den Startblöcken.

Die Behörde von Lies bestätigte am Montag auf Anfrage die Darstellung des NDR. „Die möglichen Betreiber des Terminals lassen unter Wasser und an Land die Natur untersuchen und sind zu Ergebnissen gekommen, die allerdings noch nicht endgültig sind“, sagte Ministeriumssprecher Gunars Reichenbachs. Sobald es verlässliche Informationen gebe, werde über mögliche Konsequenzen im Zusammenhang mit den LNG-Plänen nachgedacht. Möglich sei zum Beispiel die Verlagerung des Biotops oder ein Naturausgleich an anderer Stelle. Ob damit Verzögerungen für das Projekt einhergehen, könne noch nicht gesagt werden.

Finnischer Energiekonzern übernimmt Uniper

Verantwortlich für die Pläne ist das deutsche Energieunternehmen Uniper, das vor vier Jahren durch die Abspaltung von E.ON entstanden ist. Am Montag berichtete die Deutsche Presseagentur, dass Uniper kurz davor stehe, vom finnischen Energiekonzern Fortum übernommen zu werden.

Oliver Giese, Projektleiter des Wilhelmshavener LNG-Projekts, nahm am Montag ausführlich Stellung zu der Nachricht, dass den Plänen am Jadebusen ein Biotop im Wege stehen könnte: „Die von Uniper im vergangenen Jahr eingeleiteten Erhebungen und Untersuchungen der Umweltgutachter haben eine Indikation hervorgebracht, wonach es in der Nähe des Anlegers für das geplante schwimmende LNG-Terminal einen natürlichen Lebensraum geben könnte.“ Sein Unternehmen nehme diesen Hinweis sehr ernst und habe umgehend eine weitergehende Prüfung eingeleitet. Selbstverständlich seien auch die beteiligten Behörden informiert worden. „Klar ist: Seriosität geht vor Geschwindigkeit. Wir bitten deshalb von Spekulationen über eine mögliche Auswirkung auf die Projekt- und Zeitplanung des geplanten LNG-Terminals Abstand zu nehmen“, sagte Giese.

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LNG ist verflüssigtes Erdgas, die Abkürzung steht für das englische Liquefied Natural Gas. Das Erdgas wird zunächst gereinigt, sodass es anschließend zu rund 98 Prozent aus reinem Methan besteht. Durch Abkühlung auf minus 162 Grad Celsius wird das Gas flüssig und lässt sich so wirtschaftlicher transportieren und einfacher lagern. Deutschland ist an LNG interessiert, weil es als Brückentechnologie dienen könnte, wenn die Atom- und Kohlekraftwerke wie vorgesehen eines Tages alle abgeschaltet sind. Gleichzeitig soll die Versorgung mit Gas auf eine breitere Basis gestellt werden. Maßgeblich sind bisher über andere Kanäle russische und norwegische Quellen, mit LNG könnten es auch nordamerikanische sein.

Im Gespräch mit dem WESER-KURIER hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) die Unterstützung der deutschen LNG-Pläne noch einmal bekräftigt: „Es sollen Terminals in Wilhelmshaven, Brunsbüttel und Rostock entstehen“, so Altmaier. In Stade auch, dieser Standort liege allerdings nicht in einem Fördergebiet. Der Bund habe seine Hausaufgaben gemacht und gesetzliche Änderungen beschlossen. Damit sei die Finanzierung der Stichleitungen zum Gasnetz gesichert. „Außerdem werden wir finanzielle Mittel bereitstellen, zum Beispiel über die Gemeinschaftsaufgabe Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur.“ Von diesem Topf würde Stade nicht profitieren.

Zu wenig Kapazitätsbuchungen

"Gebaut werden die Terminals von privaten Investoren und ihren Konsortien. Mit konkreten Investitionsentscheidungen rechne ich innerhalb der nächsten Monate", erklärte Altmaier. Derzeit gebe es noch keine ausreichenden Kapazitätsbuchungen, insbesondere von US-amerikanischer Seite. "Bereits vor einem Jahr fand hierzu in Berlin eine US/Deutsche Tagung statt, die das vorhandene Interesse bestätigt hat.“

In Wilhelmshaven ist nicht nur wegen des mutmaßlichen Biotops eine Gemengelage entstanden, die Uniper und der gesamten Hafenwirtschaft Probleme bereiten könnte. Der angrenzende Nationalpark Wattenmeer soll zu einem Biosphärenreservat der Unesco aufrücken. Die Stadt Wilhelmshaven hatte bereits vor gut einem Jahr beschlossen, sich auf entsprechende Gespräche einzulassen.

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Der Arbeitgeber- und Wirtschaftsverband Jade und die Wilhelmshavener Hafenwirtschafts-Vereinigung gehen massiv dagegen an und untermauern ihre Position jetzt in einem offenen Brief an den Wilhelmshavener Oberbürgermeister. Sie befürchten Einschränkungen, unter anderem bei der Erweiterung des Jade-Weser-Ports, der Niedersachsen und Bremen gehört – und eben auch beim LNG-Projekt. Wörtlich heißt es in dem Brief: Zu befürchten sei „eine permanente Planungsunsicherheit und immer stärkere politische Einflussnahme auf die wirtschaftliche Handlungsfreiheit örtlicher Unternehmen“.

Formiert haben sich am Jadebusen aber auch die Naturschützer. Sie gründeten im Februar unter dem Namen Klima-Allianz-Nordseeküste eine Initiative, die sich dezidiert gegen das geplante LNG-Terminal richtet. LNG sei umwelt- und klimaschädlich, weil es ein fossiler Brennstoff sei und Methan entweiche, wenn Erdgas gefördert, gelagert oder im Schiffsmotor verbrannt werde.

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